Cristina lebte mit ihrer Familie in Mailand. Im Sommer fuhr man in die Villa in Eupilio, eine Ortschaft nahe dem Comer See. An jenem Abend hatte sie sich mit Freunden getroffen und bis Mitternacht unterhalten. Danach fuhren ihr Freund, ihre Schwester und sie gemeinsam nach Hause. <BR /><BR />An einer Abzweigung wurde ihnen jedoch der Weg von einem Fahrzeug abgeschnitten. Drei Männer sprangen aus einem Versteck, stießen die Jugendlichen auf den Rücksitz und befahlen ihnen, den Blick zu senken. Einer der bewaffneten Männer setzte sich ans Steuer, der andere auf den Beifahrersitz und nach etwa einer Stunde hielt der Fahrer an. Ein Mann fragte: „Welche von euch ist Cristina?“ <BR /><BR />Als das Mädchen sich zu erkennen gab, zogen die Mafiosi sie in ein anderes Auto und fuhren mit ihr davon. Nach einer Woche meldeten sich die Entführer und forderten fünf Milliarden Lire Lösegeld. In Euro umgerechnet und auf heutige Kaufkraft angepasst entspricht das knapp 23 Millionen Euro. Am Ende einigte man sich auf etwas mehr als eine Milliarde Lire (rund 4,8 Millionen Euro heute), die der Vater mithilfe einer von Freunden gestarteten Sammelaktion aufbringen konnte. Das Geld wurde am vereinbarten Ort hinterlegt, doch Cristina kehrte nicht zurück.<h3> Cristina hatte die gesamte Zeit ihrer Gefangenschaft in einem 1,40 Meter tiefen und 2,5 Meter langen Loch verbracht</h3>Den Rekonstruktionen zufolge war das Mädchen zu diesem Zeitpunkt bereits tot. Cristina hatte die gesamte Zeit ihrer Gefangenschaft in einem 1,40 Meter tiefen und 2,5 Meter langen Loch verbringen müssen und wurde zudem täglich mit Beruhigungspillen betäubt. Diese Details erfuhren die Ermittler später von einem Hehler, der versucht hatte, einen Teil des Lösegeldes in die Schweiz zu bringen. Er war es auch, der den Ermittlern den Fundort von Cristinas Leiche nannte.<BR /><BR />Bereits 1977 wurden 13 Haftstrafen gegen Mitglieder der 'Ndrangheta verhängt. Es fehlte jedoch die Anklage gegen die Männer, die Cristina direkt entführt hatten. Dabei handelte es sich um drei Kalabresen, die bereits in Haft saßen. Der Prozess wurde kürzlich wieder aufgerollt. Ausschlaggebend waren unter anderem Zeugenaussagen sowie dank der Kriminaltechnik die Zuordnung eines Fingerabdrucks eines Entführers auf dem Fahrzeug des Opfers im Jahr 2006 .<BR /><BR />Am Mittwoch verurteilte ein Schwurgericht in Como zwei Männer wegen tödlicher Entführung zu lebenslanger Haft. Die Richter sahen es als erwiesen an, dass die Angeklagten den Tod des Opfers bewusst in Kauf genommen hatten, als sie die junge Frau im Juni 1975 im Auftrag der 'Ndrangheta verschleppten.<h3> Demetro Latella und Giuseppe Calabró verurteilt</h3>Verurteilt wurden Demetrio Latella (71) und Giuseppe Calabrò (74) aus der Provinz Reggio Calabria wegen mehrfach erschwerten vorsätzlichen Mordes. Ein dritter Angeklagter, Antonio Talia (73), wurde freigesprochen. Das ursprüngliche Delikt der Entführung wurde wegen Verjährung als erloschen erklärt. Bereits 1977 waren mehrere Mitglieder der Entführerbande in einem ersten Prozess verurteilt worden, darunter acht zu lebenslanger Haft. Die unmittelbar an der Entführung beteiligten Täter waren damals jedoch nicht gefasst worden.<BR /><BR />Die Geschwister der Getöteten erhalten jeweils eine vorläufige Entschädigung von 600.000 Euro zugesprochen, beschloss das Schwurgericht in Como. Die Angeklagten bleiben bis zu einer rechtskräftigen Entscheidung auf freiem Fuß; Berufungen gelten als wahrscheinlich.<BR /><BR />Die Anonima Sequestri war keine feste Organisation, sondern ein Sammelbegriff für kriminelle Entführerbanden in Italien, die sich vor allem auf Entführungen gegen Lösegeld spezialisiert hatten. Der Begriff wurde von Medien, Polizei und Justiz verwendet, um diese schwer greifbaren Netzwerke zu bezeichnen. Entführungen durch die 'Ndrangheta gehörten von Mitte der 1960er-Jahre bis Anfang der 1990er-Jahre nahezu zur alltäglichen Berichterstattung. In diesem Zeitraum entführte die Organisation fast 700 Menschen.