<b>In Südtirol wurden vor Kurzem die Kühlsysteme mehrerer Betriebe gehackt – auch Ihrer Kunden. Wie haben Sie den Angriff bemerkt?</b><BR />Kälte-Klima-Techniker: Unser großes Glück war, dass die Angreifer ein paar entscheidende Parameter nicht umgestellt haben. Dadurch hat unser System kurz nach fünf Uhr morgens eine automatische Benachrichtigung ausgelöst. Da ich zu diesem Zeitpunkt ohnehin schon im Büro war, konnten wir sofort reagieren. Zu zweit haben wir digital massiv dagegengearbeitet, alle Parameter manuell zurückgestellt und so das Gröbste abgefangen.<BR /><BR /><b>Wie sind die Hacker dabei vorgegangen?</b><BR />Wir konnten im Nachgang genau rekonstruieren, dass der Hack am Montag zwischen zwei und drei Uhr nachts begann, weil jede Parameteränderung protokolliert wird. Die Angreifer haben sich über den offiziellen digitalen Zugang des Herstellers Zugriff auf die Temperaturüberwachungsmodule verschafft. Dann haben sie die Werte so manipuliert, dass die Kühlung ins völlig Negative arbeitete. Die Abtaufunktion wurde auf Dauerschleife gestellt, die Abtauzeiten maximal verlängert und die Temperaturobergrenzen entsperrt. Kurz gesagt: Die Kühlung wurde faktisch ausgeschaltet. Das Ziel war eindeutig, die Temperatur so schnell und so hoch wie möglich nach oben zu treiben, um die Anlagen zu beschädigen und die Ware unbrauchbar zu machen. Ein Werkzeug, das eigentlich zur Wartung dient, wurde ins absolute Gegenteil verkehrt.<BR /><BR /><b>Wer war von dieser Manipulationswelle betroffen?</b><BR />Dasselbe Phänomen ist schon vor einigen Wochen in Frankreich in mehreren Orten aufgetreten. Diesmal war es allerdings deutlich flächendeckender. Bei uns im Haus betreuen wir 25 Kunden, die genau diese Module nutzen. Es waren zum Glück nicht alle von dem Angriff betroffen, aber wir haben daraufhin vorsorglich sehr viele Anlagen komplett vom Netz genommen. In ganz Südtirol waren mehrere Betriebe und auch verschiedene Kälte-Klima-Unternehmen involviert, aber durch das schnelle Eingreifen konnten die ganz großen Schäden überall rechtzeitig vermieden werden.<BR /><BR /><b>Die Frage, die sich Laien stellen: Warum muss ein Supermarkt- oder Hotel-Kühlschrank mit dem Internet verbunden sein?</b><BR />Das hat rein praktische und gesetzliche Gründe. Die Module zeichnen die Temperaturen lückenlos auf, damit die Betriebe nachweisen können, dass die Kühlkette von Lebensmitteln kontinuierlich eingehalten wurde. Zudem werden Fehlermeldungen sofort digital weitergeleitet – an den Kunden selbst, aber eben auch an uns als Servicebetrieb. Wenn eine Störung vorliegt, können wir von extern eingreifen und die Anlagen so schnell wie möglich wieder in Funktion bringen, ohne erst hinfahren zu müssen.<BR /><BR /><b>Wie gelingt es Hackern, in solche geschlossenen Systeme einzudringen?</b><BR />Die Angreifer sind, wie gesagt, über den Zugang des Herstellers eingestiegen. Das betroffene Produkt ist schon lange auf dem Markt. Es gibt zwar immer wieder Updates und vom Netzwerk des Kunden aus gäbe es durchaus Möglichkeiten, Einstellungen vorzunehmen, die den Hackern den Zugriff massiv erschwert hätten. Am Ende ist es aber immer ein Wettrüsten. Wenn es Cyberkriminelle schaffen, hochgesicherte Banken zu hacken, kann man es ihnen auch hier nie unmöglich machen. Man kann nur den Aufwand für sie so hoch wie möglich schrauben.<BR /><BR /><b>Warum aktualisieren Betriebe diese Systeme nicht einfach regelmäßig, so wie wir es von unseren Smartphones kennen?</b><BR />Weil die Realität in der Industrie eine andere ist. Sie kaufen heute ein Kühlsystem und haben in diesem Moment die aktuellste Version. Zwei Jahre später kommt eine völlig neue Technologie auf den Markt – und auf diese können Sie das alte Modul oft gar nicht mehr updaten. Bei der enormen Geschwindigkeit der technologischen Entwicklung ist der Stand nach ein paar Jahren so weit fortgeschritten, dass die verbaute Hardware schlicht nicht mehr folgen kann. Theoretisch müsste man die Geräte alle paar Jahre komplett erneuern. Das macht kaum jemand, und so bleibt alte Technologie im Einsatz, die naturgemäß einfacher zu hacken ist.<BR /><BR /><b>Haben Sie Anhaltspunkte darüber, wer hinter dem Angriff steckt? Werden solche Attacken mittlerweile mithilfe von Künstlicher Intelligenz durchgeführt?</b><BR />Ob es explizit eine KI war, weiß ich nicht, aber es war definitiv ein vollautomatisierter Prozess. Da saß ganz sicher kein Mensch am Rechner, der das manuell eingetippt hat, denn die Veränderung der Parameter geschah in einer extremen Geschwindigkeit. Wir Menschen wären dazu überhaupt nicht so schnell in der Lage. Was diese Schadsoftware in nur zwei Minuten im System verstellt hat, hat uns im Umkehrschluss zwei Stunden härteste Arbeit gekostet, um es überhaupt wieder zu richten.