<b>STOL: Leider mussten jetzt auch die Sherpas die Suche nach den Vermissten im Himalaya einstellen. Die Schneebeschaffenheit macht ein Graben unmöglich. Kennen Sie solche Situationen?</b><BR />Christian Knoll: Ja, solche Situationen gibt es auch bei uns. Sobald sich die Schneemassen gesetzt haben, verhärtet sich der Schnee oft innerhalb kurzer Zeit zu einer kompakten, fast undurchdringlichen Schicht, die sich anfühlt wie Beton. Diese Verfestigung entsteht durch den enormen Druck und die Bewegung während des Lawinenabgangs und macht eine Bergung äußerst schwierig oder sogar unmöglich. Die Sonde dringt nicht mehr durch, und selbst Schaufeln wird nahezu aussichtslos. Auch Lawinenhunde haben dann kaum eine Chance, da durch den dichten Schnee keine Gerüche nach außen dringen. Wenn der Schnee so extrem hart oder betonartig wird – sei es durch Verdichtung oder Nässe – sinken die Überlebenschancen dramatisch. In solchen Schneemassen entstehen kaum Lufttaschen, Verschüttete geraten schnell in lebensbedrohlichen Sauerstoffmangel.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1238241_image" /></div> <BR /><BR /><b>STOL: Wie hilfreich sind Lawinenpiepser oder RECCO-Systeme bei Lawinenabgängen in hochalpinem Gelände?</b><BR />Knoll: Lawinenpiepser und Systeme wie RECCO haben in den vergangenen Jahrzehnten unzähligen Verschütteten das Leben gerettet – vorausgesetzt, Kameraden oder Einsatzkräfte konnten schnell genug an den Lawinenkegel gelangen. Am Yalung Ri jedoch türmten sich die Schneemassen nach dem Abgang bis zu sechs Meter hoch. In solchen Tiefen hat selbst die beste Ausrüstung nur noch eingeschränkte Chancen, ihre Stärke auszuspielen. Zwar sind die meisten Piepser für Verschüttungstiefen von mehreren Metern ausgelegt und senden beziehungsweise empfangen Signale in Entfernungen bis zu rund 60 Metern, und auch das RECCO-System arbeitet bei Pulverschneelawinen zuverlässig – doch im kompakten, meterhohen Schneepanzer blieb die Suche nach den Vermissten leider erfolglos. Wenn Menschen unter Lawinen solchen Ausmaßes geraten und nicht unmittelbar nach dem Abgang geortet und geborgen werden, bleiben sie häufig bis zur Schneeschmelze – oder manchmal auch für immer – unter der Schneedecke verborgen. <BR /><BR /><b>STOL: Italienische Medien meldeten, dass von einem der Vermissten – es handelt sich dabei um Marco Di Marcello – noch einige Zeit ein GPS-Signal empfangen wurde, das sich bewegte. Bei den Angehörigen keimte Hoffnung auf, dass er noch leben könnte? Was sagen Sie dazu?</b><BR />Knoll: Sehr wahrscheinlich stammte das Signal vom Handy oder wahrscheinlicher vom Satellitentelefon des Verschütteten. Solange das Gerät noch Strom hatte, konnte es GPS-Positionen übermitteln. Aber selbst wenn ein Signal empfangen wird, heißt das nicht automatisch, dass die Person noch lebt. Elektronische Geräte senden weiterhin Standortdaten, solange der Akku nicht leer ist. Die Technik kann Hoffnung geben – aber leider auch falsche Hoffnungen wecken. In abgelegenen Regionen wie dem Himalaya ist es zudem nicht unüblich, dass Signale verzögert oder über Satellitenumwege weitergegeben werden. Ob es sich dabei tatsächlich um ein GPS-Lebenszeichen handelt, lässt sich im Nachhinein kaum sicher beurteilen.<BR /><BR /><b>STOL: Wie hoch sind die Chancen unter einer Lawine zu überleben?</b> Knoll: Das hängt von vielen Faktoren ab, entscheidend für die Überlebenschancen ist aber vor allem die Zeit bis zur Bergung: In den ersten 15 Minuten liegen sie bei etwa 90 Prozent, nach 30 Minuten sinken sie auf 50 Prozent, nach einer Stunde auf unter 10 Prozent. Selbst wenn es gelingt, eine Atemhöhle zu bilden, bleibt also nur ein sehr kurzes Zeitfenster, bevor der Sauerstoff ausgeht oder der enorme Druck der Schneemassen zum Tod führt. In vielen Fällen sterben Verschüttete bereits beim Abgang der Lawine – durch deren enorme Wucht und Geschwindigkeit. Zahlreiche Opfer werden mit Schnee im Mund gefunden. Die häufigste Todesursache ist das Ersticken, gefolgt von schweren Verletzungen und Unterkühlung.<BR /><BR /><b>STOL: Gibt es Fälle, in denen jemand auch nach längerer Zeit lebend geborgen wurde?</b><BR />Knoll: Sie sind äußerst selten, aber es gibt sie. Wir reden allerdings von maximal wenigen Stunden. Ich erinnere mich an die Rettung eines Mannes, der über eine Stunde lang unter einem Meter Schnee begraben war. Der Lawinenhund hatte angeschlagen und ich habe zu graben begonnen – plötzlich griff der Verschüttete mit der Hand nach meinem Fuß. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass er das überlebt haben könnte. Fakt ist: Für das Überleben sind eine schnelle Rettung durch Begleiter oder Retter, das Tragen eines LVS-Geräts (Piepser) sowie zusätzliche Ausrüstung wie etwa Sonde und Schaufel entscheidend.