Die Stele ist übermannshoch, aber schmal. Ein Stahlrahmen, der Patina aus Rost angesetzt hat, umfasst eine Glasscheibe mit bunten Elementen, in die Buchstaben eingraviert sind. Man muss sich in den richtigen Winkel zur Sonne stellen, um sie lesen zu können: „Franz Beidinger 24. 10. 1938 bis 6. 1. 1942“ steht da. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1309890_image" /></div> <BR /><BR />Der kleine Franz war noch keine vier Jahre alt, als die Nazi-Schergen ihn ermordeten – so wie viele andere seiner Volksgruppe, die einst in Langental (kroatisch Longitolj, ungarisch Langató) lebten. Der Ort ist Teil der Gemeinde Großwarasdorf (kroatisch Veliki Borištof, ungarisch Szabadbáránd) im Mittelburgenland. <BR /><BR />Die Stele für den kleinen Franz schuf der Künstler Peter Kedl, ebenso 68 weitere für jeden der namentlich bekannten ermordeten Roma und für vier Euthanasieopfer aus Langental. Sie stehen an einer <a href="http://www.roma-service.at/dromablog/?p=62159" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">Gedenkstätte</a>, die 2022 eröffnet wurde – volle 77 Jahre nach dem Ende des Nazi-Regimes. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1309893_image" /></div> <BR /><BR />24 Roma-Familien mit 187 Mitgliedern lebten vor 1933 in dem Ort, für den es keinen Namen in ihrer Sprache gibt. Seit sie im 17. Jahrhundert im Burgenland ansässig wurden, wurden die Roma diskriminiert, drangsaliert und verachtet. Nach dem „Anschluss“ Österreichs an Hitlers Naziregime aber gerieten sie in die tödliche Maschinerie des Rassenwahns. <h3>Die Nazis ermordeten neun Zehntel der Roma im Burgenland</h3>Die Langentaler Roma wurden in das Lager Lackenbach gebracht, das größte Zwangsarbeitslager für Romnja und Roma im „Dritten Reich“. Viele starben dort unter unmenschlichen Bedingungen einen qualvollen Tod, andere wurden in Vernichtungslager wie Auschwitz gebracht und ermordet. Von den 8000 Roma im Burgenland überlebte nur ein knappes Zehntel die Nazizeit. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1309896_image" /></div> <BR /><BR />Der kleine Franz war nicht darunter. Welche Grauen er erdulden musste, was genau ihm angetan wurde und wie er letztlich zu Tode kam, ist nicht bekannt. Andere, die überlebten, erzählten später von den unmenschlichen Vorgängen, um das Wissen darüber wachzuhalten. Der Verein Roma-Service hat diese Berichte in seiner Reihe „Mri Historija“ veröffentlicht (http://www.roma-service.at/mrihist-ausgaben.shtml). <BR />Nach 1945 wurden Roma in Österreich lange nicht als rassisch Verfolgte anerkannt, jahrzehntelang war das Lager Lackenbach nicht als KZ-ähnliche Stelle eingestuft. Die Vorurteile saßen und sitzen immer noch tief, Diskriminierung ist bis heute an der Tagesordnung. <BR /><BR />„<h3> Ich habe von meiner Großmutter nur das Verstecken gelernt“</h3>Entsprechend schwer tun sich Romnja und Roma, sich als solche zu identifizieren. Diese Zwangslage schilderte vor einiger Zeit eine junge Frau bei einer Veranstaltung in Wien mit diesen Worten: „Ich habe von meiner Großmutter nur das Verstecken gelernt. Die Frage „Bist Du Österreicherin?“ bringt mich jedes Mal in eine blöde Situation, und wenn ich sage, „ja, aber ich bin Romni“, heißt es: „Schaust aber nicht so aus“. Das ist nicht böse gemeint, aber trotzdem… Jedes Mal muss ich überlegen: Wieviel soll ich preisgeben, wenn ich gefragt werde?“<BR /><BR />„Im Burgenland wissen viele gar nicht, ob und wie viele Roma sie als Vorfahren haben“, erläutert Emmerich Gärtner-Horvath, der Vorsitzende der Volksgruppe. Die Entwicklung sei so weit fortgeschritten, dass die Zugehörigkeit nicht mehr Sache des Alltags sei, sondern in den Bereich symbolischer Handlungen gehöre: „Sie wird Freizeitaktivität“, sagt Gärtner-Horvath, der von allen nur „Charly“ genannt wird.<h3> „Die Volksgruppe besteht nicht nur aus dunkler Haut“</h3>Das ist bei ihm und Adi Gussak jr. anders. Gärtner-Horvath stieg 1990 als Berufssoldat aus dem Bundesheer aus, um die Zustände zu ändern: „In Lokalen bekamen Roma nichts zu trinken, um nur ein Beispiel zu nennen“, sagt er. Später wagte der gelernte Einzelhandelskaufmann den Sprung ins Ungewisse und kündigte einen guten Job mit viel Verantwortung, um seine ganze Energie dem Einsatz für seine Volksgruppe zu widmen. <BR /><BR />2004 gründete er den Verein Roma-Service, der sich für die Bewahrung, Förderung und Dokumentation der Kultur der burgenländischen Roma einsetzt. Adi Gussak jr. hat letztes Jahr die Matura abgelegt und setzt sich seither im Medienwesen für die Roma ein, etwa beim mehrsprachigen Radio Mora und beim ORF.