Dramatische Töne aus dem Jungle, dem größten Jugendzentrum in Meran. „Wenn öffentliche Hand, Private und Unternehmen es nicht schaffen, dem Verein ,Jugend Aktiv„ mehr unter die Arme zu greifen, wird der Verein schließen müssen. Es geht so nicht mehr. Das hat der Rechnungsrevisor bei der Vollversammlung Ende Mai auch so gesagt“, sagt Besay Mayer (40), der Leiter des Jugendzentrums. Er wird mit 26. September der Jugendarbeit den Rücken kehren, wie er im Interview ankündigt.<BR /><BR /><BR /><b>Herr Mayer, wie schaut die Finanzsituation aus?</b><BR />Besay Mayer: Wir haben Altlasten von über 100.000 Euro abgearbeitet, Struktur und Haushalt saniert, die Buchhaltung auf Gegenwart-Standard gebracht und ein Super-Frauenpower-Team mit Karmen, Erika und Patrizia zusammengestellt. Aber wir sind leider in der Situation, dass wir in diesem Monat kaum mehr die Steuern zahlen können. Wir müssen jeden Euro umdrehen. Können wir die Steuern nicht zahlen, kriegen wir keine Beiträge mehr vom Land und der Gemeinde. Dazu muss der DURC – die Entrichtung der Vorsorgebeiträge – in Ordnung sein. Mit Ach und Krach werden wir es schaffen. Wir tragen immer noch Schulden ab, die 2004 bis 2009 entstanden sind, obwohl wir alles ordnungsgemäß abwickeln. Beiträge, private Spenden, Sponsorengelder: Alles ist rückläufig, alle müssen eben schauen, aber die Spesen steigen. <BR /><BR /><b>Welche Spesen?</b><BR />Mayer: Preissteigerungen bei Strom, Gas usw. setzen uns zusätzlich zu. Seit 2020 zahlen wir wegen der neuen Konzession den Strom selbst, die Sanierungstätigkeiten haben wir selbst durchgeführt und den großen Teil der Spesen hat das Land übernommen, dabei gehört das Gebäude der Gemeinde. Mit mehr als 10.000 Ehrenamtsstunden haben wir in 5 Jahren das Jungle umgebaut. Die Erhaltungsspesen führen uns aber Jahr für Jahr näher zum Galgen. Der Skatepark allein verursacht 2000 bis 3000 Euro an Instandhaltungskosten. Bis jetzt habe ich einen großen Teil der Instandhaltung selbst durchgeführt, in Zukunft wird das aber von professionellen Firmen gemacht werden müssen. <BR /><BR /><embed id="dtext86-54768689_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Warum? Gehen Sie?</b><BR />Mayer: Ich habe gekündigt, am 26. September hänge ich die Jugendarbeit an den Nagel wie ein Fußballer seine Schuhe. Seit 2009 arbeite ich hauptberuflich in der Jugend- und Kulturarbeit, vorher habe ich mich 10 Jahre lang ehrenamtlich engagiert.<BR /><BR /><b>Warum gehen Sie?</b><BR />Mayer: Ich habe 10 Jahre den Kopf hingehalten, alles getan. Das Jungle ist ein genialer Platz, aber zurzeit muss alles reduziert werden, was wir mit Enthusiasmus aufgebaut haben, und ich sehe keine Besserung. Jetzt in Krisenzeiten, wo es mehr Unterstützung bräuchte, fehlt sie. Der allergrößte Frust ist, in Dauerschleife Anrufe von Menschen zu erhalten, die mich um Hilfe bitten. Aber wegen der Bürokratie habe ich weder die Zeit, noch das Geld dafür. Ich werde überrannt, Leute betteln um Hilfe, möchten die Struktur nutzen, aber wir können nur 4 von 7 Tagen offen halten, weil Geld und Personal fehlen. Und meine private Bankomatkarte nehme ich nicht mehr her. <BR /><BR /><b>Nur 4 Tage offen: Reicht das den Kids?</b><BR />Mayer: Nein. Ich habe ständig das Problem, dass die Jugendlichen über den Zaun steigen. Sehe ich das über Kamerakontrolle, muss ich einschreiten und mit Platzverweis drohen. Es sind 11- bis 15-Jährige, Italiener und Ausländer; rund 50 Leute. „Das Letzte, was ich will, ist Euch hinauszuwerfen“, sagte ich ihnen, „aber mir sind die Hände gebunden.“ Ihre Antwort: „Aber wir wissen nicht wohin, wir haben keinen anderen Ort, wo wir sein können“. So lasse ich 50 Leute auf der St.-Josef-Straße stehen. Weniger Raum heißt auch mehr Frust, mehr Gehässigkeit, mehr Neid, mehr Depression. Das wird in nächster Zeit vermehrt zum Vorschein kommen.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="779849_image" /></div> <BR /><BR /><b>Wo wurde bisher gespart?</b><BR />Mayer: Ich habe das obere Stockwerk komplett stillgelegt, den Strom abgedreht usw. Ich hatte dort Notübernachtungen drinnen, aber alles wurde abgedreht. Wenn man nicht mehr die Steuern zahlen kann, geschweige dann diese Spesen. Wir haben nicht einmal mehr das Geld, Schlüssel nachzumachen. Dabei wollen immer mehr Leute diese Struktur nutzen. <BR /><BR /><b>Wer außer Jugendlichen?</b><BR />Mayer: Es sind zunehmend Schulklassen da. Letzte Woche konnten sie die Struktur nicht nutzen, weil wir keine freien Schlüssel mehr hatten, um ihnen in Eigenverantwortung den Platz zu überlassen. Das zeigt ganz klar: Wenn wir mehr Unterstützung hätten, könnten doppelt so viele Leute da sein.<BR /><BR /><b>Was passiert mit dem Jungle Music Incubator?</b><BR />Mayer: Am Samstag präsentieren wir den Doku-Film dazu. Starke Bilder und Aussagen, die beweisen, mit wie wenig man viel bewegen kann, wenn man Jugendlichen Raum und Hilfe bietet. Statt auf der Straße zu pöbeln, kommen immer mehr Jugendliche ins Jungle, mixen Lieder, die andere Leute beglücken. Fast 300 Jugendliche haben schon aktiv am Projekt teilgenommen. Sie machen Produktives, nicht Destruktives. Danach sind sie live auf der Bühne im Ost-West-Club im Minigolf-Park zu erleben. Um das Projekt weiterzuführen, bräuchten wir 10.000 Euro im Monat, bis jetzt haben wir 7000 Euro von der Firma Rothoblaas bekommen, der Rest waren nur Lippenbekenntnisse.