Dienstag, 01. Dezember 2020

Dank Impfung bald zurück zur Normalität?

Jüngst überschlagen sich die Meldungen über Corona-Impfstoffe. Hersteller und Politik hoffen, dass sie noch in diesem Jahr zum Einsatz kommen. Sind damit die Beschränkungen bald passé?

Der Weg zum ersehnten Impfstoff scheint immer kürzer zu werden.
Der Weg zum ersehnten Impfstoff scheint immer kürzer zu werden. - Foto: © BARBARA GINDL
Die neuesten Impfstoff-Nachrichten stimmen zuversichtlich. Mit Moderna und Biontech/Pfizer haben Hersteller bereits für 2 Corona-Vakzine einen Zulassungsantrag bei der Europäischen Arzneimittel-Agentur Ema gestellt. Die Behörde will binnen Wochen über eine Empfehlung entscheiden. Gibt es grünes Licht, könnten die Impfstoffe nach Herstellerangaben bereits im Dezember ausgeliefert werden.

Bei vielen ist nun die Hoffnung groß, dass das Leben bald so ist wie vor Corona. Werden sich die Menschen bald wieder näher kommen, die Alltagsmasken fallen und das gesellschaftliche Leben wieder durchstarten?

Eine Frage der Bevölkerungsimmunität

Darüber könne nur spekuliert werden, sagt Thomas Mertens, Vorsitzender der Ständigen Impfkommission (Stiko), die Impfempfehlungen für Deutschland entwickelt. Der Virologie-Professor macht eine Lockerung von mehreren Faktoren abhängig: der Menge des Impfstoffs, dessen Wirksamkeit und Wirkdauer sowie der Anzahl der Menschen, die sich impfen lassen. „Cirka 60 Prozent der Bevölkerung sollten immun sein.“ Immun heißt, dass sie den Erreger nicht weitergeben können.

„Es wird längere Zeit dauern, bis wir durch die Impfung eine spürbare Veränderung des Infektionsgeschehens sehen werden, dass wir sagen können, jetzt kann wieder Ruhe einkehren“, hatte Mertens bereits Ende Oktober den Zeitungen der Funke Mediengruppe gesagt. Wenn man etwa pro Tag 100.000 Menschen impfen würde, brauche man 150 Tage, um 15 Millionen Menschen zu impfen, so der Stiko-Vorsitzende. Dieses Tempo wäre seiner Ansicht nach bereits eine Herausforderung.

Die Chef-Virologin der TU München, Ulrike Protzer, geht für einen flächendeckenden Corona-Schutz von einer ähnlich hohen Zahl aus: Etwa 65 Prozent der Bevölkerung müssten gegen das Virus immun sein. „Je nachdem, wie viele die Infektion durchgemacht haben, bedeutet das 55 bis 60 Prozent Geimpfte.“ Die Professorin nimmt derzeit an, dass das bis Spätherbst 2021 dauern könnte. Allerdings sei nicht abschließend klar, ob auch diejenigen, die bereits eine Corona-Ansteckung hinter sich haben, geimpft werden müssen.

Impfung als logistische Herausforderung

Zuvor geht es an die komplexe Verteilung des Impfstoffes. „Das ist in etwa vergleichbar mit der Logistik für die Automobilindustrie“, sagt Pharmalogistik-Experte Thomas Schnur vom Beratungsunternehmen Camelot MC. Nur dass man die diesmal in etwa 6 Monaten habe aufbauen müssen. „Alles muss fein getaktet sein.“

Eine mögliche Engstelle sieht Schnur beim Luftverkehr: Wegen zurückgegangener Passagierflüge werde auch weniger Fracht, die darin zugeladen wird, transportiert. Logistikunternehmen bereiten sich aber darauf vor, etwa mit Frachtmaschinen die Verteilung von Impfstoffen zu gewährleisten.

Ob es darüber hinaus zu Verzögerungen kommen kann, könne derzeit niemand beantworten, sagt das Paul-Ehrlich-Institut. Dem für Impfstoffe und Arzneimittel zuständigen Bundesinstitut zufolge haben die Hersteller aber angegeben, bereits seit Wochen und Monaten – auf eigenes Risiko – mit der Impfstoffproduktion begonnen zu haben, damit sofort nach der Zulassung mit der Auslieferung begonnen werden kann.

„Wir haben auf Halde produziert und alles, was da ist, kann innerhalb von wenigen Stunden dann wirklich verteilt werden“, sagt etwa Biontech-Finanzvorstand Sierk Poetting. Das Produkt dieses Unternehmens dürfte besonders herausfordernd sein. Es muss bei etwa minus 70 Grad Celsius gelagert werden und kann – nach bisherigen Erkenntnissen des Herstellers – nur einige Tage im normalen Kühlschrank überleben. „Da muss von Anfang bis Ende alles glasklar sein, damit es funktioniert“, sagt Logistik-Experte Schnur. Konkret: Wo wird wann genau welche Menge benötigt?

Wer zuerst geimpft werden soll

Der Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts, Klaus Cichutek, betont: Direkt nach der Zulassung eines Impfstoffes könne es auf keinen Fall genug für alle geben. Denn die Pandemie betreffe die ganze Welt. Der Professor spricht sich daher für eine Priorisierung aus – also wer vorrangig welche Impfstoffe erhalten soll.

Der Deutsche Ethikrat, die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina und die Stiko fordern in einem gemeinsamen Positionspapier eine Priorisierung der Impfungen mit dem Ziel, schwere Covid-19-Verläufe und Todesfälle zu vermeiden. Dazu sollten sich Risikogruppen wie Ältere und Vorerkrankte vorrangig impfen lassen, aber auch Medizin- und Pflegepersonal sowie Menschen in Berufen zur Aufrechterhaltung staatlicher Funktionen und des öffentlichen Lebens.

dpa

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