Im ausführlichen Abschiedsinterview spricht er über seine größten Herausforderungen in Südtirol, welche Eigenschaften ihn hier am stärksten beeindruckt haben und wie er hierzulande oftmals in ungewohnter Aufmachung mit den Leuten ins Gespräch kam. <b>von Elmar Pichler Rolle</b><BR /><BR />Cusumano: „Einen Rat gibt man nur, wenn er gebraucht wird, und in Südtirol war ich derjenige, der gelernt hat. Einen Wunsch aber habe ich: Bleibt, wie ihr seid, und macht so weiter.“<BR />Vito Cusumano trat vor 40 Jahren in den Staatsdienst ein. Der Sohn eines Lehrer-Elternpaares aus Mazara del Vallo, einer noch von den Phöniziern an der Westküste Siziliens gegründeten Stadt, diente lange in seiner Heimat – an der Präfektur in Caltanissetta. Warum auch immer, beschlossen er und seine Ehefrau Rosa bereits damals, sich eine Skiausrüstung zuzulegen, um auf dem Ätna Ski zu fahren. Jahre später gönnten sie sich dann einen Skiurlaub in Gröden. „Es war ein großartiges Erlebnis, wir hatten zwei Skilehrer und die haben uns nicht nur gezeigt, wie man Ski fährt, sondern auch viel über Land und Leute erzählt. Damals dachte ich nicht im Entferntesten daran, dass ich einmal hier arbeiten würde“, erzählt der Jurist im Abschiedsgespräch in seinem Büro im Bozner Herzogspalais.<BR /><BR /><b>Skiurlaub in Gröden war erster Kontakt mit Südtirol</b><BR /><BR />Sein erster Dienst außerhalb Siziliens führte ihn 2008 nach Alessandria, wo er vier Jahre lang blieb. Dort gingen die drei Kinder zur Schule, dort erwarben seine Frau und er eine Wohnung und dorthin wollen sie sich nach seiner Pensionierung im Herbst 2027 niederlassen. „Unsere erwachsenen Kinder sind in Mailand berufstätig – eine Tochter ist Anwältin, eine Psychologin und der Sohn ist Finanzanalyst. Alessandria liegt zwar im Piemont, aber nur knapp 90 Kilometer von Mailand entfernt.“ Eine Zeit also in Alessandria, eine Zeit in Mailand bei den Kindern und eine Zeit auch in seiner Heimat in Mazara del Vallo. Das sind die Pläne für den Ruhestand.<BR /><BR />Noch ist es nicht so weit. Eigentlich hätte Vito Cusumano heuer in Pension gehen können, doch dann kam eine Reform mit der Möglichkeit, bis zum 67. Geburtstag zu bleiben. Er willigte ein, in der festen Überzeugung, bis Oktober 2027 in Bozen zu sein. Es war Matteo Piantedosis Entscheidung, Cusumano zum Präfekten von L’Aquila zu berufen. „Damit habe ich nicht gerechnet, aber für mich ist es eine Anerkennung, für die ich dem Innenminister sehr dankbar bin, denn L’Aquila ist Regionalhauptstadt (Region Abruzzen, A.d.R.)“, sagt der Regierungskommissar, dem der Abschied nicht leichtfällt.<BR /><BR /><b>Die schwierigen Jahre an der Präfektur in Venedig</b><BR /><BR />Vor seiner Berufung zum Präfekten und Regierungskommissar der Autonomen Provinz Bozen war Cusumano fünf Jahre lang Vize-Präfekt von Venedig: „Die Lagunenstadt ist echt ein Traum, der Sitz der Präfektur liegt direkt am Canal Grande, aber es war eine ungemein anstrengende, schwierige Zeit. Der sogenannte arabische Frühling hatte eine riesige Flüchtlingswelle ausgelöst und ich war verantwortlich für die Unterbringung und Aufteilung der Flüchtlinge in der Region Venetien und den sieben Provinzen sowie für die Einwanderung und Familienzusammenführung. Man kann sich kaum vorstellen, was sich da abspielte, aber wir haben es gottlob in den Griff bekommen.