<?O_Fett><?_O_Fett>Bei der Pädagogischen Großtagung am Freitag im Waltherhaus spricht er über „inklusive Bildung für alle – oder doch nicht?“ Wir haben mit Prof. Hans Karl Peterlini bereits im Vorfeld gesprochen.<BR /><BR /><b>Darf man den Titel Ihres Referates als starkes Bekenntnis zur inklusiven Bildung verstehen?</b><BR />Prof. Hans Karl Peterlini: Ja, das ist durchaus so zu verstehen. Die inklusive Bildung ist ein Reichtum für Südtirol und Italien, um den uns andere Länder beneiden. Deutschland und Österreich hinken hier beispielsweise um Jahrzehnte hinterher. <BR /><BR /><BR /><b>Wie verstehen Sie – für die heutige Zeit – „inklusiv“?</b><BR />Prof. Peterlini: Ganz einfach: Alle, die da sind, gehören dazu. Das muss aber nicht bedeuten, dass alle immer zusammen sind und das Gleiche machen. Gerade eine inklusive Bildung muss differenzieren können, etwa bei Aufgaben, Arbeitsmaterialien, Niveau etc. Sonst ist die Herausforderung nicht lösbar. Wichtig ist, dass niemand auf ein beeinträchtigendes Merkmal reduziert wird. <BR /><BR /><BR /><b>Vor 50 Jahren hat man beim Stichwort inklusive Bildung sofort an Kinder und Jugendliche mit Beeinträchtigung gedacht. Und heute..</b>.<b>?</b><BR />Prof. Peterlini: Der Gesetzgeber ist hier ganz eindeutig: „Inklusiv“ heißt, es muss auf jedes besondere Bildungsbedürfnis eingegangen werden; ganz egal, ob dies durch eine Behinderung oder durch die sprachliche oder geografische Herkunft bedingt ist. Es gibt nicht das falsche Kind für die richtige Schule. So gesehen muss sich inklusive Bildung auch mit der Realität der Migration befassen. Und das ist auch richtig so. Denn wir müssen uns um die Kinder derjenigen kümmern, die wir als Arbeitskräfte in Pflege, Gesundheit, Tourismus etc. dringend brauchen. Also: Alle, die da sind, gehören dazu.<BR /><BR /><BR /><b>Brennpunktschulen, besorgte Eltern, überforderte Lehrer – die Schlagzeilen sind bekannt...</b><BR />Prof. Peterlini: Aus meiner Sicht klaffen hier Realität und Darstellung auseinander: Das, was ich sehe, ist: Es wird gelernt und gearbeitet. Sicher auf unterschiedlichen Sprachniveaus. Aber dazu sind zwei Dinge zu sagen: Erstens zeigt die Pisa-Studie, dass in Klassen mit einem hohen Anteil an Kindern mit mangelnden Kenntnissen der Unterrichtssprache der Durchschnitt der Klassenleistung sinkt. Aber die Kenntnis der Muttersprache bei den anderen Kindern wird nicht beeinträchtigt. Den Grundstein für die Beherrschung der Muttersprache lernen Kinder in den ersten Jahren und zu Hause. Wurde sie dort gut erworben, geht sie nicht verloren. <BR /><BR /><BR /><b>Und der zweite Punkt?</b><BR />Prof. Peterlini: Das Bildungssystem darf mit dem Problem der mangelnden Kenntnisse der Unterrichtssprache nicht allein gelassen werden. Zum einen braucht es dafür neue pädagogische Konzepte. Denn Spracherwerb braucht Erfahrungsbezug. Auch außerschulisch. Man darf hier nicht vergessen: Was sich in den Schulen manifestiert, ist ein Spiegel der Gesellschaft.<BR /><BR /><BR /><b>Wie ist das zu verstehen?</b><BR />Prof. Peterlini: Kinder integrierter Familien tun sich leichter. Hat man jedoch Enklaven mit überwiegend migrantischer Bevölkerung, dann hat man entsprechende Schulklassen. Wenn es dann auch noch Ausweichmöglichkeiten gibt, so dass besorgte Eltern ihre Kinder woanders hinschicken, verstärkt sich das Problem. Man nehme das Beispiel Goetheschule. Das dortige Angebot einer Montessoriklasse hat vorwiegend das deutschsprachige Bildungsbürgertum genutzt. Dann ist klar, dass in den restlichen Klassen der Anteil der Kinder mit Sprachdefiziten ansteigt. Oder andersherum: Eine gute Durchmischung der Klassen kommt nur zustande, wenn eine solche Durchmischung auch in der Gesellschaft stattfindet.<BR /><BR /><BR /><b>Sie sagen, es braucht auch neue pädagogische Konzepte – mit Erfahrungsbezug?</b><BR />Prof. Peterlini: Ja, und das gilt prinzipiell für jedes Schulfach. Die Lerntheorie weiß heute: Was sich mit der Erfahrungswelt der Lernenden verbindet, wird schneller gelernt. Für den Spracherwerb gilt dies im Besonderen. Daran müsste sich das Unterrichtskonzept orientieren – und unterschiedliche Lernfelder zu einem Kontinuum verknüpfen. Damit steigt der Spracherwerb sprunghaft an. Knochentrockener Sprachunterricht – abgetrennt von der Lebenswirklichkeit – ist nicht das richtige Konzept – für keinen Wissenserwerb.<BR /><BR /><BR /><b>Schule muss sich also weiterentwickeln. Was stimmt Sie zuversichtlich, dass sie das tut?</b><BR />Prof. Peterlini: Schule gibt es seit Jahrhunderten und sie hat sich weiterentwickelt. Sie hat sich aber nicht grundlegend verändert. Doch mit der künstlichen Intelligenz verändern sich die Rahmenbedingungen gerade derart drastisch, dass Schule sich einfach ändern muss. Rein reproduktives Lernen macht keinen Sinn mehr.