Eine Analyse von Mariana Mazzucato.<BR /><BR />Die Coronafallzahlen steigen wieder und erinnern uns an die Lehren, wie wir aus früheren Wellen gezogen haben sollten. Die meisten davon sind keinesfalls auf Corona beschränkt, sondern gelten grundsätzlich für jede Bedrohung durch Infektionskrankheiten. Die Pandemie hat gezeigt, dass wir wissenschaftlich und technisch in der Lage sind, angesichts neuer Bedrohungen schnell sichere und wirksame Impfstoffe zu entwickeln und in großen Mengen herzustellen. Der Erfolg der Coronaimpfstoffe ist aber auch das Ergebnis von zwei Jahrzehnten unermüdlicher Arbeit durch Forscher an Universitäten und in der Privatwirtschaft, die im Moment der Wahrheit dank einer punktgenauen Injektion öffentlicher Mittel über die Ziellinie gebracht wurde.<BR /><BR />Besonders eine Technologie hat dabei eine entscheidende Rolle gespielt: mRNA – oder messenger RNA – die dank ihrer enormen Flexibilität und Skalierbarkeit für die Pandemievorsorge und -bekämpfung geradezu ideal ist. Schon heute werden mRNA-Impfstoffe und -Therapien gegen viele unterschiedliche Krankheiten getestet, während gleichzeitig daran gearbeitet wird, die Gebrauchstauglichkeit der Technologie zu verbessern (etwa durch eine bessere Temperaturstabilität). Wenn die nächste virale Epidemie zuschlägt, kommen als erste Lösung sehr wahrscheinlich mRNA-Impfstoffe aus den Startlöchern.<BR /><BR /><BR />Aber obwohl dieser wissenschaftliche Durchbruch in der Pandemie unzählige Leben gerettet hat, konnten lange nicht alle Menschen gleich stark davon profitieren. Ein Jahr nach Einführung der Coronaimpfstoffe waren ungefähr 73 Prozent der verabreichten Dosen auf Länder mit hohem und mittlerem Einkommen konzentriert und nur 0,9 Prozent waren in Niedrigeinkommensländern gelandet.<BR /><BR /><BR />Bei den mRNA-Impfstoffen war diese Ungleichheit sogar noch stärker ausgeprägt. Sie wurden vor allem in reichen Ländern eingesetzt, die schon vorab Vorräte gehortet hatten. Gleichzeitig regulierten Pharmaunternehmen die Lizenzierung und Produktion mit strenger Hand und machten dadurch Profite, die einem den Atem verschlagen.<BR /><BR /><BR />Deshalb lautet eine andere Lehre aus der Pandemie, dass wir das volle Potenzial der mRNA-Technologie nur realisieren, wenn wir einen neuen Ansatz verfolgen, bei dem eine gerechte Verteilung und das Gemeinwohl im Zentrum stehen. Dazu braucht es symbiotische öffentlich-private Bündnisse, in denen Risiken und Gewinne gleichmäßiger verteilt sind.<BR /><BR /><BR />Wenn Unternehmen von öffentlichen Mitteln profitieren – sei es in Form von Subventionen, Garantien, Krediten, Kaufzusagen oder Beschaffungsverträgen – sollten sie verpflichtet werden, den Nutzen dieser Investitionen für die Allgemeinheit zu maximieren. So könnten öffentliche Mittel, die in Forschung und Entwicklung, Produktion und Vertrieb von mRNA-Produkten fließen, an Auflagen geknüpft werden, die gewährleisten, dass diese Produkte später für alle bezahlbar und verfügbar sind und die Gewinne wieder in medizinische Innovationen investiert werden. Die mRNA-Technologien sind das Ergebnis einer kollektiven Anstrengung und sollten nicht unter der alleinigen Kontrolle weniger privater Unternehmen stehen. Sie sollte als globale Gesundheitsgüter gelten und für jeden erhältlich sein, der sie braucht.<BR /><BR /><BR />Ein Vergleich der Impfstoffe von AstraZeneca und Pfizer-BioNTech (mRNA) zeigt, warum eine solche Steuerung wichtig ist. Beide Partnerschaften erhielten erhebliche staatliche Fördermittel – 445 Millionen US-Dollar für BioNTech und 1,3 Milliarden US-Dollar für AstraZeneca – und beide profitierten von umfangreichen Vorabkaufzusagen. Aber während die öffentlichen Mittel für die Produktion von AstraZenecas Impfstoff an die Bedingung geknüpft war, dass das Unternehmen im Interesse der Verfügbarkeit niedrigeren Preisen zustimmt, durfte Pfizer-BioNTech hohe Preise aufrufen und lehnte später die Forderung nach Lizenzverträgen und Technologietransfers ab. Nächstes Mal müssen alle Regierungen dafür sorgen, dass ihre Vertragsbedingungen das Gemeinwohl schützen und Übergewinne regulieren.