Meine Oma ist 89 Jahre alt. Ein stolzes Alter, das sie bis vor kurzem mit einer beneidenswerten Konstitution erreichte. Zeitlebens gesund, kaum Medikamente, die Krankenhausakte dünner als ein Schulheft. Eigentlich die besten Voraussetzungen für einen angenehmen Lebensabend. Doch in den vergangenen 18 Monaten hat sich dieses Bild radikal gewandelt. Nach drei Oberschenkelbrüchen und fünf Operationen – verbunden mit Krankenhausaufenthalten wegen postoperativer Komplikationen - ist meine Oma keine rüstige Seniorin mehr, sondern ein „Fall“ im Südtiroler Pflegesystem.<BR /><BR />Was diese anderthalb Jahre bei ihr, aber auch bei uns als Familie hinterlassen haben, lässt sich mit einem Wort zusammenfassen: Überforderung – und zwar eine, die weit über das körperliche Leiden hinausgeht. Sie offenbart die tiefen Risse in einem gesellschaftlichen Versprechen, das wir uns gegenseitig geben, dass wir dank medizinischem Fortschritt immer älter werden können und dabei „gut aufgehoben“ sind.<BR /><BR />Der erste Sturz meiner Oma hat nicht nur ihr Leben, sondern auch das ihres ganzen Umfeldes massiv verändert. Auf Plätze in der Kurzzeitpflege wartet man Monate, bei der Langzeitpflege gibt es faktisch keine Chance. Meine Mutter und mein Onkel wurden über Nacht zu Krankenpflegern, zu psychologischen Stützen, zu Behördengängern und zu Managern von Pflegeeinstufungen. Diese Last bleibt nicht bei einer Person hängen; die Überforderung greift in der gesamten Familie um sich. Partner, Kinder, Freunde – alle hängen mit drin, tragen die Sorge, die Ratlosigkeit und oft auch die schiere Verzweiflung mit. Über allem stehen die unbeantworteten Fragen: Wie soll das weitergehen? Was ist die langfristige Lösung? Was kommt da noch?<BR /><BR />Dabei haben wir im Krankenhaus und in Pflegeeinrichtungen viele Menschen gesehen, die ihren Job lieben und sich förmlich aufopfern, um anderen Menschen zu helfen. Doch auch sie sind am Limit. Zu wenig Zeit für zu viele Pflegebedürftige. Das geht an die Substanz, an die Nerven und leider oft auch an die Qualität der Pflege. Unsere Familie ist dabei nur ein Beispiel für das, was viele Südtiroler Familien erleben. Wir befinden uns in einem tragischen Paradoxon. Wir perfektionieren die Kunst, das Leben immer weiter zu verlängern, aber wir haben versäumt, die Strukturen dafür zu schaffen. Langlebigkeit ist ein Privileg, aber ohne ein funktionierendes Auffangbecken wird sie zur logistischen und emotionalen Zerreißprobe.<BR /><BR />Wir müssen uns als Gesellschaft fragen, was uns ein würdevolles Altern wert ist. Das schönste Geschenk der Medizin – das lange Leben – darf nicht zur Last für jene werden, die es leben, und für jene, die sie dabei begleiten.