Montag, 20. April 2015

Das kann ich dir versichern

Auch nach fünf Jahren Kerzen, Tränen, Trauer. Vor einer Woche jährte sich das Vinschger Zugunglück. Der errechnete Gesamtschaden durch die Katastrophe: 15 Millionen Euro. Zehn Prozent davon übernimmt das Land – und zieht Konsequenzen: Die Provinz schreibt die Haftpflichtversicherung aus – zum ersten Mal seit 16 Jahren. Die lokalen Versicherungsbroker haben lange auf diesen Schritt gewartet. Vergebens, wie sich zeigen sollte.

Das Vinschger Zugunglück 2010 - Foto: Amt für Geologie und Baustoffprüfung
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Das Vinschger Zugunglück 2010 - Foto: Amt für Geologie und Baustoffprüfung

Seit 28 Jahren ist Gregor Stimpfl in der Versicherungsbranche tätig. Der Geschäftsführer und Vizepräsident des Bozner Versicherungsmaklerunternehmens Assiconsult kann sich nicht erinnern, die Haftpflicht-Versicherungspolice des Landes jemals zu Gesicht bekommen zu haben. „Zumindest nicht in den vergangenen 20 Jahren“, sagt er.

Zur Erklärung: Die Haftpflichtversicherung deckt Sach- und Personenschäden an Dritten und Mitarbeitern. Stürzt ein Radfahrer wegen eines Lochs auf einer Landesstraße schwer, kann er von der Provinz Schadenersatz fordern. Hat das Land eine Versicherung abgeschlossen, kümmert sich die entsprechende Gesellschaft um Bearbeitung und Auszahlung des eventuellen Schadens. Hat es keine, muss das Land ran.

Und dies recht häufig: Allein 2014 wurden über 240 Schadensforderungen an das Land gestellt. Sie reichen vom Loch in der Straße, über Steinschlag bis hin zum Zusammenprall mit einem Wildtier. Die Bürger wollen Geld. Mal einige hundert Euro, mal reichen die Forderungen bis tief in den fünfstelligen Bereich. Dann wird verhandelt, oft über Jahre.

Die Überlegung, die leidige Streiterei an eine Versicherungsgesellschaft abzutreten, liegt nahe. Der Haken bloß: Eine Police in dieser Größenordnung kostet (Steuer)Geld – und dies nicht zu knapp. Kosten, die sich das Land nicht aufhalsen wollte. Bis heute.

Mehr Prämie als Schaden

Gregor Stimpfl, Chef des Bozner Versicherungsmaklerunternehmens Assiconsult - Foto: D

 

Dass das Land bisher auf die Haftpflichtversicherung verzichtet hat, war in der Versicherungsbranche schon lange „kein Staatsgeheimnis“ mehr, heißt es. „Die Rechnung wird schon aufgegangen sein“, mutmaßt Stimpfl.

Maximilian Dusini vom Vermögensamt des Landes kennt die Rechnung. „Bis zum Ende der 90er-Jahre hatten wir eine Haftpflichtversicherung für eine Milliarden-Prämie pro Jahr. Die Schäden beliefen sich allerdings nur auf rund 400 Millionen Lire (206.582 Euro).“ Eine Versicherung? So klarerweise ein Schuss ins Knie. Im April 1999 kündigte das Land die Haftpflichtversicherung für Angestellte. "Das können wir auch selbst bestreiten", sagte Luis Durnwalder damals.

Feuerversicherung? Billiger, das Ganze neu zu bauen

Auch daran, dass das Land auf seine Landesgebäude jemals eine Feuer- oder All-Risk-Versicherung abgeschlossen hätte, kann sich Dusini nicht erinnern. Nicht zuletzt deshalb, weil das Vermögensgesetz von 1987 vorsehe, „dass das Land in der Regel seine Güter nicht versichert – außer, es ist vom Gesetz vorgesehen, wie bei Autos“.

Plus: „Der Ex-Generaldirektor des Landes, Herr Adolf Auckenthaler, meinte immer, eine Versicherung zahlt sich nicht aus: Bevor ein Landhaus abbrennt, hat das Land die Prämien schon zehn Mal ausgegeben“, sagt Dusini. „Bei einem Landes-Immobilienvermögen von 5 Milliarden Euro, können Sie sich ausrechnen, was da fällig werden würde.“

Fakt ist allerdings auch: Der neue Generaldirektor, die neue Landesregierung hat mit 1. Januar 2015 die Ausschreibung der Haftpflichtversicherung dem Verwaltungsamt für Straßen aufgetragen.

Land schreibt aus: „Haushalt nicht gefährden“

„Die neue Landesregierung vertritt die Auffassung, dass man es sich nicht erlauben könne, den Jahreshaushalt durch unvorhersehbare Unglücke zu gefährden“, weiß Stefano Mazzarano vom nun zuständigen Verwaltungsamt für Straßen.

Eine Entscheidung, die wohl auch durch tragische Ereignisse der vergangenen Jahre gereift sei: die tödliche Mure in Atzwang 2014, das Vinschger Zugunglück 2010. „In solchen Fällen werden 10, 20, 30 Millionen Euro gefordert. Das kann den Haushalt natürlich in Unausgewogenheit stürzen", sagt Mazzarano.

 

Unter dieser Mure starb Alexander Mayr im Sommer 2014, Feuerwehrkommandant und Familienvater - Foto: DLife

 

Gregor Stimpfl sieht diesen Schritt hin zur Police positiv, sagt er. Stellt aber gleichzeitig unmissverständlich klar: Die Ausschreibung komme für ihn „einer bitteren Kenntnisnahme“ gleich. Dass Aufträge aus Südtirol an auswärtige Unternehmen vergeben werden, könne er nicht nachvollziehen. „Wir, hier in Südtirol, haben sehr wohl das nötige Know-How“, betont er.

Broker steht bereits fest

Worauf Stimpfl anspielt: Das Land hat die Haftpflicht-, und zugleich die Vermögenshaftpflichtversicherung, zwar Ende März mit einer Ausschreibungssumme von 5 Millionen Euro für vier Jahre (1,25 Millionen pro Jahr) ausgeschrieben. Den passenden Broker dazu sucht die Provinz allerdings nicht mehr.

Ein Versicherungsbroker berät den Versicherungsnehmer und vermittelt die Policen. Das Land hat sich bereits im Vorfeld auf die Marsh S.p.A.-AG als Versicherungsmaklerin geeinigt. Stimpfl spricht von einer „Direktvergabe“ an das Mailänder Unternehmen. Man wird sich schon gekannt haben, vermutet der Assiconsult-Chef.

Keine Ausschreibung

Massimo Tomio, Direktor des Verwaltungsamts für Straßen - Foto: D

„Ich habe die ganze Geschichte im Jänner geerbt. Da war der Broker schon fix“, erklärt Massimo Tomio, Amtsdirektor des Verwaltungsamts für Straßen. Er wisse nicht, wie die Landesregierung bzw. das Generalsekretariat ihre Suche nach dem Broker gestaltet habe.

Nur eines ist sicher: „Eine Ausschreibung gab’s nicht, aber das geht in solchen Fällen. Ich vermute, man wurde beraten. Ich weiß nicht, ob unsere Broker solche Sachen schon gemacht haben. Die Sache ist sehr kompliziert. Da dürfen wir uns keine Fehler leisten.“ Bis Juni-Juli 2015 soll der Versicherer des Landes feststehen.

pg

stol