Sonntag, 11. April 2021

Das schwimmende Klassenzimmer: Schüler segeln Lockdown davon

Einfach die Segel setzen und mit einem Dreimaster der Corona-Pandemie entkommen: Was im Lockdown wie ein süßer und reichlich ferner Urlaubstraum klingen mag, ist für 33 Schülerinnen und Schüler an Bord ihres „schwimmenden Klassenzimmers“, des Schulschiffs „Pelican of London“, im vergangenen halben Jahr wahr geworden.

Die Schüler verbrachten mehrere Monate gemeinsam auf dem Segelschiff – wie in einer großen Familie.
Die Schüler verbrachten mehrere Monate gemeinsam auf dem Segelschiff – wie in einer großen Familie. - Foto: © shutterstock
Atlantiküberquerung statt Homeschooling, aufentern statt in Online-Konferenzen sitzen – die Schülergruppe segelte entlang der europäischen Westküste bis nach Gibraltar, dann weiter zu den Kanaren, in die Karibik und durch den Panamakanal bis nach Costa Rica und zurück. Erfahrene Segler und 3 Lehrer begleiteten sie.

Am Samstagmittag kehrten die Schülerinnen und Schüler, meist Zehntklässler, nach 2 Atlantiküberquerungen zurück nach Deutschland. Gegen Mittag lief der Großsegler in den Hafen von Emden ein – dort hatte die Reise Anfang Oktober, vor dem zweiten Lockdown, auch begonnen. Überglücklich, unter Jubel und vielen Freudentränen nahmen Eltern und Geschwister ihre ferngereisten Familienmitglieder am Hafenkai in Empfang. Die Bundespolizei überwachte die Ankunft und die Einhaltung der Corona-Regeln.

„Ich bin erstaunt, dass das möglich war“, sagte Cindy-Patricia Heine, Vorsitzende des Landeselternrats Niedersachsen, zu der Reise inmitten der Pandemie. Die Jugendlichen könnten zwar wertvolle Erfahrungen machen und grundsätzlich sei es schön, wenn Schülern solche Erlebnisse ermöglicht werden. Sie mahnte aber auch: Im Sinne der Bildungsgerechtigkeit sei es nicht ideal, viele Menschen hätten nicht die finanziellen Möglichkeiten. Und tatsächlich: Ein halbes Jahr auf See mit der „Pelican of London“ ist nicht günstig, die schwimmende Schule kostet laut der Firma Ocean College, die die Reise organisierte, rund 25.000 Euro.

Zum Start im Herbst waren die Schülerinnen und Schüler dem Lockdown quasi „davon gesegelt“, wie Ocean-College-Geschäftsführer Johan Kegler sagte. Neben dem Unterricht gehörten Exkursionen und das Segeln der „Pelican of London“ zum Alltag. Auf ihrem Törn legten die Schüler rund 14.500 Seemeilen (etwa 26.000 Kilometer) zurück.

Eine große Familie gemeinsam auf See – und die Pandemie war auf einmal ganz weit weg

„Traurig und glücklich“ sei sie, sagte die 15-jährige Martha Dingeldein aus Berlin nach der Rückkehr. „Wir waren wie in einer Familie“, erzählte die Schülerin vom Zusammenhalt auf dem Segler. Zugleich freue sie sich aber, endlich ihre eigene Familie wiederzusehen. Unsicherheit bereite ihr die Corona-Pandemie: „Jetzt wieder nach Hause zu gehen und zu wissen, dass es nicht mehr so ist wie an Bord, wo man jeden einfach umarmen kann, das wird schon schwer“, sagte Martha.

An Bord, weitgehend ohne Telefon und Internet, habe die Pandemie kaum eine Rolle gespielt, sagte Finja Blatt aus Stuttgart. „Wir hatten eine kleine Bubble für uns und gar nicht so viel mitbekommen von Corona“, meinte die 14-Jährige. Eine Maskenpflicht an Bord gab es nicht. Zu den Landgängen seien Corona-Tests gemacht worden. Schon am Montag geht für die ersten Heimkehrer der Schulalltag wieder los. „Das wird für einige sicherlich eine Herausforderung“, sagte Kegler.

Das Grundprinzip des Ocean College sei es, Schüler in Verantwortung zu bringen, erklärte er. „Wir glauben, dass die normale Schule einfach viel zu theorielastig ist.“ Der Ort sei der beste Lehrmeister, äußerte sich Kegler überzeugt. Daher versuche die Crew auf der Reise stets Praxis und Theorie zu verbinden: Die Bordsprache ist Englisch, Geografie-Kenntnisse sind ohnehin immer gefragt und das Segeln funktioniert nur mit Mathematik – ganz ohne GPS, stattdessen mit Rechnen und Sextant.

Landeselternratsvorsitzende Heine meinte, möglicherweise müssten außerschulische Lernorte stärker mit einbezogen und damit Schule anders erlebbar gemacht werden. Ein Schiff stehe für ein Miteinander und Füreinander: „Das geht uns im Augenblick gänzlich verloren.“ Sie freue sich für die Jugendlichen, die eine „erfahrungsreiche und wertvolle Zeit“ verbracht hätten. In Deutschland gibt es noch weitere Angebote für junge Leute, das Segeln auf traditionellen Großseglern zu lernen. Dazu zählen etwa Törns auf der „Alexander von Humboldt II“ oder der „Fritjof Nansen“.

dpa