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1309899_image" /></div> <BR /><BR />„Wir müssen ein anderes Bild der Volksgruppe schaffen: Sie besteht nicht nur aus dunkler Haut. Wir müssen den wahren Charakter der Volksgruppe zeigen“, sagt Gärtner-Horvath. Rassismus sei immer noch alltäglich, berichtet er. „Heute ist er aber eher versteckt, zeigt sich vor allem in sozialen Medien“, stellt Gussak jr. fest: „Unglaublich viele äußern dort Hass gegenüber Roma.“ Beim Ausgehen oder im Alltag spürt er selbst selten Rassismus, „aber es passiert.“ <BR /><BR />Ein großes Hindernis für die Roma ist das oft unterdurchschnittliche Bildungsniveau. Bis in die 1960er Jahre hinein lag die Rate an Analphabeten und Semianalphabeten bei 70 Prozent. Eltern können ihren Kindern bis heute oft nicht bei den Schulaufgaben helfen. <BR /><BR />Das hat historische Gründe, denn als Kinder wurden sie häufig in die Sonderschule abgeschoben. Daher ist eine der der wichtigsten Tätigkeiten des Roma-Service eine außerschulische Lernbetreuung. Dass das Bildungsniveau der Roma sich aber an das der Mehrheitsgesellschaft anzugleichen beginnt, dafür ist Adi Gussak jr. das beste Beispiel – auch wenn noch viel zu tun bleibt. <h3> Bildungsprobleme und Sprachverlust</h3>Viel zu tun gilt es auch für die Sprache, denn um Romanes (auch Romani genannt) ist es schlecht bestellt. Adi Gussak jr. etwa sagt: „Ich verstehe alles, spreche nicht so gut, kann aber kommunizieren. Meine Großeltern sprachen Romanes, auch mein Vater sprach es sehr gut.“ Die Sprache gehe verloren, fürchtet Gussak jr.: „Viele kennen nur mehr einzelne Wörter.“ Dabei sei die Erhaltung der Sprache das Wichtigste: „Was macht uns Roma aus?“, fragt Gussak jr. und gibt die Antwort: „Der Unterschied zu den anderen besteht nur in der Sprache – und in der Musik.“ <BR /><BR />Um den Sprachverfall aufzuhalten, bietet der Roma-Service in Zusammenarbeit mit Schulen und der Bildungsdirektion Kurse an, zudem wird daran gearbeitet, die Textbasis durch Veröffentlichungen und Übersetzungen zu erweitern. <BR /><BR />Sprachvermittlung in der Schule stößt allerdings auf große Probleme. Im zweisprachigen (Deutsch–Kroatisch bzw. –Ungarisch) Bundesgymnasium in Oberwart wurde Anfang der 1990er Jahre und auch später noch einmal ein Versuch unternommen, Romanes zu unterrichten, als unverbindliche Übung. Das Resultat war ernüchternd: „Es gibt kein Interesse daran“, sagt Direktorin Iris Szótér. <BR /><BR />Zahlen nennt Karin Vukmann-Artner, die Leiterin der Abteilung Minderheitenschulwesen in der Bildungsdirektion Burgenland: „4500 Schüler lernten 2024/25 eine der vier Volksgruppensprachen. Darunter waren nur 16 erklärte Romanes-Lernende! Und kein Kind gab Romanes als Erstsprache an.“ Die Furcht, sich als Roma-Angehöriger zu outen, ist auch in anderen Schulen und bei den Volkshochschulkursen zu groß, als dass Volksgruppenangehörige teilnehmen würden. <h3> Das Interesse in der Mehrheit wächst</h3>In der Mehrheitsbevölkerung nimmt dagegen das Interesse an den Roma zu. Ein Beispiel ist das Kulturzentrum Kuga (Kulturna zadruga) in Großwarasdorf. Gegründet wurde es 1982 von jungen Leuten, die nicht zuschauen wollten, wie das Dorf wegen Abwanderung stirbt und das Burgenländische Kroatisch verloren geht. Heute ist das Kuga ein weitum bekanntes und renommiertes Zentrum mit vielfältigem Kulturprogramm und Bildungsangebot, das sich für die Förderung der Mehrsprachigkeit im Burgenland einsetzt – auch für Romanes. <BR /><BR />Gerlinde Stern-Pauer war Gründungsmitglied. Für sie war es selbstverständlich, in vorderster Linie mitzutun, als die Idee zur Gedenkstätte in Langental aufkam. Eine besondere Herausforderung war die Recherche nach den Namen und Lebensdaten der ermordeten Roma. „Uns war es wichtig, dass die Menschen nicht einfach verschwunden sind, sondern dass es für jedes Opfer eine eigene Stele mit dem Namen, dem Geburts- und dem Sterbedatum gibt“, sagt Stern-Pauer.<BR /><BR />Die Langentaler Roma-Siedlung ist verschwunden, denn nur noch vereinzelte Roma leben im Ort. Die Erinnerungsstätte aber hält das Gedenken an das Schicksal des kleinen Franz Beidinger und seiner Leidensgenossen wach. <BR /><BR /><b>Von Hatto Schmidt für Midas.</b>