Das Ehrenamt in Südtirol wandelt sich – und Sportvereine stehen dabei besonders unter Druck. Die Entwicklung ist nicht neu, doch die Auswirkungen sind immer stärker spürbar, wie zwei Bozner Vereine bestätigen. Die Bereitschaft, sich dauerhaft zu binden, nimmt spürbar ab.<BR /><BR /><BR />„Das Thema brennt uns als Verein unter den Nägeln“, unterstreicht Lahner im Gespräch, „deshalb haben wir es jetzt über den 'Sportkurier' thematisiert.“ Früher habe es großteils ehrenamtliche Trainer und Betreuer gegeben. „Heute sind alle bezahlt. Man findet keinen Trainer mehr, der seine Tätigkeit ehrenamtlich macht“, betont Lahner. „Wir kommen also mehr vom Ehrenamt zur bezahlten Tätigkeit im Sportverein.“ Der SC Neugries funktioniere nur mehr auf der Führungsebene – also Vorstand, Präsident, Sektionsleiter – ehrenamtlich. <BR /><BR /><BR />„Freiwillige zu finden, die die Arbeit dann weiterführen, wird definitiv immer schwieriger. Ich will nicht sagen, dass es momentan die Arbeit im Verein schon behindert, aber wenn die Leute das nicht mehr machen, weiß man nicht, wie es weitergeht. Das kann man in der Klarheit schon sagen.“ <BR /><h3> „Der soziale Gedanke ist verloren gegangen“</h3><BR />Die gesellschaftliche Entwicklung im Ehrenamt bei Sportvereinen habe vor etwa 15 bis 20 Jahren schleichend begonnen. „Die Einstellung der Eltern heute ist, salopp gesagt, immer mehr die: „Ich bringe das Kind hin, ich nehme das Angebot wahr.' Die Denke ist: “Ich zahle ja'“, so Lahner. Man werde als Dienstleister wahrgenommen und nicht als Verein. „Als ich Anfang der 2000er Jahre zum SC Neugries gekommen bin, war das noch anders. Das Zugehörigkeitsgefühl war ein anderes.“ Der soziale Gedanke, ein wichtiger Aspekt in einem Sportverein, sei verloren gegangen. „Die Individualisierung der Gesellschaft spiegelt sich im Vereinsleben.“ Es laufe alles gut, solange es dem eigenen Kind im Verein gut gehe. Trete jedoch ein Problem auf, machten die Eltern schnell Schwierigkeiten, erklärt der SCN-Präsident. <BR /><BR /><BR />Der Verein reagiere auf diese Entwicklung im Ehrenamt, indem man die Organisation professionalisiere und administrative Aufgaben teilweise entlohne, um Ehrenamtliche zu entlasten. Ziel sei es, den zeitlichen Aufwand in der Führungsebene realistisch zu halten und so das Engagement langfristig aufrechtzuerhalten. Denn „in dem Moment, wo Ehrenamtliche das nicht mehr machen, findet man niemand mehr, der das so weiterbringt. Dann müssen wir grobe Abstriche bei den Angeboten des Vereins machen.“ <BR /><BR /><BR />Dass die Bereitschaft, sich in Sportvereinen ehrenamtlich zu engagieren, seit Jahren sinkt, bestätigt auch Evi Seebacher, Präsidentin von Bozens größtem Sportverein, dem SSV Bozen, mit über 4.000 Mitgliedern.<BR /> „Müsste man nur auf das Ehrenamt bauen, hätten wir keine Sportvereine mehr“<h3> „Die Bereitschaft der Jungen, sich unentgeltlich einzubringen, geht zurück.“</h3>„Es wird schwieriger, Ehrenamtliche zu finden“, betont Seebacher. „Viele junge Menschen finden es zwar toll, wenn sie im Verein gut aufgenommen werden und dort Freundschaften fürs Leben finden. Wenn sie aber später selbst nicht mehr aktiv Sport treiben und sich engagieren sollten, um etwas zurückzugeben, heißt es dann oft „Ich habe keine Zeit' oder “Gratis kann ich das nicht machen.'“ Die Bereitschaft der Jungen, sich unentgeltlich einzubringen, gehe zurück. Vielleicht liege es daran, dass der Sport heute überbezahlt sei. „Wenn du gut bist, verdienst du ein Vermögen. Möglicherweise will sich keiner mehr ehrenamtlich engagieren, weil jeder denkt, es zirkuliert so viel Geld, warum soll ich etwas gratis machen“, sagt die langjährige SSV-Präsidentin.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1303494_image" /></div> <BR /><BR />„Viele junge Leute gehen ins Ausland, um zu studieren. Dann interessiert sie der Verein sowieso nicht. Und wenn sie zurückkommen, sind sie entweder in einer Phase, in der sie eine Familie gründen und sich aus Zeitgründen nicht engagieren wollen, oder es ist einfach kein Interesse da.“ Begonnen habe diese Entwicklung vor etwa 20 Jahren. „Im Bereich Musik ist es meiner Meinung nach anders. Wenn ich ein Instrument spiele, dann bin ich in der Gruppe, auch für mich, nicht nur für die anderen. Ich beteilige mich aktiv. Als junger Trainer oder Betreuer im Sport tue ich es nicht für mich, sondern nur für die anderen und das scheint nicht mehr gefragt zu sein. Das wird als Arbeit wahrgenommen, also will man Geld.“ <BR /><BR /><BR />Beim SSV Bozen müssten zwar keine Angebote zurückgefahren werden, „aber das Thema Ehrenamt muss im Sport wahrscheinlich ausgeklammert werden. Wenn ein Verein die Möglichkeit hat, einen Trainer oder einen Helfer zu bezahlen, dann kommt man schon über die Runden. Aber wenn man nur auf das Ehrenamt bauen müsste, das bei uns ja so viel gepriesen wird, hätten wir keine Sportvereine mehr“, so das Fazit von Seebacher. Denn das Ehrenamt beschränke sich im Sport mittlerweile auf den Vorstand und höchstens noch auf die Abteilungsleiter. „Der ganze Rest muss bezahlt werden. Das ist Standard mittlerweile.“ <BR /><BR /><BR />Diese Entwicklung habe sich so eingeschlichen und man rede sich das oft ein bisschen schön, „indem man sagt „So schlimm ist es nicht, wir haben immer noch Leute gefunden.' Aber das ist eine Augenauswischerei, denn wir finden keine Ehrenamtlichen mehr. Das mit dem Ehrenamt kann man im Sport vergessen“, betont SSV Bozen-Präsidentin Evi Seebacher.