Donnerstag, 12. November 2020

Das Urteil des Sarner Professors

Der Sarner Immunologe Prof. Bernd Gänsbacher stellt den Verantwortlichen des Südtiroler Gesundheitswesens kein gutes Zeugnis aus. „Andere Regionen haben es viel besser verstanden, zeitgerecht richtige Maßnahmen zu setzen.“

Immunologe Dr. Bernd Gänsbacher stellt Überlegungen zur aktuellen Situation an.
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Immunologe Dr. Bernd Gänsbacher stellt Überlegungen zur aktuellen Situation an. - Foto: © Oliver Oppitz Photography
„Dolomiten“: Herr Prof. Gänsbacher, warum hält Südtirol italienweit den Negativ-Rekord an Neuansteckungen auf 100.000 Einwohner?

Prof. Bernd Gänsbacher: Die Daten vom 8. November zu den Positiven je 100.000 Einwohner zeigen, dass Südtirol mit 148 Positiven pro 100.000 einsam und allein an der Spitze in Italien steht. An zweiter Stelle ist Piemont mit 88 je 100.000. Und wenn man die Lombardei anschaut, die März, April, Mai ein Riesenproblem mit Corona-Infektionen hatte, ja der Hotspot in Europa war, und man jetzt sieht, dass dort 63 Positive pro 100.000 sind, müssen in Südtirol alle Alarmglocken gleichzeitig schrillen. Denn es ist eine Tatsache, dass in Italien ein und dasselbe Virus zirkuliert und ein und dieselbe Spezies Mensch lebt. Dann haben externe Faktoren, wie es eben getroffene Maßnahmen sind, dieses Ergebnis bestimmt und gezeitigt. Wenn Südtirol 148 Positive pro 100.000 und das Trentino nur 33 je 100.000 hat, dann hat das Trentino mit hoher Wahrscheinlichkeit die besseren Maßnahmen bzw. Entscheidungen getroffen.

„D“: Warum die Unterschiede?

Prof. Gänsbacher: Niemand kann genau den Grund sagen. Alle in Italien hatten im Sommer die gleiche Ausgangslage, die Infektionsrate fast auf Null. Wenn jetzt im November Südtirol eine viel höhere Infektionsrate hat im Vergleich zu anderen, bedeutet das, dass in diesen 4 Monaten andere Regionen – wie das Trentino – die Realität viel besser verstanden haben und zeitgerecht richtige Maßnahmen installiert haben.

„D“: Wer ist verantwortlich?

Prof. Gänsbacher: Am Ende tragen die Verantwortung diejenigen, die entscheiden. Das ist der Sanitätsbetrieb, der Landesrat und seine Experten und letztendlich die Landesregierung. Man muss es auch so sehen: Wenn die Südtiroler Politiker und die Sanität gute Entscheidungen getroffen hätten und sie in Italien am besten dastehen würden, dann würden sie auch das Lob für sich beanspruchen. Nähme man internationale Kriterien her, wo Gehalt an Leistung gekoppelt ist, müsste man einigen hoch bezahlten Funktionären der Südtiroler Sanität das Gehalt kürzen.

„D“: Wurde in den Sommermonaten etwas verschlafen?

Prof. Gänsbacher: Diese Frage ist sehr schwer zu beantworten. Es ist nicht entscheidend, ob Bars um 20 oder 22 Uhr schließen, sondern es entscheidet das ganze Paket. Zweitens spielt das Timing, wenn man Maßnahmen setzt, eine sehr wichtige Rolle. Ein Beispiel, wo Fehler gemacht wurden, ist der Umgang der Sanität mit den Antigen-Schnelltests der Hausärzte. Laut Medien landeten fast 1300 positive Schnelltest-Ergebnisse in einem Postfach der Sanität, das nicht beachtet wurde. Wenn man bedenkt, dass ein positiver Antigen-Schnelltest gerade die Hochvirus-Ausscheider identifiziert, die mit jedem Atemzug eine hohe Anzahl an Viruspartikeln ausscheiden, kann man das Ausmaß dieses Problems erkennen. Denn wie man in den Medien auch lesen konnte, sind einige dieser Antigen-Positiven sogar arbeiten gegangen oder haben ihre Quarantäne nicht eingehalten und wurden zum Teil erst nach einer Woche von der Sanität angerufen, um PCR-Tests zu machen. Das ist eine Garantie für einen gewaltigen Schub in der Infektionswelle.

„D“: Was tun, wenn jemand mit dem Antigen-Schnelltest positiv getestet wird?

Prof. Gänsbacher: Jedes Sanitätssystem in den Ländern, die die Infektionswelle unter Kontrolle haben, würde die Antigentest-Positiven noch am selben Tag mit dem PCR-Test nachtesten, aus dem Verkehr nehmen und in Isolation stecken. Denn ein Antigentest ist nur positiv, wenn ein Mensch mehrere Hunderttausend Virus-Partikel ausscheidet.

„D“: Bis Mitte Oktober hieß es noch alles im Griff, alles unter Kontrolle... das falsche Signal?

