Freitag, 5. August 2022

Das sind die Symptome einer Essstörung – wo man in Südtirol Hilfe findet

Essstörungen sind weit verbreitet – auch in Südtirol. Vor allem die Magersucht kann tödlich enden und die Betroffenen werden immer jünger. Die Coronakrise habe das Problem noch zusätzlich verschärft. Es gibt aber Hilfe. Der Primar des psychiatrischen Dienstes in Brixen, Roger Pycha, erklärt die wichtigsten Symptome einer Essstörung und sagt, wo man Hilfe finden kann.

„Der Beginn der Erkrankung lag früher um die Volljährigkeit, inzwischen werden Betroffene aber immer jünger. “ - Foto: © shutterstock

Die gefährlichste Essstörung, und auch die weltweit tödlichste psychische Krankheit ist die Anorexie oder Magersucht. Bis zu 15 Prozent aller schwer Magersüchtigen versterben daran, sagt Roger Pycha, Primar des psychatrischen Dienstes in Brixen.

Betroffene werden immer jünger

„Der Beginn der Erkrankung lag früher um die Volljährigkeit, inzwischen werden Betroffene aber immer jünger.“ Die Coronakrise habe zusätzlichen psychosozialen Druck und Dauerstress erzeugt, der zu einer deutlichen Zunahme von Depressionen und Angststörungen geführt habe. „Aber auch psychosomatische Störungen, allen voran die Essstörungen, sind häufiger geworden“, so Pycha.

Betroffene fokussieren sich auf die Kontrolle des eigenen Essens

Magersüchtige entwickeln eine dauerhaft gestörte Wahrnehmung ihres Körpers und geraten damit fast unmerklich in eine Spirale zunehmenden Leides, das sich rasch auf die gesamte Familie ausweitet. Betroffene fokussieren sich auf die Kontrolle des eigenen Essens. „Sie sind häufig anfangs stolz darauf, diszipliniert fasten zu können und dünner, vermeintlich auch schöner, zu werden als andere“, sagt Pycha. „Sie kümmern sich eingehend um Kalorien, rechnen im Kopf aus, wie viel Energie sie sich zuführen, kochen häufig auch gut und gerne und halten andere an, viel zu essen. Sie selber aber hungern zähe, obwohl sie pausenlos an Essen denken.“

Roger Pycha



„Dauerndes Hungern ist massiver Stress“

„Im Stress verbraucht das Gehirn bis zu 35 Prozent der gesamten Energie des Körpers, und dauerndes Hungern ist massiver Stress“, betont der Primar. Gleichzeitig werde aber durch das Fasten deutlich weniger Energie zugeführt, sodass das Gehirn in ein konstantes Kraftdefizit gerät, das wieder den Stress vergrößert. „Ein Teufelskreis entsteht.“

„Dieses eigenartige Wohlgefühl kann zu einer Falle werden“

In Hungerzeiten könnten Menschen mit ganz wenig Energie auskommen und das eingeschränkte Gehirn täuscht ihnen vor, sie seien normalgewichtig und geistig zähe, sodass sie sich darum nicht so sehr kümmern müssen. „Bei künstlich herbeigeführtem Hunger kann dieses eigenartige Wohlgefühl zur Falle werden.“ Es bewirkt, dass Betroffene Angst haben, zuzunehmen, weil das ihre Willensstärke brechen könnte. Ein Wettkampf Wille gegen Körper beginnt, der zu gefährlicher Auszehrung führt, betont der Primar.

Die psychosozialen Folgen der Krankheit sind massiv

„Der Hunger verursacht Schlafmangel und Kältegefühl, die Dauerbeschäftigung mit dem Essen hat mangelnde soziale Kontakte zur Folge, es treten Muskelschwäche und Gehschwierigkeiten bei starkem Bewegungsdrang auf, ebenso Blähbauch und Herzmuskelschwäche, und die Monatsblutungen fallen aus. Und gerade wenn die gesamte Familie sich um gemeinsame Mahlzeiten bemüht, essen Betroffene umso weniger. Ein endloser Kampf ums Verzehren tritt auf, bei dem die Magersüchtigen ihre ganze Macht zeigen.“

„Gefahr des Verhungerns wird ihnen gar nicht bewusst“

Ihnen werde die Gefahr des Verhungerns gar nicht bewusst, dazu seien sie längst zu schlecht ernährt. „Deshalb müssen sie zunächst unter strengster Kontrolle wieder essen, kauen und schlucken lernen.“ Beim so genannten Unterstützungstisch im spezialisierten Zentrum führen Ernährungsberater oder Krankenpfleger die Aufsicht, damit Nahrungsmittel nicht versteckt statt gegessen und die Betroffenen gleichzeitig psychisch unterstützt werden.

Beim wöchentlichen Wiegen werden alle Tricks angewandt

„Magersüchtige wenden beim wöchentlichen Wiegen alle Tricks an, um eigenes Körpergewicht vorzutäuschen. Oft trinken sie vorher ein bis 2 Liter Wasser oder legen sich Blei oder Steine in die Kleider“, so Pycha.

Das besagt der Body-Mass-Index

Es gibt ein medizinisches Maß für das Gewicht im Verhältnis zur Körpergröße, den Body-Mass-Index. Normal sind Werte von 18,5 bis 25, darüber liegt Übergewicht, darunter spricht man von Anorexie oder Magersucht.

Betreuung und Behandlung von schwer Essgestörten sei eine der aufopferungsvollsten und schwierigsten Aufgaben

Jeder Body-Mass-Index unter 14 sei ein Grund, die Betroffenen in einer Einrichtung aufzunehmen und sie kontrolliert, manchmal sogar zwangsweise, zu ernähren. Betreuung und Behandlung von schwer Essgestörten sei eine der aufopferungsvollsten und schwierigsten Aufgaben der Psychosomatik, und müsse in einem eigenen, hoch spezialisierten Zentrum mit genügenden Mitarbeitern erfolgen.

Parallel zu den körperlichen und Ernährungsmaßnahmen sollten, sobald das Gehirn der Betroffenen leistungsstark genug ist, Psychotherapie und Familiengespräche stattfinden, sagt der Primar der Psychiatrie in Brixen. Auch Kreativtherapien und (langsame) Bewegung, Aromatherapie und Entspannungsübungen könnten hilfreich sein.

Neues Therapiezentrum für Essgestörte in Bozen

In allen Sanitätsbezirken Südtirols gibt es psychiatrische Einrichtungen, in denen Essgestörte Hilfe finden. Eine neue Anlaufstelle ist das Therapiezentrum Villa Eea in in Bozen. Es wird von der Sozialgenossenschaft „Città Azzurra“ geführt und ist mit dem Südtiroler Gesundheitsdienst verknüpft, der auch die ärztliche Behandlung sicherstellt.

Ein Tageszentrum garantiert Betreuung und beaufsichtigte Mahlzeiten für maximal 12 Betroffene ab 14 Jahren. Daran angeschlossen ist eine Wohngemeinschaft für längere Betreuungsverläufe mit einer maximalen Kapazität von 8 Plätzen, betont Pycha.

Die ärztliche Leitung des Zentrums hat der Koordinator des Südtiroler Netzwerks für Essstörungen, Dr. Markus Markart. Die organisatorische Leitung liegt in den Händen von Pfleger Antonello Sanna.

stol

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