Donnerstag, 23. April 2015

Das Kreuz mit der Verantwortung

Wenn der Landeshauptmann angesichts der Flüchtlingsdramen im Mittelmeer sagt, man dürfe sich nicht aus der Verantwortung stehlen, dann klingt dies für die meisten durchaus logisch und ethisch vollkommen korrekt. Nur: Was passiert, wenn plötzlich die eigene Gemeinde Flüchtlinge aufnehmen soll?

Wohin jetzt? Wenn Flüchtlinge ertrinken, schreit die Welt auf. Suchen sie nach einer Unterkunft, will sie niemand haben.
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Wohin jetzt? Wenn Flüchtlinge ertrinken, schreit die Welt auf. Suchen sie nach einer Unterkunft, will sie niemand haben. - Foto: © LaPresse

Am Dorfeingang von Wiesen liegt die Ex-Gnutti-Kaserne. Das Gebäude befindet sich in Eigentum des Landes, besteht aus zwei Komplexen. Im größeren wurden bereits in den 90ern Kriegsflüchtlinge aus Ex-Jugoslawien untergebracht. Im Nebengebäude, ehemals als Magazin und Küche genutzt, sollen nun wieder Flüchtlinge unterkommen. 44, so sieht es der Plan der Landesregierung vor, vorwiegend Männer aus zentralafrikanischen Staaten.

 

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Die Ex-Gnutti-Kaserne liegt etwas versteckt im Wald hinter der Ex-Psaro-Kaserne: Hier sollen 44 Flüchtlinge unterkommen. - Foto: D/mf

 

Gemeinde erfährt über Umwege vom Plan

Die Art und Weise, wie die Gemeinde Pfitsch von den Plänen Wind bekommen hat: zumindest sonderbar.

Ursprünglich plante die Gemeinde im betroffenen Gebiet eine Wohnbauzone zu errichten, erklärt Bürgermeister Johann Frei im Gespräch mit STOL. Als er im Herbst 2014 in Bozen zufällig einen hohen Landesbeamten auf das Thema ansprach, meinte dieser, so Frei, die Überlegungen seien doch hinfällig: Schließlich würde man die Kaserne für die Flüchtlinge benötigen.

Der Bürgermeister fragte nach. „Damals wurde uns nur mitgeteilt, dass allgemein geeignete Strukturen geprüft würden. Dann haben wir nichts mehr davon gehört. Dementsprechend groß war unsere Verwunderung, als im Frühjahr plötzlich eine Baubeginnmeldung auf unserem Tisch lag.“

Gebäude kann „frühestens im Juli“ genutzt werden

„Es müssen nun diverse Arbeiten in der Kaserne gemacht werden", sagt Frei. Abwasser- und Trinkwasserleitungen müssen verlegt, die Stromversorgung gewährleistet werden. Das Gebäude ist in einem desolaten Zustand. "Das kann man nicht von heute auf morgen nutzen." Angelaufen seien die Arbeiten noch nicht.

  

Johann Frei, Bürgermeister der Gemeinde Pfitsch

 

Frei rechnet damit, dass die Unterkunft frühestens im Juli bereitsteht. Wie lange die Ex-Gnutti-Kaserne als Flüchtlingsunterkunft genutzt werden soll, weiß laut Frei niemand so genau.

„Nicht weiß Gott wie erfreut“

„Für uns als Gemeinde ist das natürlich eine Herausforderung“, sagt er diplomatisch. Die Bürger hätten Befürchtungen, dass die Sicherheit beeinträchtigt würde. Darüber, dass, so hieß es auf einer Bürgerversammlung mit Soziallandesrätin Martha Stocker Mitte April, vorwiegend Männer aus Zentralafrika in Wiesen untergebracht werden sollen, seien die Anrainer „nicht weiß Gott wie erfreut“.

Die Wohnbauzone „Am Moosfeld“ befindet sich in unmittelbarer Nähe zu Ex-Kaserne. Zehn Familien leben dort, fünf weitere Reihenhäuser könnten laut dem Bürgermeister gebaut werden. Allerdings herrscht derzeit wenig Interesse daran. „Eine Anrainerin meinte, ihre Immobilie würde durch die Flüchtlingsunterkunft 30 Prozent an Wert verlieren“, erzählt Frei von der Veranstaltung.

Hoffen auf Aussprache mit Land

Aus der Bürgerversammlung habe man Stocker mit dem Anliegen entlassen, sich doch, bei allem Verständnis und ohne die heiße Kartoffel an andere Gemeinden abschieben zu wollen, nach anderen Unterbringungsmöglichkeiten umzuschauen. Das Ex-Schülerheim „Waldheim“ bei Bruneck, zum Beispiel.

Und fieberhaft sucht das Land nach Unterbringungsmöglichkeiten für die derzeit 420 Flüchtlinge in Südtirol. Die Provinz macht keinen Hehl daraus, dass es jederzeit mehr werden könnten. Doch: „Nach den Aussagen des Landeshauptmanns muss man davon ausgehen, dass auch Wiesen damit konfrontiert werden wird“, meint Frei.

Bleibe zu hoffen, dass das Land die Flüchtlinge "richtig auf das Gebiet aufteilt". Und dieses Mal von selbst auf die Gemeinde zukomme. Seit der Versammlung von vor einer Woche habe man nichts mehr aus Bozen gehört.

pg

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Die Diskussion über ein Flüchtlingsheim hat die Gemeinde Gries am Brenner schon hinter sich. Die Einrichtung eines Flüchtlingszentrums durch das Land schlug im Vorjahr hohe Wellen. „Wir haben uns anfangs vor den Kopf gestoßen gefühlt. Das Heim funktioniert nun aber reibungslos“, sagt Bürgermeister Karl Mühlsteiger. Welche Erfahrungen die Gemeinde mit der Aufnahme von Flüchtlingen gemacht hat, lesen Sie in der Freitag-Ausgabe der Tageszeitung „Dolomiten“.

stol