Samstag, 17. Oktober 2020

Die „Watschn“ von Sexten und Welsberg

„Die Situation hat sich dramatisch verschlechtert.“ Der Brunecker Biostatistiker Markus Falk lässt auch von Wien aus seine Heimat Südtirol und das Infektionsgeschehen nicht aus den Augen. Bürgern aus Sexten und Welsberg legt er dringend ans Herz, nur mit Maske zu zirkulieren, „sonst haben wir Streubomben“.

Die Corona-Zahlen steigen und steigen.
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Die Corona-Zahlen steigen und steigen. - Foto: © shutterstock
„Dolomiten“: Herr Falk, allein heute (gestern, Anm. d. Red.) mit 128 Neuinfektionen ein neuer Höchstwert seit Beginn der Pandemie Ende Februar. Wie schätzen Sie die Situation ein?

Markus Falk: Die Situation hat sich in dieser Woche dramatisch verschlechtert, aber das war leider Gottes nicht überraschend.

„D“: Warum?

Falk: Das ging schon seit Septemberanfang los. Über Rückkehrer – Urlauber, Geschäftsreisende, Erntehelfer spielten kaum eine Rolle – hat sich Südtirol Infizierte importiert. Nur ein Beispiel: Ein Geschäftsfreund aus Verona kam nach Wien, hat sich infiziert, hat bei seiner Rückkehr seine Familie in Verona infiziert und bei einem Besuch in Meran seine Großeltern. Ich schätze, dass heute laut Hochrechnung – ich kenne die Zahlen noch nicht –, in Bozen mindestens 30 Neuinfektionen dazukommen (in der Tat waren es gestern sogar 51 Neuinfektionen, Anm. d. Red.).

„D“: Hat Bozen ein Problem?

Falk: Ich sehe aus der Ferne nur die nackten Zahlen. Aber ich denke, das Problem in Bozen sind die kleinen Cluster. Man verzeichnet einen deutlichen Anstieg der Fälle, das Virus zirkuliert und ist weit verstreut. Dieses Problem wollte bisher niemand richtig wahrhaben. Egal wer das Virus in die Familie trägt, von dort trägt es jemand zur Arbeit und von dort in die nächste Familie. Das passiert jetzt in 20 Familien und nächste Woche können es schon 40 sein. Ein weiterer Multiplikator, der sich gewaschen hätte, wäre da die Schule gewesen, wenn sie ohne Hygienekonzept gestartet wäre, wie das leider Gottes an Schulen in den USA der Fall war. Besonders Oberschule ist hochriskant, weil man bereits älter und immer in einer Gruppe ist. Mit einem Infizierten in einer 10er-Gruppe haben wir spätestens nach 4 Tagen mindestens einen weiteren Infizierten, im Schnitt aber 3 Positive.

„D“: Wie steht Südtirol in punkto Schule da? Sie haben ja die Monitoring-Studie erarbeitet.

Falk: Man weiß, dass die Häufigkeit der Erkrankung mit dem Alter zunimmt. Von daher die Vermutung, dass man in der Oberschule mehr Fälle sehen wird – und das ist eingetroffen. Wir haben in der Oberschule 2,9 Fälle auf 10.000 Schüler, in Kindergärten, Grund- und Mittelschulen zusammengenommen 1,5 Fälle je 10.000 Kinder. Damit ist das Schulamt richtig gelegen, nicht zu 100 Prozent Frontalunterricht anzubieten und die Gruppen klein zu halten. Daher ist an den Schulen bisher relativ wenig passiert. Man darf sich aber nicht ausruhen.

„D“: Zurück zu Südtirol mit einer der höchsten Infektionszahlen italienweit. Ihre Prognose?

Falk: Wir haben offensichtlich verlernt, worauf wir aufzupassen haben. Vor 2 Wochen habe ich prognostiziert, dass wir Anfang November für das Robert-Koch-Institut zur roten Zone werden. Jetzt wird das um 2 Wochen früher kommen als erwartet, auch weil wir mit Sexten und Welsberg die 2 Hotspots bekommen haben, die nur die Spitze des Eisbergs sind. 90 Prozent der Ausbrüche sind Herde im Kleinen, nur 10 Prozent sind große Ausbrüche wie in Welsberg und Sexten. Die Prognosen verheißen nichts Gutes. Welsberg und Sexten sind die ersten „Watschn“, die uns zeigen, wie es gehen kann, wenn wir uns nicht an die Regeln halten. Ich hoffe, dass die Leute wachgerüttelt werden. Jetzt gibt es 2 Möglichkeiten: Dass wir alle die Schutzmaßnahmen ernst nehmen, oder aber Verwaltung und Politik werden kreativ, wie Kontakte reduziert werden können.

„D“: Am Donnerstag wurde beschlossen, die Teilnehmerzahl bei Feiern auf 30 zu beschränken. Bringt das was?

Falk: Leider Gottes sind das noch zu viele Leute. Modelle zeigen, dass es nicht mehr als 10 Leute sein sollten, um nicht solche Hotspots zu kreieren. Diese sind es, die die Zahlen hoch halten und auch weitere kleine Ausbrüche nach sich ziehen. Von der hohen Leiter kommt man so nicht herunter. Hält man sich hingegen an die Schutzregeln, dann gibt es dort in 2 bis 3 Wochen keine Fälle mehr.

„D“: Bei den „kleinen Lockdowns“ in Sexten und Welsberg sind zwar Bars, Schulen usw. geschlossen, aber die Menschen dürfen in andere Ortschaften fahren. Ist das nicht gefährlich?

Falk: Sofern die Menschen Masken tragen, ist das kein Problem, sind sie allerdings kopflos unterwegs, haben wir Streubomben.

„D“: Droht ein neuer Lockdown?

Falk: Nein, ein Lockdown wie im Frühjahr kommt sicher nicht, weil sich ein Großteil an die Maskenpflicht hält. Wichtig ist jetzt, sofort jeden in die Pflicht zu nehmen. Wir dürfen nicht alles verschlafen wie im Frühjahr.

Int.: Luise Malfertheiner

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