<b>von Florian Mair</b><BR /><BR /><b>Welche Gebiete in Südtirol haben Nesträuber ins Visier genommen?</b><BR />Markus Raffeiner: Grundsätzlich sind alle Gebiete betroffen, in denen sich Obstanlagen befinden – beispielsweise von Salurn bis in den Vinschgau. Dort brütet die Singdrossel, ein Zugvogel. Sie kehrt im Frühjahr aus dem Süden zurück, brütet bei uns im Land und zieht im Herbst wieder in ihre Überwinterungsgebiete. In Norditalien wird die Singdrossel bei der Lockjagd eingesetzt, die in Südtirol verboten ist. Weil diese Drossel hierzulande brütet und zur illegalen Aufzucht von Lockvögeln deren Küken benötigt werden, zieht es die Nesträuber nach Südtirol.<BR /><BR /><b>Wie viele Küken werden schätzungsweise pro Jahr aus den Obstwiesen „geraubt“?</b><BR />Raffeiner: Es ist nicht möglich, eine genaue Zahl zu nennen – sicher aber Tausende. Immer wieder werden Nesträuber auf frischer Tat ertappt, zuletzt zwei Mal in Lana. Die Dunkelziffer dürfte allerdings sehr hoch sein. Die Nesträuber sind zwischen Mai und Juni, also während rund eineinhalb Monaten, aktiv – und dabei äußerst raffiniert.<BR /><BR /><b> Was passiert mit den „geraubten“ Tieren?</b><BR />Raffeiner: Wenn sich nur Eier im Nest befinden, werden diese von den Nesträubern in Ruhe gelassen. Benötigt werden leicht befiederte Küken, denn wenn sie bereits zu viele Federn haben, können sie davonfliegen. Die Küken werden samt der Nester nach Norditalien gebracht, viele verenden dabei. Und jene Tiere, die überleben, werden in Volieren aufgepäppelt und kommen dann im Herbst, sobald die Jagdsaison beginnt, im Freien in Käfige, um mit ihrem lauten Geschrei andere Singdrosseln anzulocken. Da die Lockvögel in dunklen Kellern aufgezogen werden und das Sonnenlicht im Freien dann zu Augenschmerzen führt, schreien sie besonders laut. Angeblich sollen gewisse Leute den Lockvögeln auch die Augen ausstechen; ob das stimmt, weiß ich nicht. <BR /><BR /><b> Warum werden Singdrosseln angelockt? </b><BR />Raffeiner: Ganze Schwärme von Singdrosseln werden mithilfe der Lockvögel abgeschossen, denn diese Vögel gelten als Delikatesse. Die Drossel- und Lockjagd ist in Norditalien legal. Allerdings dürften dort nur gezüchtete Drosseln für die Lockjagd eingesetzt werden. Diese Tiere schreien vielen Jägern jedoch zu wenig, da sie domestiziert sind. Deshalb rauben entweder die Jäger selbst oder ihre Handlanger hier in Südtirol Drosselküken, weil diese Vögel in Norditalien nicht brüten.<BR /><BR /><b>Wie fasst man solche Übeltäter auf frischer Tat?</b><BR />Raffeiner: Man spielt Räuber und Gendarm – nicht nur ich, sondern auch andere Jagdaufseherkollegen, die Forstbehörde und die Polizeikräfte. Man kennt bestimmte Kennzeichen. Beispielsweise in Lana, wo es an den Ortseingängen Kennzeichenerkennung gibt, werden diese Nummern herausgefiltert. Dort arbeiten wir sehr gut mit der Ortspolizei zusammen. Nesträuber haben meist einen Rucksack dabei und sind sogar mit Fahrrädern unterwegs, wenn sie zu den Tatorten fahren. Ihre meist unauffällig geparkten Autos sind oft alt, da diese beschlagnahmt werden, sollten sie von uns mit Küken erwischt werden. Häufig muss man Nesträuber einen Tag lang beobachten und verfolgen, um sie dann auf frischer Tat zu ertappen – beim Abtransport der Tiere. Sie tragen oft sogar Arbeitskleidung wie unsere Bauern.<BR /><BR /><b> Wie wissen Nesträuber, wo sich Küken befinden?</b><BR />Raffeiner: Zunächst begutachten sie die Obstwiesen Zeile für Zeile, markieren dann die Stellen, an denen Nester zu finden sind, beispielsweise mit Isolierband oder einem abgebrochenen Ast. Meist frühmorgens oder am späten Abend kommen sie zurück, holen die Tiere ab und suchen dann das Weite. Auffälligkeiten sollten sofort gemeldet werden, auch wenn man sich nicht ganz sicher ist – besser einmal zu viel als zu wenig. Gemeldet werden sollten Beobachtungen über den Notruf 112 bei der Polizei, bei den Förstern oder bei einem Jagdaufseher. Jeder Bürger kann so dazu beitragen, Tierleid zu vermeiden. Wenn wir Nesträuber erwischen, bringen wir die Drosseln, meist Singdrosseln, aber auch Wacholderdrosseln, schnellstmöglich ins Pflegezentrum für Vogelfauna am Burghügel von Schloss Tirol. Dort werden sie aufgepäppelt, um sie dann wieder auszuwildern. Viele Küken sind leider schon tot, wenn wir die Nesträuber erwischen, viele verenden später. Nesträuber sind Tierquäler – und Tierquälerei ist eine Straftat. Diese Tierquälerei verurteilt die Südtiroler Jägerschaft aufs Schärfste. <BR /><BR /><b> Mit welchen Folgen hat ein Nesträuber zu rechnen?</b><BR />Raffeiner: Er muss mit einem Strafverfahren rechnen, und sein Fahrzeug wird im Normalfall beschlagnahmt. Viele lassen sich davon jedoch nicht abschrecken, da wir einige Täter auch mehrfach erwischen. Manche kündigen sogar den Behörden gegenüber an, wiederzukommen. Denn der Handel mit solchen Singvögeln ist ein lukratives Geschäft – es geht um Summen im vierstelligen Bereich. <BR /><BR /><b>Wenn es darum geht, einen Wolf zu erlegen, der schon unzählige Schafe gerissen hat, gehen Tierschützer bekanntlich auf die Barrikaden, legen Rekurse ein und bedrohen Politiker, die einen Abschuss anordnen. Aber in Sachen Nesträuber hört man von ihnen nichts?</b><BR />Raffeiner: Ja, das stimmt. Leider gibt es keine Tierschutzvereinigung, die einen Beitrag leistet, um diese dreisten Nesträuber dingfest zu machen. Das wäre jedoch angebracht, weil auch Drosseln Tiere sind.