Mit Risse ist Südtirol erstmals im „Fachbeirat Deutsche Sprache“ der Stiftung Verbundenheit mit den Deutschen im Ausland vertreten.<BR /><BR /><b>Wie kam es, dass Sie in den Fachbeirat gewählt wurden?</b><BR />Stephanie Risse: Genau vor 30 Jahren habe ich meine Magisterarbeit an der Ludwig-Maximilians-Universität in München zum Thema „Die auswärtige Kulturpolitik der BRD in Blick auf die Russlanddeutschen“ geschrieben. Als Studentin habe ich Schulbücher an deutsche Schulen in Westsibirien gebracht. Seit einigen Jahren bin ich für den Hochkommissar für nationale Minderheiten der OSZE in Zentralasien und der Ukraine im Einsatz. Daher ist meine Arbeit dem Stiftungsratsvorsitzenden Hartmut Koschyk und der Leiterin des Fachbeirats, Olga Martens wohlbekannt. <BR /><BR /><b>Welche Bedeutung hat es, dass Südtirol mit Ihnen erstmals im Beirat vertreten ist?</b><BR />Risse: Ich sehe darin auch die Anerkennung der universitären Sprachforschung hier vor Ort. Südtirol betreibt erst seit gut 25 Jahren selbst institutionell Forschungen zur Deutschdidaktik. Unschätzbar sind unsere Germanistinnen und Germanisten, die den Weg dafür geebnet haben, etwa Franz Lanthaler, Kurt Egger, Hans Drumbl, Annemarie Saxalber und Margit Oberhammer. <BR /><b><BR />Die Stiftung Verbundenheit mit den Deutschen im Ausland unterstützt deutsche Minderheiten weltweit. In welchen Bereichen könnte es in Südtirol Förderbedarf geben – zum Beispiel in der Forschung? </b><BR />Risse: Es gibt auf jeden Fall Förderbedarf, nur sollten da zunächst in Südtirol die Hausaufgaben gemacht werden. Es geht um Verantwortliche, die sich für das interessieren, was wir an der Fakultät für Bildungswissenschaften in Brixen tun. Gerade die „alte Garde“ der Fakultät, zu der ich mich zähle, liefert – national wie international evaluiert – gute bis sehr gute Arbeit ab. Südtirolerisch gesagt, „mia buckln“ und ernten dafür finanziell Kürzungen gerade bei unserer Lehrerausbildung, die italienweit zu den besten gehört. <BR /><BR /><b>Könnten künftig auch Forschungsgelder nach Südtirol fließen?</b><BR />Risse: Ja, für vergleichende Studien wäre das sehr sinnvoll. Denn die Dialektdominanz ist ein Thema, das andere deutschsprachige Minderheiten auch kennen. Konkret: didaktische Konzepte zu entwickeln, die es ermöglichen, beide Register, also Dialekt und Standarddeutsch zu stützen. Denn Dialekte scheinen für Minderheiten als identitätsstiftend notwendig zu sein. Das gilt es zu respektieren. Standarddeutsch hingegen ist die Sprache der Bildung, der Wissenschaft und der Verständigung über die Dialektgrenzen hinweg. <BR /><BR /><b>Hat sich das Land Südtirol im Bildungsbereich – was die deutsche Sprache betrifft – bisher klar positioniert an einem Land?</b><BR />Risse: Nein. Welches Deutsch wollen wir? Die Verantwortlichen lassen Sprachkonzepte in der Schweiz erstellen, Schulbücher kommen zumeist aus der Bundesrepublik, daneben abonniert man die beliebte „Spatzenpost“ aus Österreich. Aber es gibt nur wenige Lehrmaterialien, die hier entwickelt werden. Und gerade das halte ich für dringend notwendig, die Förderung eines „Südtiroler Standarddeutsch“, also die Anerkennung von Südtirol als einem Vollzentrum der deutschen Sprache. <BR /><BR /><b>Besteht – abgesehen von Südtirol - in Italien die Gefahr, dass die deutsche Sprache immer mehr an Bedeutung verliert? </b><BR />Risse: Ja, das Deutsche verliert an Bedeutung. Alle europäischen Hochsprachen werden zunehmend – in der Wissenschaft bisweilen aggressiv – durch die englische Sprache verdrängt. Damit gehen kulturelle Werte und nicht zuletzt Wissen verloren. Daher ist die Aktion der deutschen Außenministerin Annalena Baerbock, ausgerechnet in Italien und Frankreich Goethe-Institute zu schließen, inakzeptabel. Unser Außenminister Antonio Tajani hat zurecht seine Amtskollegin darum gebeten, dies zu überdenken und finanzielle Unterstützung angeboten.