Mittwoch, 02. September 2015

Das Grauen in Bildern: So war es, als sie noch lebten

71 Menschen steigen auf die nur 6 mal 2,50 Meter große Ladefläche eines 7,5-Tonners – um dem schrecklichen Geschehen in dem im Burgenland entdeckten Kühllastwagen mit 71 Toten „ein Gesicht zu geben“.

71 Menschen auf der  6 mal 2,50 Meter große Ladefläche eines 7,5-Tonners. So war es im Todes-Lkw.
71 Menschen auf der 6 mal 2,50 Meter große Ladefläche eines 7,5-Tonners. So war es im Todes-Lkw. - Foto: © APA/DPA

In Bochum stellten am Mittwochabend ein Spediteur und das Schauspielhaus den tödlichen Flüchtlingstransport in einer erschütternden Aktion nach. 71 Flüchtlinge ersticken qualvoll in einem Schlepper-Lastwagen in Österreich. 

Die Fläche ist mit 15 Quadratmetern genauso groß wie die des Kühllasters, in dem die Flüchtlinge vor einer Woche in Österreich den Tod fanden.

Was, wenn die Klappe zugegangen wäre ...

Ja, 71 Männer, Frauen und Kinder passen auf die Ladefläche – aber wie. Dicht gedrängt stehen sie wenige Minuten bis an die offene Ladeklappe. „Mein Gott“, flüstert eine Frau, die nicht mit eingestiegen ist.

„Du kannst die Beine nicht ausschütteln, du kannst dich nicht hinlegen, du musst stehen“, sagt der 17-jährige Schüler Till. „Es war heiß, und es gab wenig Luft“, sagt ein 50-jähriger Mann, der weit hinten stand. „Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn die Klappe zugegangen wäre. Dann wär das bisschen Luft weggewesen.“

 

Das Grauen des Todeslasters wurde in Bochum nachgestellt. - Foto: dpa

Eine alte Dame steht neben der Ladefläche. „Wohin kommt denn das Gepäck“, fragt sie fassungslos. „Alle hatten doch sicher ein bisschen Gepäck!“

71 Tote - eine abstrakte Zahl

Nach den Minuten im Lkw sind die Menschen und auch Spediteur Gerard Graf sichtlich verändert. „So eine abstrakte Zahl, die möchte ich mit Leben füllen“, sagt Graf. „Ich hoffe, dass wir mit dieser Aktion Öffentlichkeit erzeugen. Letztlich müssen aber die Politiker handeln.“

 

Protest in Bildern. - Foto: dpa

Der leitende Dramaturg Olaf Kröck sagt: „Es ist unendlich wichtig, dass wir angesichts dessen, was in Europa passiert, Gegeninitiativen ergreifen.“

Einige haben angesichts der spektakulären und medienwirksamen Aktion zwiespältige Gefühle. „Mir gefällt eigentlich der stillere Protest“, sagt ein 33-jähriger Arzt. „Da aber der Protest in Deutschland fehlt, sind wir jetzt hier.“

Symbolische Gräber aus Protest

Noch krasser geht das Künstlerkollektiv „Zentrum für Politische Schönheit“ vor, das aus Protest gegen die EU-Flüchtlingspolitik in Berlin tote Flüchtlinge bestatten ließ und zusätzlich mit symbolischen Gräbern vor dem Kanzleramt Aufsehen erregte.

Als „aggressiver Humanist“ bezeichnet sich der Kopf der Gruppe, Philipp Ruch. Die Aktion in Bochum findet er genau richtig.

„Theater ist in der Lage, das Unvorstellbare vorstellbar zu machen“, sagt Ruch der Deutschen Presse-Agentur. Eine Vorstellung davon zu bekommen, was Flüchtlinge erleiden müssen und sich dem zu stellen, halte er für „enorm wichtig“. Deshalb ist der Lastwagen vor dem Schauspielhaus für Ruch die „nützlichste Spielstätte, die in der letzten Zeit eröffnet wurde“.

stol/dpa

stol