Dienstag, 20. Juni 2017

„…dann wird das Trinkwasser rationiert“ - UMFRAGE

Die Hitzewelle hat ihren Höhepunkt noch nicht erreicht, dennoch schlagen Südtirols Gemeinden bereits Alarm – wegen Wasserknappheit. STOL hat sich gefragt, wie es um das kostbare Nass in Südtirol bestellt ist – und was wir alle tun können, um nicht bald vor leeren Trinkwasserleitungen zu stehen.

Das Trinkwasser wird knapp: Flavio Ruffini, Abteilungsdirektor der Landesagentur für Umwelt, gibt Tipps.
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Das Trinkwasser wird knapp: Flavio Ruffini, Abteilungsdirektor der Landesagentur für Umwelt, gibt Tipps.

Südtirol stöhnt unter der Hitze, kaum etwas ist genüsslicher als die Erfrischung durch das kühle Nass. Aber: Wassersparen ist angesagt. Die Gemeinde Truden hat bereits ein Bewässerungsverbot verhängt (STOL hat berichtet) und in Kardaun muss Wasser gespart werden, sonst droht eine Abschaltung.

Südtirol Online: Es herrscht Trinkwasserknappheit - wo ist es akut?

Flavio Ruffini, Abteilungsdirektor der Landesagentur für Umwelt: Akut ist es meistens im Mittelgebirge. Kritische Lagen sind somit Zonen, wie der Ritten, Tschögglberg, Truden, das Plateau um Völs und Seis oder Natz-Schabs. Das liegt an mehreren Faktoren u.a. dem geringeren Rückhaltevermögen von Wasser.

STOL: Wer ist im Fall des Trinkwassers bzw. einer Knappheit zuständig?

Ruffini: Das muss man unterscheiden. Zunächst ist es die Gemeinde, die Maßnahmen ergreift.
Natürlich kann auch das Land, um die Verfügbarkeit zu garantieren, in bestehende Nutzungsrechte eingreifen. Das betrifft etwa die Ableitungen zur hydraulischen Wassernutzung. Dies erfolgt in Form eines Wassernotstandsdekrets und hat es im kleineren Maßstab immer wieder gegeben. Man erinnere sich an die Notstandsverordnung, als im Veneto Wasserknappheit herrschte und bei uns die Pegel der Stauseen abgesenkt wurden.

STOL: Warum kommt es zur Trinkwasserknappheit?

Ruffini: Wenn wir die letzten 10 Monate anschauen, dann sehen wir wenige Niederschläge, geringe Schneereserven und hohe Temperaturen. Daher ist die Verfügbarkeit an Trinkwasser relativ gering und das greift die Grundwasserstände an. Wir haben einen bestimmten Wasserbedarf, der dem täglichen Leben geschuldet ist … und der über die Jahre und Jahrzehnte mehr geworden ist.

STOL: Was ist also zu tun bei Wasserknappheit?

Ruffini: Es soll zunächst jeder Mensch möglichst nachhaltig mit der Ressource Wasser umgehen. Natürlich sollte dies Teil der Lebenseinstellung sein. Konkret heißt es jetzt aber: aufs Autowaschen verzichten, mit der Garten- und Balkonbewässerung sparsam umgehen. Den Verbrauch etwa bei der Nutzung von privaten Schwimmbädern auf die äußerste Notwenigkeit zurückschrauben.

STOL möchte wissen: Was tun Sie, um Wasser zu sparen? STIMMEN SIE AB: 

STOL:  Und wenn alles nichts hilft, wird die Wasserversorgung ganz ausgesetzt?

Ruffini: Dann wird das Trinkwasser rationiert, sprich die Versorgung zeitweise unterbrochen.

STOL: Im Vergleich zum Trinkwasser (45 Mio. m³) verbraucht die Landwirtschaft (150 Mio. m³) Dreiviertel vom kostbaren Nass; die Industrie (50 Mio. m³) etwa gleich viel. Da ist Wassersparen beim Zähneputzen doch ein Tropfen auf den heißen Stein ...

Ruffini: Das mag stimmen. Was die Landwirtschaft betrifft, ist die Wassernutzung – nach der Trinkwasserversorgung – als prioritär anzusehen. Mittelfristig wird es sicher Änderungen hinsichtlich eines sparsameren Umgangs geben müssen, etwa die radikalere Umstellung auf Tropfberegnung.

STOL: Der Verlust über marode Trinkwasserleitungen ist heutzutage vernachlässigbar?

Ruffini: Südtirol verfügt über ein sehr modernes Leitungssystem. Es gibt sicher einzelne Probleme, wo nachgebessert werden muss, aber punktuell und nicht flächendeckend.

STOL: Stichwort Klimawandel - wird die Lage bzgl. Trinkwasser immer schlimmer?

Ruffini: Nun, es stellt sich die Frage nach Witterungserscheinung oder Klimawandel. Die letzten 4 Jahrzehnte wurden immer heißer. Wenn wir uns das vor Augen führen, dann wird sich etwas ändern. Zeiten mit Wasserknappheit und jene mit einem Überangebot werden sich ablösen. Diese Extreme besser zu managen, wird unsere Herausforderung sein.

STOL: Wie ist es generell um Südtirols Trinkwasservorkommen bestellt?

Ruffini: Das hängt davon ab, ob ich uns mit Zonen vergleiche, die im Wasser schwimmen. Wenn ich aber etwa an den Veneto denke, dann sind wir gut bedient.
Zu sagen ist hier klar: Wir müssen uns auch über die Landesgrenzen hinweg solidarisch zeigen – mit den Gebieten, die entlang der Etsch liegen.

STOL: Stichwort Solidarität - wie geht jeder einzelne mit den Aufrufen zum Wassersparen um?

Ruffini: Es sind immer nur Empfehlungen, die wir aussprechen und wir können nichts kontrollieren. Doch ich glaube, dass man den Leuten so viel Intelligenz zutrauen kann, dass sie reagieren und den Aufrufen zum Wassersparen folgen – schließlich geht es um die wertvollste Ressource, die wir haben.

Interview: Petra Kerschbaumer

stol