“<BR /><BR />Die Berufung nach Bozen erfolgte im Mai 2017. Überraschend. „Ich dachte an den Skiurlaub vor langer Zeit und habe gleich mein Citybike aus Alessandria mitgebracht, doch bald habe ich begriffen, dass es in Südtirol anderes braucht.“ Cusumano entdeckte seine Leidenschaft für die Berge und für das Rennrad. So kehrte der Präfekt nicht selten in Rennrad-Bekleidung unerkannt des Weges ein und unterhielt sich mit den Leuten. „Ich habe bei den vielen Ausflügen das Land und dessen Menschen kennengelernt“, erzählt der hohe Staatsbeamte.<BR /><BR /><b>„Etwas Einmaliges, das ich nirgendwo sonst erlebt habe“</b><BR /><BR />Er hat sich in den achteinhalb Jahren ein Bild von Südtirol gemacht. „Vor allem in den italienischen Städten, aber auch am Land, durchzechen junge Menschen oft ganze Wochenenden. Am Sonntag liegen sie dann wie tot im Bett. Natürlich feiern auch die jungen Südtirolerinnen und Südtiroler, aber am Sonntag ziehen sie die Tracht an, spielen in der Musikkapelle oder sind in anderen Vereinen aktiv und nehmen am Dorfgeschehen teil – das ist etwas Einmaliges, wie ich es nirgendwo sonst je erlebt habe. Oder wenn ich in Südtirol an so manchem Begräbnis teilnahm und sah, wie das ganze Dorf sich um die Angehörigen schart, wie persönlich Beileid gewünscht wird und man danach beim Totenmahl zusammensitzt, das ist die höchste Form des gesellschaftlich-sozialen Zusammenhalts. Ich wünsche, dass es den Südtirolern gelingt, ihre Traditionen und Werte beizubehalten, sie sind der wahre Reichtum.“<BR /><BR />Kritische Punkte müssen angesprochen werden. Die Zweisprachigkeit bei den staatlichen Behörden zum Beispiel, Regierungskommissariat inklusive. „Die Zweisprachigkeit ist ein Grundrecht, und ich habe auf jeden Hinweis, auf jede Beschwerde reagiert. Ich habe bei Missachtung der Zweisprachigkeit schriftliche Abmahnungen geschickt“, sagt Cusumano. Aber er räumt ein: „Es ist für die staatlichen Behörden schwierig, Personal zu finden. Unsere Mitarbeiter erhalten in ganz Italien den gleichen Lohn und der ist um einiges niedriger als jener der Landesbediensteten. Viele, die von auswärts kommen, können sich in Bozen kaum eine Wohnung leisten.“<BR /><BR /><b>„Corona-Pandemie war die größte Herausforderung“</b><BR /><BR />Welches war die schwierigste Zeit in seinen achteinhalb Jahren an der Spitze der Staatsbehörden in Südtirol? Cusumano zögert keine Sekunde: „Es war die Zeit der Pandemie. Corona hat mich und unsere gesamte Behörde extrem gefordert. Beinahe täglich gab es neue Regelungen, einmal durch die Staatsregierung, dann durch das Land und auch seitens der Bürgermeister. Es war unübersichtlich und ich musste ständig Entscheidungen treffen, denn gewisse Dienste mussten unbedingt aufrecht bleiben – Südtirol hatte da seine Besonderheiten, doch das passte oft nicht mit den Vorgaben zusammen.“<BR /><BR />Als Höhepunkte seiner Zeit in Südtirol nennt Cusumano das offizielle Treffen des österreichischen Bundespräsidenten und des italienischen Staatspräsidenten in Meran, die wiederholten Aufenthalte von Sergio Mattarella sowie vieler Minister. „Aber es haben noch viele weitere Präsidenten und Minister aus anderen Ländern Südtirol inkognito besucht, darüber galt es, Stillschweigen zu bewahren“, erzählt Cusumano und weiß sich damit in seiner Bewunderung für Südtirol in bester Gesellschaft.