<b>Von Miriam Roschatt</b><BR /><BR />Wenn der Pfalzner Pensionist Oswald Huber an den 31. Oktober 1966 zurückdenkt, dann ist dieser Tag für ihn noch immer ganz nah. An jenem Montag rettete er seinem Nachbarn Peter Seeber das Leben. Dafür wurde ihm unlängst in Innsbruck die Lebensrettungsmedaille verliehen.<BR /><BR />Eine große Anerkennung für den 87-Jährigen, der vor so vielen Jahren nicht zögerte, sondern handelte, als es darauf ankam – und damit einem Menschen etwas schenkte, das wertvoller ist als jeder Geldschein: weitere Lebenszeit.<h3> Schreie, die alles veränderten</h3>Der 31. Oktober 1966 war ein kühler Montag. Oswald Huber, damals 27 Jahre jung und von Beruf Briefträger, fuhr am frühen Nachmittag mit seiner Vespa nach Hause, weil er an seinem Gefährt einige Reparaturen vornehmen musste. Gemeinsam mit seinen Eltern und den zwei Brüdern lebte er in einem Haus mitten im Ortskern von Pfalzen. Zum Haus gehörten die Gaststätte „Ban Jörgile“ sowie ein kleiner Tante-Emma-Laden.<BR /><BR />Zu Hause angekommen, nahm Huber plötzlich lautes Kindergeschrei aus dem Hof des Nachbarhauses wahr: „„Mami, Mami!„, haben die Buben geschrien“, erinnert er sich noch heute an die schmerzerfüllten Rufe. Daraufhin zögerte Oswald nicht lange und machte sich umgehend auf den Weg zum Nachbarhaus, das damals das Gemeindehaus des Dorfes war.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1355736_image" /></div> <BR />Als Huber im Hof des Gemeindehauses eintraf, erkannte er sofort den Ernst der Lage: Sein Nachbar Peter, damals Mitte 40, der dort mit seiner Frau und den vier Buben lebte, war in die zum Haus zugehörige, fast drei Meter tiefe Jauchengrube gefallen. In dieser waren zu jener Zeit Fäkalien der Hausbewohner gesammelt worden.<BR /><BR />Mit letzter Kraft klammerte sich Peter mit seinen Händen am Rand der Grube fest. Die schlammige, von giftigen Gasen durchsetzte Flüssigkeit reichte ihm bereits bis zum Kopf und drohte, ihn immer weiter nach unten zu ziehen. Da Peter zudem nur ein Bein hatte, war es für ihn unmöglich, sich aus eigener Kraft zu befreien. Seine Buben standen verängstigt daneben.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1355739_image" /></div> <BR />Ohne zu zögern, stürzte sich Oswald Huber zu Boden und versuchte mit einem unglaublichen Kraftaufwand, seinen Nachbarn Stück für Stück aus der Grube zu heben. Die Jauche, der Gestank, die gefährlichen Gase – nichts davon hielt ihn zurück. Irgendwann befand er sich selbst mit halbem Körper in der zähen und übel riechenden Flüssigkeit. Es war ein Kampf gegen die Schwerkraft. Doch ans Aufgeben war nicht zu denken.<h3> Ein Leben, gerettet in letzter Sekunde</h3>Dann gelang Oswald Huber das Unfassbare: Mit allerletzter Kraft zog er seinen Nachbarn über den Rand der Grube und brachte ihn damit zurück ins Leben, zurück in Sicherheit. Die Kinder waren inzwischen zu ihrer Mutter geeilt. Doch selbst wenn sie vom obersten Stockwerk des Hauses rechtzeitig bei der Grube hinter dem Haus angekommen wäre, hätte ihr die Kraft gefehlt, ihren Mann aus der fast drei Meter tiefen Jauche zu ziehen.<BR /><BR />„Für mich war es selbstverständlich zu helfen“, sagt Huber rückblickend. Eine Lebenseinstellung, die für seinen Nachbarn über Leben und Tod entschied. Ohne Oswalds beherztes Eingreifen hätte dieser jenen Tag wohl nicht überlebt.<BR /><BR />„Oswalds Hilfe war lebensrettend“, erinnert sich auch Peters Sohn Martin Seeber, der das Unglück als kleiner Bub hautnah miterlebte.<BR /><BR />Für seinen einbeinigen Vater, der 2014 verstarb, war es übrigens nicht das erste Mal, dass sein Leben am seidenen Faden hing. Bereits im Alter von 22 Jahren hatte Peter Seeber einen schweren Unfall erlitten.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1355742_image" /></div> Bei der Hochzeit seiner Schwester kam es beim traditionellen Böllerschießen zum folgenschweren Zwischenfall. Ein mit Schießpulver gefüllter Böller zündete zunächst nicht. Als sich Peter dem Böller näherte, ging die Ladung los. Der Mann wurde am Bein schwer verletzt. Er kämpfte um sein Leben und überlebte den Unfall nur knapp. Das Bein musste jedoch amputiert werden. Dies prägte sein weiteres Leben.<BR /><BR />Peter Seeber, der auf einem Bergbauernhof in einem Weiler von Pfalzen aufgewachsen war, konnte als Invalide auf dem elterlichen Hof nicht mehr arbeiten. Er musste den Bergbauernberuf aufgeben und erlernte stattdessen die Kunst der Federkielstickerei. Später arbeitete er erfolgreich als Federkielsticker und konnte damit den Lebensunterhalt für seine Frau und die vier Buben bestreiten.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1355745_image" /></div> <BR />Vier Buben, die an jenem 31. Oktober im fernen Jahr 1966 um ein Haar ihren Vater verloren hätten. Wäre da nicht Oswald Huber gewesen – der junge und kecke Briefträger von nebenan, der im entscheidenden Augenblick nicht fackelte.<BR /><BR />60 Jahre lang wusste kaum jemand von seiner heldenhaften Tat. Auch er selbst machte nie einen großen Hehl daraus. Umso überraschender war für ihn jüngst die Verleihung der Lebensrettungsmedaille – eine späte, aber umso wertvollere Anerkennung für eine Tat, die daran erinnert, was Mitmenschlichkeit zu bewegen vermag.