Ein blutverschmiertes Foto; darauf zu sehen ist ein Messer, das einer Person ins Herz gerammt wird. Darunter die Nachricht: „Ich will, dass du morgen in der Pause allein stehst.“ Absender: ein zwölfjähriges Mädchen. Es ist 1 Uhr nachts, als das Display aufleuchtet. An Schlaf ist für die 13-jährige Empfängerin, Anna <I>(Name von der Redaktion geändert)</I>, nicht mehr zu denken. Schon jetzt graut ihr vor dem Gang in die Schule am nächsten Morgen – die Absenderin der Nachricht ist nämlich eine Klassenkameradin. <h3> Eine Belastung, die höher wird</h3>Die Rede ist von Cybermobbing. Ein Phänomen, das – auch in Südtirol – keine Seltenheit mehr ist. Die Zahlen dazu sprechen eine klare Sprache: Eine italienweite und groß angelegte Studie aus dem Jahr 2022 zeigte, dass mehr als jede sechste Person zwischen elf und 15 Jahren mindestens einmal im Leben Opfer von Mobbing oder Cybermobbing wurde. Bei den elfjährigen Buben lag der Anteil bei 17,2 Prozent, bei den Mädchen bei über 21 Prozent. Im Vergleich zur Erhebung von 2017 ist die Belastung durch Cybermobbing messbar angestiegen. Somit ist davon auszugehen, dass das Problem mittlerweile weiter zugenommen hat, auch wenn für 2026 noch keine aktuellen Daten vorliegen.<BR /><BR />Laut der Kinder- und Jugendanwältin Daniela Höller liegt Cybermobbing dann vor, wenn Druck, Aggression, Belästigung oder Beleidigung gegenüber Minderjährigen über elektronische Mittel ausgeübt werden. Das Erkennungsmerkmal gegenüber klassischem Mobbing sei also die Art der Durchführung – über digitale Medien. Ziel sei es auch hier, eine Person gezielt anzugreifen oder von einer Gruppe zu isolieren.<BR /><BR />Während klassisches Mobbing eine gewisse Wiederholung voraussetzt, könne beim Cybermobbing bereits ein einzelner Vorfall ausreichen, so die Expertin. <h3> Mitten im eigenen Zuhause</h3>Die Südtiroler Familie im Fall, welcher s+ vorliegt, möch<?TrVer> te anonym bleiben. Es ist ihr jedoch ein großes Anliegen, ihre Geschichte zu teilen und dem Thema mehr Öffentlichkeit zu verschaffen. <BR /><BR />Dabei begann auch für sie alles ganz gewöhnlich: In der 5. Klasse Grundschule erhielt Anna ihr erstes eigenes Smartphone. Dabei wollte ihre Mutter ursprünglich, dass sie es erst in der Mittelschule bekommt. „Da in ihrer Klasse jedoch bereits alle eines besaßen, habe ich nachgegeben“, erzählt sie. Aus dem Nichts trafen nur wenige Zeit später Hassnachrichten über Snapchat und WhatsApp ein. Eine Mitschülerin schickte ihr Drohungen und Bilder mit mordähnlichen Motiven. Bald wurden daraus zwei Mitschülerinnen, die Anna zu allen Tages- und Nachtzeiten kontaktierten. Schlaflose Nächte, Angst und Unsicherheit waren die Folge. <BR /><BR />Doch wie reagiert man, wenn die Bedrohung durch das eigene Kinderzimmer dringt?<h3> Das Schweigen durchbrechen</h3>Dass in solchen Fällen häufig erst spät Hilfe gesucht wird, bestätigt Daniela Höller: „Das Problem ist einerseits, dass Cybermobbing oft verharmlost und auch von Erwachsenen als bloße Hänselei unter Kindern und Jugendlichen abgetan wird. Andererseits holen sich Familien und junge Menschen oft erst dann Hilfe, wenn der Leidensdruck bereits sehr groß ist.“ Bei rund vier Prozent der Anfragen an die Kinder- und Jugendanwaltschaft gehe es um Mobbing oder Cybermobbing. Viele Betroffene würden sich allerdings direkt an schulinterne Anlaufstellen oder bei strafrechtlich relevanten Handlungen an die Ordnungskräfte wenden. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1349853_image" /></div> <BR />Die Dunkelziffer, also Fälle, die gar nie bekannt werden und auch den Eltern nicht mitgeteilt werden, dürfte laut Höller jedoch um einiges höher sein. <h3> Wenn Eltern wegsehen</h3>Annas Eltern suchten als erste Maßnahme den Weg zu den Müttern der Absenderinnen – und stießen auf eine Wand aus Gleichgültigkeit: „Die eine Mutter sagte mir, es sei normal, dass man sich gegenseitig ein bisschen fertigmache. Das gehöre dazu, da wird man stark. Die andere stritt schlichtweg ab, dass ihre Tochter beteiligt sei.“ Als die Eltern daraufhin versuchten, mit den Mädchen persönlich zu reden, eskalierte der Konflikt auf Ebene der Erwachsenen: Per SMS forderten die Mütter der Gegenseite, man solle aufhören, gegen ihre Kinder zu „hetzen“, und drohten mit rechtlichen Schritten. Für Annas Familie begann damit eine Kette von Dilemmata. Ein Entzug des Smartphones hätte das Risiko erhöht, Anna noch weiter zu isolieren. Das Blockieren der Kontakte wiederum hätte die Situation spätestens auf dem Schulhof weiter eskalieren lassen können. So sah sich die Familie schlussendlich gezwungen, die Kinder- und Jugendanwaltschaft zu kontaktieren. <BR /><BR />Was dann im Detail passiere, hänge vom jeweiligen Fall ab, führt Daniela Höller weiter aus. Von ei<?TrVer> ner formellen Anzeige bei den Ordnungskräften bis hin zu einer Verwarnung der Übeltäter bei der Quästur ge<?TrVer> be es für Betroffene verschiedene rechtliche Wege. „Wichtig dabei ist, mögliche Beweise zu si<?TrVer> chern. Bei Cybermobbing können Screenshots von Nachrichten sowie auch Audioaufnahmen wichtig sein.“ Denn bevor jemand strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden könne, müsse geprüft werden, ob tatsächlich ein entsprechender Straftatbestand vorliege, so die Expertin. <BR /><BR />Im Fall von Anna entschied sich die Familie schlussendlich gegen rechtliche Schritte und stattdessen für eine vollständige Blockierung der Kontakte. Fortan sei Anna somit von den Mädchen vollständig ignoriert worden, sie wechselte in der Mittelschule in eine andere Klasse.<BR /><BR /><h3> Prävention als Schlüssel</h3>Die Wunden blieben dennoch. Für Annas Mutter steht fest: An den Schulen fehle es immer noch an Aufklärung: „Die Kinder machen zwar einen Handyführerschein, aber solche Themen kommen darin nicht vor.“<BR /><BR />Auch Höller setzt auf Prävention: Das Thema offen anzusprechen, sei das A und O. Entscheidend sei zudem, dass Kinder und Jugendliche wissen, an wen sie sich wenden können und welche Rechte sie haben. Gerade weil Cybermobbing zeitlich und räumlich keine Grenzen kennt, kann die Belastung für Betroffene groß sein.<BR /><BR />Umso wichtiger sei es, betroffene Kinder ernst zu nehmen und ih<?TrVer> nen zuzuhören, betont die Ju<?TrVer> ristin abschließend: „Damit erst gar keine Wunden entstehen kön<?TrVer> nen.“<BR /><BR />i<embed id="dtext86-76029542_listbox" />