Prof. Gänsbacher: In Südtirol besteht in der Politik ein bisschen die Tendenz, sich selbst zu loben. Die Realität ist so, dass am Ende in einer so gefährlichen Pandemie nur das Outcome zählt und dass dann falsches Lob entlarvt wird.

„D“: Die Verantwortlichen warnen, dass Südtirols Gesundheitssystem zusammenbricht. Haben Sie auch diese Sorge?

Prof. Gänsbacher: Natürlich. Da geht es nicht um Meinungen. Wenn pro 100 Infizierte 5 Prozent im Schnitt stationär aufgenommen werden müssen, dann ergibt sich die Antwort von selbst. Weil dann bräuchte es bei 50.000 Infizierten 2500 Betten, und die haben wir nicht. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass das Krankenhaus Bozen sehr wohl die Möglichkeit hätte, die Intensivbetten auf 100 zu erhöhen. Aber die große Frage ist, ob sie das Personal mit entsprechender Ausbildung haben, um die zusätzlichen Betten zu betreuen. Intensivmedizin ist eine äußerst komplexe Fachrichtung, es braucht komplexes Training und ausgeprägtes Fachwissen, wie man in kurzer Zeit lebensbedrohende Situationen therapiert. Da kann man nicht einfach einen Pfleger auf die Intensivstation schicken, um einen intubierten Patienten zu betreuen.

„D“: Jetzt werden 350.000 Südtiroler durchgetestet. Die Landesregierung erwartet sich einen Befreiungsschlag. Sie?

Prof. Gänsbacher: Alles, was unternommen wird, um Virus-Ausscheider zu identifizieren, ist lobenswert und soll getan werden. Klar ist, dass so eine Aktion nur eine Momentaufnahme ist. Wer am Dienstag negativ getestet wurde, könnte sich am Mittwoch neu infizieren. Ein zweiter Unsicherheitsfaktor ist, dass nur Freiwillige getestet werden. Wenn zum Beispiel ein Drittel der Südtiroler nicht getestet wird, ist das ein Pool, von dem eine neue Infektionsquelle ausgehen kann. 30 Prozent sind 150.000 Leute. Stand heute können wir annehmen, dass unter den 150.0000 mindestens 220 Virusträger sind. Zudem muss unbedingt vermieden werden, dass es bei Teststationen zu Massenansammlungen kommt – eines der Hauptprobleme.

„D“: Kindergarten und Schule zu oder auf?


Prof. Gänsbacher: Kindergarten und Schule sind immer ein Spiegelbild der Gesellschaft. Wenn die Infektionsrate unter den Südtirolern niedrig ist, ist es kein Problem, Kindergarten und Schule offenzuhalten. Wenn die Infektionsrate aber hoch ist wie derzeit, können wir sicher sein, dass es dort zu Problemen kommt. In Deutschland, das zur Zeit auch eine relativ hohe Infektionsrate hat, befinden sich rund 300.000 Schüler in Quarantäne. Kindergartler und Schüler haben auf den Schleimzellen dieselben Rezeptoren, die das Virus braucht, um einzudringen. Die meisten Experten stimmen überein, dass Kinder mit dem Virus infiziert werden können, dass sie im Vergleich zu den Erwachsenen eine niedrigere Viruslast haben, fast nie erkranken und dass sie mit niedriger Wahrscheinlichkeit das Virus weitergeben, aber sie können es weitergeben.

„D“: Es gibt Leute, die erkrankt sind und sich nicht testen lassen. Mit Umfeldkontrollen werden sie offenbar auch nicht erfasst. Was sagen Sie solchen Leuten?

Prof. Gänsbacher: Es ist Aufgabe der Sanität, eine Pandemie zu kontrollieren und die Maßnahmen mit aller Härte durchzusetzen. Zum Zweiten hat jeder Einzelne eine Verantwortung, die Maßnahmen einzuhalten und, wenn er Symptome hat, sich zu melden. Die Kontrolle der Kontaktpersonen durch die Sanität ist da enorm wichtig. Wenn man aber hochrechnet, dass bei 700 täglichen Neuinfektionen jeder einzelne rund 50 Kontaktpersonen pro Woche hat, müssten 35.000 Leute kontaktiert werden. Das ist nicht mehr möglich, aber das ist die Realität.

„D“: Wie wird unser Weihnachten und unser Winter?

Prof. Gänsbacher: Es wäre im Interesse der Wirtschaft und vieler Interessensgruppen, jetzt im November harte Maßnahmen zu setzen, damit Südtirol ein verhältnismäßig normales Weihnachten feiern kann. Wenn die Maßnahmen so gesetzt werden, dass die Infektionswelle nur langsam abflacht, wird Südtirol zu Weihnachten immer noch größere Probleme haben. Und zum Winter: Ich bin kein Wahrsager. Wahrscheinlich wird das Infektionsgeschehen in Wellen weitergehen, es wird Spitzen geben, gefolgt von harten Maßnahmen, dann wird die Welle wieder abflachen und so weiter – bis wir eine Impfung haben.

Interview: Luise Malfertheiner

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