<b>Wann kamen Sie das erste Mal mit dem Holocaust in Berührung?</b><BR />Avataneo: Meine Mutter erzählte uns, was ihrer Familie in der Zeit des Nationalsozialismus und Faschismus passierte – aber stets in einer knappen Art und Weise. Es waren hauptsächlich Kindheitserinnerungen, z. B., als sie wegen der Rassengesetze das klassische Gymnasium in Bozen nicht mehr besuchen durfte. Das war sehr schmerzhaft für sie, besonders dass sich die meisten Mitschüler ihr gegenüber gleichgültig verhielten. <BR /><BR /><embed id="dtext86-68319808_quote" /><BR /><BR /><b><BR />Die Familie Ihrer Mutter musste mehrmals umziehen, 1943 wurde sie in Fondo verhaftet und ins Gefängnis nach Meran gebracht. Wussten Sie auch davon?</b><BR />Avataneo: Ja, unsere Mutter hat uns auch davon erzählt. Wir kannten das Schicksal des Großvaters, aber wir wussten nicht, wann und wo er gestorben war. Ich habe nie weiter nachgefragt. Das bedauere ich heute. Uns war nicht klar, dass unsere Familiengeschichte Teil einer viel größeren Geschichte war. Das habe ich erst nach dem Tod meiner Mutter im Jahr 2001 erkannt.<BR /><BR /><b>Warum? </b><BR />Avataneo: Ich räumte ihr Haus auf und fand in einer Schublade einen Brief meines Großvaters aus dem Meraner Gefängnis. Darin stand, dass seine Töchter auf seine Rückkehr warten sollten. Das hat mich sehr beeindruckt, denn meine Mutter hatte uns den Brief nie gezeigt. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1122588_image" /></div> <b> Was haben Sie gemacht?</b><BR />Avataneo: Ich habe mich an das Jüdische Dokumentationszentrum in Mailand (CDEC) gewandt und mit Nachforschungen begonnen. Dort empfahl man mir, im Internet immer wieder nach dem Namen meines Großvaters zu suchen. So habe ich zufällig von einer Gedenktafel, dem „Stolperstein“, erfahren, die 2015 meinem Großvater in Bozen gewidmet wurde. Ich kontaktierte die Gemeinde, um mich zu bedanken und wurde an Sabine Mayr und Joachim Innerhofer verwiesen, die gerade ein Buch über Lebensgeschichten jüdischer Familien in Südtirol veröffentlicht haben.<BR /><BR /><embed id="dtext86-68319884_quote" /><BR /><BR /><b><BR />Und dann?</b><BR />Avataneo: Ich war damals im Urlaub in Südtirol und bin gleich nach Bozen gefahren, um die Autoren zu treffen. Sie hatten für ihr Buch in Archiven recherchiert. So gaben sie mir Informationen über meinen Großvater, die ich nicht kannte. Umgekehrt teilte ich mit ihnen Familienerinnerungen, die dann in die italienische Übersetzung des Buches geflossen sind.<BR /><BR /><b> Wie haben die Ereignisse Ihre Mutter geprägt?</b><BR />Avataneo: Meine Mutter konnte keine Kriegsfilme sehen, sie konnte das Geschrei auf Deutsch nicht ertragen. Als wir ein Familienvideo aus den 1930er-Jahren fanden, konnten weder meine Mutter noch ihre Schwester, meine Tante Carla, es anschauen.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1122591_image" /></div> <BR /><b>Sind Sie jüdischen Glaubens?</b><BR />Avataneo: Ich bin christlich erzogen worden, meine Mutter hatte sich bereits 1938 wegen der Rassengesetze taufen lassen. Ich bin in einem Dorf in der Nähe von Turin aufgewachsen und bis heute lebe ich in dieser Gegend. <BR /><BR /><b>Ist Ihre Mutter jemals wieder nach Südtirol zurückgekehrt?</b><BR />Avataneo: Wir verbrachten jedes Jahr einen Urlaub in Fondo, wo sie einst verhaftet worden war. Dort hatte sie Freundschaften geschlossen, die sie ihr ganzes Leben lang behielt. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1122594_image" /></div> <BR /><BR /><b>Wie hat die Vergangenheit der Familie Sie geprägt?</b><BR />Avataneo: Ich habe stets eine Unruhe wahrgenommen. Nach dem Tod meines Vaters bekam meine Mutter eine Depression, und die Erlebnisse der Vergangenheit haben sich auch darauf ausgewirkt. <BR /><BR /><b>Ihre Familie hat ihren ganzen Besitz verloren. Gab es Hass?