<BR /><BR />Außerdem sollten die Schutzsysteme für geistiges Eigentum den Wissenstransfer zwischen Ländern und damit auch die Dezentralisierung von Innovation und Produktion ermöglichen. Wir müssen dringend die Regeln und Praktiken im Bereich des geistigen Eigentums so umgestalten, dass wichtige Gesundheitstechnologien, und insbesondere solche, die auf Steuermittel und Humankapital (z. B. Forscher und Teilnehmer an klinischen Studien) angewiesen sind, dem Gemeinwohl zugutekommen. Aus diesem Grund forderte der Rat „Gesundheit für alle“ der Weltgesundheitsorganisation, dessen Vorsitzende ich war, dass sich die rechtliche Regelung von Patenten für mRNA-Technologien am Gemeinwohl und nicht an Eigentumsrechten orientiert.<BR /><BR />Praktisch bedeutet das, dass für die Erteilung entsprechender Patente, einschließlich sekundärer Patente, strengere Kriterien gelten sollten, zum Beispiel die Pflicht, zusätzliche Informationen offen zu legen, mit deren Hilfe Regierungen besser einschätzen können, welche Marktmacht sie dem Antragsteller gewähren. Die Patente sollten nur für grundlegend neue Innovationen gelten und auf nachgelagerte Technologien beschränkt werden, um die Privatisierung von Werkzeugen, Prozessen und Plattformen der Grundlagenforschung zu verhindern. In Übereinstimmung mit der zentralen Mission der WHO sollte der Zweck jeder medizinischen Innovation die Verbesserung der „Gesundheit für alle“ sein, sodass Innovationen schnell und für alle verfügbar sind.<BR /><BR />Nur wenn geistiges Eigentum und Kapital verfügbar sind, kann die lokale und regionale Infrastruktur aufgebaut werden, die für die Herstellung von auf mRNA-Technologie basierenden Produkten notwendig ist. Die WHO hat dies erkannt und ein Programm zum Transfer von mRNA-Technologie mit einem Knotenpunkt in Südafrika und Partnerschaften zum Austausch neuer Technologien zwischen Unternehmen in mindestens 15 Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen ins Leben gerufen.<BR /><BR />Damit diese Initiative ein Erfolg wird, braucht sie jedoch starken finanziellen und politischen Rückhalt. So könnten die Regierungen von Entwicklungs- und Schwellenländern vorangehen und regionale Forschungs- und Entwicklungszentren gründen, um die Zusammenarbeit öffentlicher und privater Akteure an gemeinsamen F&E-Portfolios zu fördern.<BR /><BR />Und sie könnten das wieder erwachte Interesse an Industriepolitik ganz allgemein zum Anlass nehmen, um mehr Investitionen, Innovation und Wachstum mit dem Ziel „Gesundheit vor alle“ zu mobilisieren. Brasilien hat vorgemacht, wie man Pandemievorsorge und Industriepolitik verknüpft, und eine Steuerungsgruppe für den Gesundheitsökonomisch-industriellen Komplex eingerichtet, die durch öffentliche Aufträge einen heimischen Markt für vor Ort entwickelte mRNA-Impfstoffe schaffen und so Gesundheit und Wirtschaft gleichermaßen fördern soll.<BR /><BR />Die internationale Verhandlungen über ein Abkommen zur Pandemieprävention, -bereitschaft und -bekämpfung kommen gut voran. Die Frage, wie der schnelle und gerechte Zugang zu medizinischen Gegenmaßnahmen, einschließlich mRNA-Technologien, gewährleistet werden kann, muss dabei eine zentrale Rolle spielen. Die mRNA-Plattform hat enormes Potenzial für die Entwicklung bahnbrechender Therapien und Impfstoffe gegen Krankheiten, die vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländern vorkommen. Mit dem richtigen Patentrecht könnten diese Impfstoffe und Therapien lokal und kostengünstig hergestellt werden.<BR /><BR />Um diese Form der Resilienz zu erreichen, müssen wir Forscher, Produzenten und Regierungen in den betroffenen Ländern beim Aufbau regionaler Ökosysteme unterstützen, die eine Forschung, Entwicklung und Herstellung im Interesse des Gemeinwohl ermöglichen. Nur dann wir die mRNA-Technologie ihr volles Potenzial entfalten.<h3> Zur Autorin</h3>Mariana Mazzucato ist Gründungsdirektorin des Institute for Innovation and Public Purpose am University College London. Außerdem leitet sie den Rat „Gesundheit für alle“ der Weltgesundheitsorganisation. Zum zehnten Jahrestag ihres Buchs The Entrepreneurial State: Debunking Public vs. Private Sector Myths (Anthem Press, 2013) hat der Penguin-Verlag im September eine Neuauflage veröffentlicht.<BR /><BR />Copyright: Project Syndicate, 2023.<BR /> <a href="https://www.project-syndicate.org/" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">www.project-syndicate.org</a><BR /><BR />