Was die aktuelle Lawinensituation so gefährlich macht und welche Vorsichtsmaßnahmen Tourengeher treffen sollten, erklärt Lukas Rastner vom Lawinenwarndienst des Landes im Interview.<BR /><BR /><b>STOL: Waren die Situationen bei den Lawinenunglücken im Sarntal und in Sulden vergleichbar oder handelte es sich um unterschiedliche Gefahrenlagen?</b><BR />Lukas Rastner: Im Rückblick lässt sich sagen, dass der Schneedeckenaufbau in beiden Fällen ähnlich war. Es handelt sich um ein klassisches Altschneeproblem. Das ist der Tatsache geschuldet, dass wir eine sehr lange Zeit ohne Niederschläge hatten. Im Frühwinter gab es zwar etwas Schnee, aber dann sich lange nichts mehr getan. In solchen Phasen mit klaren Nächten und schönem Wetter findet in der Schneedecke eine sogenannte „aufbauende Umwandlung“ statt.<BR /><BR /><b>STOL: Was genau passiert dabei im Schnee?</b><BR />Rastner: Die Schneedecke wird dadurch ganz locker. Die ursprünglichen Neuschneekristalle, die meist relativ klein sind, wandeln sich in große, kantige Kristalle um. Das Endprodukt schaut aus wie grobkörniges Salz. Diese Kristalle haben untereinander kaum Bindung. Das ist so lange kein Problem, wie diese Schicht direkt an der Oberfläche liegt. Zum Problem wird es, wenn diese Schwachschicht „eingeschneit“ wird – und genau das ist in den letzten zwei Wochen passiert.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1274916_image" /></div> <BR /><BR /><b>STOL: Wie entsteht aus diesem „Salz“ dann ein gefährliches Schneebrett?</b><BR />Rastner: Für eine Schneebrettlawine braucht es verschiedene Zutaten. Erstens die erwähnte Schwachschicht. Zweitens braucht es ein „Brett“ darüber, also gebundenen Schnee. Drittens braucht es die entsprechende Geländeneigung, damit das Ganze ins Rutschen kommen kann. Die vierte Zutat ist schließlich die Belastung durch einen Wintersportler. Wenn der Skifahrer einen Bruch in dieser Schwachschicht initiiert, kann sich dieser in der flächig homogen aufgebauten Schneedecke blitzartig fortpflanzen. Was steil genug ist, rutscht dann ab. Genau solche Schneebrettlawinen sind für fast alle tödlichen Unfälle verantwortlich.<BR /><BR /><b>STOL: Hat sich die Lage in dieser Woche geändert?</b><BR />Rastner: Nein, die Lawinensituation ist nach wie vor kritisch. Dabei ist die Lage paradox: Wäre viel Schnee auf einmal gekommen, hätten wir eine hohe spontane Lawinenaktivität gehabt – die Hänge hätten sich von selbst entladen. Bei der aktuellen Kombi mit nur wenig Neuschnee bleibt die Schwachschicht für den Wintersportler „erreichbar“. Der Druck eines Skifahrers dringt tief genug ein, um die gefährliche Schicht darunter zu stören. Deshalb haben wir derzeit einen sehr ungünstigen Schneedeckenaufbau.<BR /><BR /><b>STOL: In welchen Hanglagen ist es derzeit besonders gefährlich?</b><BR />Rastner: Besonders kritisch ist es dort, wo ein bisschen mehr Schnee liegt. Das betrifft vor allem die Expositionen West über Nord bis Ost – also kurz gesagt alles, was nordseitig und schattig liegt. Dort hat sich der Schnee über die Zeit gehalten. Unsere Rückmeldungen zeigen, dass fast alle Unfälle in diesen schattigen Steilgeländen passiert sind. Südseitig ist die Lage deutlich entspannter. Dort wird der Schneedeckenaufbau erst in der Höhe gefährlicher.<BR /><b><BR />STOL: Gibt es für Tourengeher sichtbare Warnsignale, an denen man einen gefährlichen Hang erkennt?</b><BR />Rastner: Das ist die große Schwierigkeit beim Altschneeproblem: Die Gefahr ist oft nicht erkennbar. Triebschnee, also vom Wind verfrachteten Schnee, kann man bei guter Sicht oft sehen und umgehen. Aber das Altschneeproblem muss man „erahnen“. Es gibt jedoch Alarmzeichen, auf die man besonders achten kann, wenn man selbst spurt: Risse in der Schneedecke oder die typischen „Wumm-Geräusche“ . Wenn man das hört oder spürt, ist man bereits vorgewarnt und sollte sofort reagieren.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1274919_image" /></div> <BR /><BR /><b>STOL: Welchen Rat geben Sie Wintersportlern für die aktuelle Situation?</b><BR />Rastner: Es gibt einen wichtigen Spruch: „Wenn der Schnee das Problem ist, ist das Gelände die Lösung.“ Man kann sich derzeit im Gelände bewegen, aber man muss sich sehr viele Gedanken über die Routenwahl machen. Wer flach unterwegs ist, kann sich relativ sicher bewegen. Steile Schattenhänge sollten jedoch konsequent gemieden werden. In unserem <a href="https://lawinen.report/bulletin/latest" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">Lawinenreport </a>kann man sich nicht nur über Wettervorhersagen, Wind- und Neuschneekarten über die aktuelle Lage informieren, sondern auch lernen die verschiedenen Gefahrenstufen und Lawinenprobleme richtig zu interpretieren. Nur mit diesem Wissen können Wintersportler ihr Verhalten im Gelände an die Verhältnisse anpassen und richtig reagieren.<BR /><BR /><b>STOL: Wie gut sind Tourengeher Ihrer Meinung nach informiert?</b><BR />Rastner: Das ist schwer zu sagen. Wir probieren auf unserem Webportal alles so verständlich wie möglich zu machen und Fachbegriffe genau zu erklären. Diesen Begriffe dürfen aber nicht reine Theorie bleiben. Wir können den Leuten nur dringend Kurse ans Herz legen. Und zwar nicht nur Sicherheitskurse für die Verschüttetensuche und Erste Hilfe, sondern eine echte Skitour-Ausbildung, um zu lernen, wie man eine Aufstiegs- oder Abfahrtsspur an die Verhältnisse anpasst.<BR /><BR /><b>STOL: Gibt es regionale Unterschiede innerhalb Südtirols oder ist die aktuelle Lage überall gleich?</b><BR />Rastner: Die Situation ist im ganzen Land sehr ähnlich. Einzige Ausnahme sind Gebiete rund um Bozen, wo das Gelände einfach weniger gebirgig und flacher ist. Da muss man einen steilen Hang oft erst suchen. Aber der Schneedeckenaufbau an sich ist überall ähnlich.<BR /><BR /><b>STOL: Wie sieht es bei unseren Nachbarn aus?</b><BR />Rastner: Wir stehen im täglichen Austausch mit den Nachbardiensten. Das Altschnee betrifft derzeit die gesamten Zentralalpen – von Graubünden über Südtirol bis nach Kärnten. Überall herrscht ein schlechter Schneedeckenaufbau vor. In Südtirol sind wir unfalltechnisch gesehen derzeit leider sehr schlecht unterwegs: Wir haben zwar insgesamt wenige Unfälle, aber leider viele Todesopfer zu beklagen.