Auf seiner Reise nach Italien verbrachte Goethe die Nacht vom 8. auf den 9. September 1786 am Brenner. Darüber berichtete er sowohl in seinem Reisetagebuch als auch rund 30 Jahre später in seinem Werk „Italienische Reise“.<BR /><BR />Seit jeher ging man davon aus, dass die Herberge, in der Goethe übernachtet hatte, der ehemalige Gasthof Post in der Nähe der Kirche St. Valentin war. Dort erinnert seit dem Jahr 1900 eine Marmortafel mit seinem Bildnis an den berühmten Gast. Aus der Zeit des Faschismus stammt eine weitere Marmortafel, auf der „Giovanni Volfango Goethe“ mit der Wiedergabe eines Zitats als Kronzeuge für den Brenner als natürliche Grenzscheide zwischen Nord und Süd aufgerufen wird. Mehrfach wurden an diesem Ort Gedenkveranstaltungen abgehalten, zuletzt im September 2016 anlässlich des 230. Jahrestags von Goethes Aufenthalt.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1344756_image" /></div> <BR /><BR />Zweifel an dieser Überlieferung weckt nun der Nordtiroler Autor Wolfgang Kreidl in seinem im Selbstverlag erschienenen Buch „Italienische Reise durch Tirol“. Darin zeichnet der Autor Goethes Route anhand historischer Quellen und eigener Ortsvergleiche nach. Er vergleicht dafür Goethes Zeichnungen mit heutigen Ansichten der Schauplätze.<h3> Zeichnung passt besser zu Kerschbaum</h3>Grundlage für Kreidls Argumentation ist eine Skizze, die Goethe von seiner Herberge am Brenner angefertigt hat. Kreidl vergleicht Goethes Zeichnung mit der heutigen Situation und kommt zum Schluss, dass die dargestellte Häusergruppe nicht mit dem ehemaligen Gasthof Post im Ortskern übereinstimmen kann. Stattdessen spreche vieles für den Weiler Kerschbaum.<BR /><BR />Das von Goethe erwähnte Posthaus wäre demnach das heute noch – wenn auch baulich verändert – bestehende Gebäude des Jackpot-Cafés. Die eigentliche Herberge habe sich gegenüber befunden, wo heute eine Tankstelle steht. Der damalige Gasthof wurde im 20. Jahrhundert abgerissen.<BR /><BR />Nach Kreidls Darstellung stimmt nicht nur die Gebäudeanordnung mit Goethes Skizze überein. Auch historische Karten sowie ältere Fotografien würden diese Zuordnung stützen.<h3> Poststation wechselte mehrfach den Standort</h3>Ein endgültiger wissenschaftlicher Beweis für diese These steht allerdings noch aus. Die Poststation am Brenner befand sich im 18. Jahrhundert nämlich nicht dauerhaft am selben Ort, sondern war zeitweise im Weiler Kerschbaum, später beim Gasthof Post und zwischenzeitlich auch beim Gasthof Wolf untergebracht. Dadurch könnte die spätere Überlieferung den tatsächlichen Übernachtungsort Goethes verfälscht haben.<BR /><BR />Sollte sich Kreidls These bestätigen, müsste nicht nur die Geschichte von Goethes Aufenthalt am Brenner, sondern auch ein kleines Kapitel der regionalen Goethe-Forschung neu geschrieben werden.