<BR /><b>Sie sind Begründer der Letzte-Hilfe-Kurse. Gab es einen Moment, der Ihnen bewusst machte, dass wir so etwas brauchen – so selbstverständlich wie Erste Hilfe?</b><BR />Dr. Georg Bollig: Ja, schon bevor ich Erste Hilfe gelernt habe. Ich war 14, als meine Großtante, die bei uns im Haus wohnte starb. Das war mein erster bewusster Kontakt mit dem Sterben. Kurz darauf habe ich Erste Hilfe gelernt, bin mit 16 in den Rettungsdienst eingestiegen und später Notarzt geworden. Für mich gehörten Erste und Letzte Hilfe immer schon zusammen. Leben retten ist wichtig – aber wenn das nicht mehr möglich ist, dann sind Trost und Linderung genauso wertvoll.<BR /><BR /><b>Und daraus entstanden die Letzte-Hilfe-Kurse?</b><BR />Dr. Bollig: Ja. Mir ist aufgefallen, dass viele Menschen die Letzte Hilfe gar nicht mitdenken. Also habe ich sie analog zur Ersten Hilfe systematisiert: vier kurze Module à 45 Minuten. Sie heißen „Sterben ist ein Teil des Lebens“, „Vorsorgen und Entscheiden“, „Leiden lindern“ und „Abschied nehmen“. Sie zeigen, wie man das Lebensende begleiten und konkret helfen kann.<BR /><BR /><b>Über das Sterben spricht man nicht gerne. Warum gehört es nicht selbstverständlich zum Leben dazu?</b><BR />Dr. Bollig: Vielleicht weil die Medizin heute so viel kann. Früher gab es Penicillin – half es, war gut, half es nicht, ist man gestorben. Heute können wir Menschen länger am Leben halten, oft länger als es sinnvoll ist. Ich vermute auch, dass unsere Vorfahren im Krieg so viel Tod gesehen haben, dass sie ihn danach aus dem Leben verdrängt haben. Diese Verdrängung spüren wir heute auch noch.<BR /><BR /><embed id="dtext86-72200046_quote" /><BR /><BR /><b><BR />Klammern wir uns zu sehr ans Leben?</b><BR />Dr. Bollig: Ja, vielleicht. Ich bin Kölner, und wir sagen: „Mir klääve am Lääve“ – wir kleben am Leben. Ich finde auch: Das Leben wird wertvoller, wenn man das Ende mitdenkt. Man muss nicht täglich an den Tod denken, aber ab und zu daran zu denken, verändert den Blick auf das Leben. <BR /><BR /><b>Was lernt man im Letzte-Hilfe-Kurs – medizinisches Wissen oder menschliche Haltung?</b><BR />Dr. Bollig: Ich würde sagen, etwa 40 Prozent sind Wissen und 60 Prozent Gespräche und Austausch unter den Teilnehmenden. Die Menschen lernen, über Tod und Sterben offen zu sprechen. Viele kommen ängstlich und merken: Sterben ist normal, man kann darüber reden. Es wird gelacht, geweint, diskutiert – wie im Leben. Danach sind die meisten offener und können auch im Alltag leichter darüber reden.<BR /><BR /><b>Hilft der Kurs, wenn man jemanden auf dem letzten Weg begleitet?<BR /></b>Dr. Bollig: Unbedingt. Jeder soll helfen können, wenn es darauf ankommt – so wie bei der Ersten Hilfe. Letzte Hilfe ist sogar häufiger nötig, denn jeder von uns wird irgendwann im Laufe seines Lebens Sterbende begleiten müssen. Die Kurse geben Sicherheit, bereiten gedanklich vor und stärken, jemandem auf seinem letzten Weg zu begleiten. <BR /><BR /><b>Was braucht ein Sterbender – was kann eine Laie geben?</b><BR />Dr. Bollig: Das ist so individuell wie die Menschen selbst. Manche wollen noch ein Bier, andere möchten einfach nicht allein sein. Empathie, Respekt und Nähe sind das Wichtigste. Aber Patentrezept gibt es keines.<BR /><BR /><b>Nimmt der Kurs auch die Angst, etwas falsch zu machen?</b><BR />Dr. Bollig: Ja. Wie bei der Ersten Hilfe geht es darum, Hemmungen abzubauen. Und wir geben einfache Tipps – bei Atemnot, Schmerzen oder Mundtrockenheit. Manche Menschen sagen nach dem Kurs: Ich habe gelernt, wie ich mit Sachen aus der Vorratskammer Leiden lindern kann. Oft reicht das Bauchgefühl. Es gibt natürlich auch Naturtalente für die Sterbebegleitung. Aber die meisten brauchen ein paar Tipps. <BR /><BR /><b>Wer kommt zu den Kursen?</b><BR />Dr. Bollig: Etwa 88 Prozent sind Frauen, im Schnitt um die 56 Jahre alt – viele erfahren in der Fürsorge. Männer müssen wir eher „anschubsen“. In Köln haben wir deshalb das Projekt „Letzte Hilfe am Arbeitsplatz“ gestartet, zum Beispiel bei Feuerwehr, Polizei oder im Handwerk. Wenn man Männer direkt anspricht, machen sie mit. Sonst kommen sie oft in den Kurs, weil ihre Frau sie „mitgebracht“ hat. <BR /><BR /><b>Können und sollen auch Kinder teilnehmen?</b><BR />Dr. Bollig: Ja! 2018 haben wir mit Letzte-Hilfe-Kursen für Acht- bis 16-Jährige begonnen – fast 3.000 haben teilgenommen. 84 Prozent hatten schon Kontakt mit Tod oder Sterben und sagen dann im Kurs oft: Endlich dürfen wir darüber reden. Erwachsene wollen Kinder häufig vor Sterben und Tod schützen – müssen sie aber gar nicht. Sie sind oft viel offener als Erwachsene.<BR /><BR /><b>Wenn Sie an Ihr eigenes Lebensende denken – welche Letzte Hilfe wünschen Sie sich?</b><BR />Dr. Bollig: Wenn ich’s mir wünschen dürfte – ich bin Rheinländer – dann würde ich mich am liebsten totlachen. Aber das wird wahrscheinlich nicht klappen. Wie fast allen Menschen wäre mir wichtig, dass ich nicht allein bin. Dass jemand bei mir ist und mich umsorgt. Nähe und Menschlichkeit. Das ist das Wichtigste.