</b><BR />Avataneo: Nein, es gab nie auch nur eine Spur von Hass. Über die wirtschaftlichen Schwierigkeiten schwieg meine Mutter – darüber, dass sie ein Haus oder Möbel verkaufen mussten – so wie viele andere jüdische Familien damals. Nach dem Krieg führte meine Mutter ein einfacheres Leben als jenes in ihrer Kindheit. Aber sie sagte immer, sie hätten den Krieg überlebt, jetzt fange man neu an. Dieses Gefühl des Neubeginns war stark, die Erinnerungen wurden in eine Schublade gelegt und weggeschlossen. <BR /><BR /><embed id="dtext86-68319887_quote" /><BR /><BR /><b>Wie sehen Sie den Antisemitismus heute?</b><BR />Avataneo: Seit dem Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 hat der Antisemitismus wieder zugenommen. Aber ich glaube, er ist nie ganz verschwunden.<BR /><BR /><b>Sie treten immer wieder bei Veranstaltungen auf und erzählen die Geschichte ihrer Familie. Warum?</b><BR />Avataneo: Ich mache das gerne, besonders in Südtirol, wo sich die dramatischsten Vorfälle ereignet haben. Ich teile die Geschichte meiner Familie, weil es Erinnerungen an Menschen sind, Menschen, die wirklich existierten. Etwa 6 Millionen Juden wurden im Holocaust ermordet, das ist eine große Zahl. Aber dahinter stehen Menschenleben, die ausgelöscht wurden. Das waren nicht nur Opfer, sondern Menschen mit einer Geschichte. Ich möchte an das Leben dieser Menschen erinnern und nicht nur an ihren Tod. <h3> Der deportierte Großvater: Endstation Auschwitz</h3>Der Kaufmann <Fett>Aldo Castelletti</Fett> aus Mantua lebte seit 1933 mit seiner Familie in Bozen. Er war Mitbegründer der Film- und Schallplattenfirma „Mondial“, seine zweite Frau Linda feierte am Theater große Erfolge. „Mein Großvater stammte aus einer angesehenen jüdischen Familie, war aber nie streng religiös“, erinnert sich Franca Avataneo. 1938 führte das faschistische Italien Rassengesetze ein, Castelletti erhielt Berufsverbot, seine Kinder durften nicht mehr zur Schule. Die Familie zog für kurze Zeit nach Mailand und dann nach Fondo im Nonstal, wo man glaubte, eine sichere Bleibe gefunden zu haben. Aber das Gegenteil traf ein: Am 21. September 1943 wurden Aldo Castelletti, seine Frau und seine 2 Töchter in Fondo vom Südtiroler Ordnungsdienst verhaftet und nach Meran gebracht. „Meine Mutter und ihre Schwester überlebten, weil es meinem Großvater gelang, die Nazibehörde zu überzeugen, dass sie aus seiner zweiten Ehe mit Linda stammten, die Nichtjüdin war“, weiß Avataneo. Für Aldo Castelletti selbst gab es aber keine Rettung: Er kam ins Lager Reichenau nach Innsbruck – von dort wurde er vermutlich nach Auschwitz deportiert, wo sich seine Spur verliert.<h3> Das Buch: „Mörderische Heimat: Verdrängte Lebensgeschichten jüdischer Familien in Bozen und Meran“</h3><div class="img-embed"><embed id="1122597_image" /></div> „Schon früh am Morgen hatte das Straßenbild etwas Ungewöhnliches. Die Stadteinwohner, unsere früher stets ehrerbietigen und diensteifrigen Lieferanten, waren plötzlich bewaffnet und trugen Erkennungsschleifen. Mit finsterer, martialischer Miene betraten sie die Häuser der Juden und jener, die damals als Halbjuden galten, verhafteten die Leute und trugen weg, soviel sie konnten, inklusive Möbel. So brachten sie auch Doktor Balog weg“, Friedrich Singer über die Vorgänge in der zweiten Septemberwoche 1943 in Meran in einem Dokument aus dem Jahr 1960. Südtirols Opfer der Schoah wurden von Faschisten observiert und – ausgewiesen, von großteils einheimischen Nationalsozialisten verfolgt und deportiert. Nach 1945 weigerte man sich, Überlebende für ihre materiellen Verluste zu entschädigen. Die Erinnerung an die Opfer wurde verdrängt. Das Buch dokumentiert die vielseitigen Äußerungsformen des in Südtirol tief verwurzelten Antisemitismus. Südtirols NS-Opfer hatten ihre Heimat geliebt und wichtige Beiträge in der Medizin, Wirtschaft und im Tourismus geleistet. Das Aufzeigen der Spuren jüdischen Lebens in der Geschichte Südtirols lässt ihnen eine späte Anerkennung zuteilwerden.