Ein Tag wie jeder andere, dachte sich Andy M. – gebürtiger Schotte, aber seit mehr als drei Jahrzehnten im Alpenraum zu Hause – an jenem Dienstagmorgen im Jänner. Er war zusammen mit seinem besten Freund zum Freeriden aufgebrochen.<BR /><BR />Der Lawinenbericht wies an diesem Tag eine niedrige Gefahrenstufe (zwei auf der fünfstufigen Skala) aus, zudem gab es rund fünf Zentimeter Neuschnee. „Ich hatte überhaupt kein mulmiges Gefühl und schätzte die Lage als ungefährlich ein. Es war ein wunderschöner Tag, stechender Sonnenschein und keine Wolke am Himmel“, erinnert er sich. <h3> Der Lawinenabgang</h3> Die beiden erfahrenen Freerider beschlossen, eine lange Querung zu einem steileren Hang mit mehr Schnee im Wald zu fahren. Anfangs folgten sie der Sicherheitsregel, bei Querungen in Zweiergruppen abwechselnd und mit etwas Abstand hintereinander zu fahren. Dabei fährt eine Person voraus und wartet an einem sicheren Punkt, erst dann startet die zweite Person. <BR /><BR />Auf der letzten steileren Sektion missachtete Andys Freund jedoch plötzlich die Anweisung und fuhr direkt hinter ihm in den Hang hinein, anstatt zu warten. <BR /><BR /><embed id="dtext86-73210863_quote" /><BR /><BR />Andy M. reagierte instinktiv. Er sprang senkrecht den Hang hinunter, den Blick nach vorne gerichtet, um der Lawine zu entkommen. Er spürte den Schnee von hinten und von den Seiten drücken, um sich herum eine Art weißer Staub. Vor ihm der blaue Himmel, einen Moment lang fühlte er sich, als würde er fliegen anstatt zu fallen. <h3> Die Dunkelheit</h3>Das Nächste , woran sich Andy M. erinnerte, war der Anblick eines Baumes direkt vor ihm. „Mein erster Gedanke war: Das ist meine Rettung. Daran kann ich mich festhalten und die Lawine geht an mir vorbei.“ Mit voller Wucht prallte er gegen den Baum, die Beine rechts, der Oberkörper links vom Stamm. Die Schneemassen donnerten an ihm vorbei. Er spürte wie sich alles um ihn herum verlangsamte – und es plötzlich stockfinster wurde.<BR /><BR />Sein Körper war vollständig unter der Lawine begraben, gepresst an den Baum. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er Todesangst.<BR /><BR /><embed id="dtext86-73210864_quote" /><BR /><BR />Das schlimmste Gefühl dabei, so sagt er, war die komplette Machtlosigkeit. Sich nicht bewegen zu können, lebendig in einer Art hartem Beton eingemauert zu sein und nur zu beten, dass Hilfe von außen kommt. Aus Erfahrung mit früheren Lawinenabgängen wusste er, wie lange es dauern könnte, bis die Bergrettung eintraf. Für eine komplett verschüttete Person ohne Sauerstoff – zu lange. <h3> Das Überleben unter dem Schnee</h3>Der pure Überlebensinstinkt erwachte. „Dein Gehirn, deine Seele – alles in dir versucht, jede Möglichkeit zu ergreifen, um doch noch irgendwie zu überleben.“ Die Gedanken in Andy M.'s Kopf rotierten: Wie kann ich mehr Zeit gewinnen? Wenn ich ohnmächtig werde, wie sind die Chancen am höchsten, mich zu reanimieren? Wo sind meine Hände, damit ich ein Luftloch bilden kann? <BR /><BR />Er stellte fest, dass er seine Hände beim Sturz instinktiv vor sein Gesicht gehalten hatte und eine kleine Luftblase bildeten. Er begann, den Schnee vor seinem Mund vorsichtig wegzudrücken, um den Luftraum zu vergrößern. Vergeblich. Er musste all seine Kraft zusammen nehmen, um die Schneedecke über ihm wegzudrücken. Plötzlich bewegte sich diese wider Erwartens und ein kleiner Schneeklumpen löste sich direkt vor seinem Gesicht. Er sah durch einen kleinen Tunnel von etwa 20 Zentimetern blauen Himmel über sich. <BR /><BR />Die Todesangst wich der Erleichterung, er konnte atmen. Zugleich bemerkte er, dass sein Skistock 90 Grad zum Hang in die Luft ragte und er keine Schmerzen spürte. Hoffnung keimte auf und er begann laut um Hilfe zu rufen. <h3> Die Rettung und ihre Folgen</h3>Wie lange er so unter der Lawine lag, kann im Nachhinein niemand mehr sagen. Das Nächste was Andy M. wahr nahm, war eine Stimme. Ein norwegischer Snowboarder hatte die Lawine von der Piste aus im freien Gelände abgehen sehen und war zur Hilfe geeilt. Sein bester Freund war etwa 60 Meter weiter teilverschüttet worden und wies den Helfer an, nach Andy M. zu suchen. <BR /><BR />Durch die Hilfeschreie fand er ihn schließlich und begann mit den Händen zu graben. Nach einer Zeit kam ein zweiter Helfer hinzu – gemeinsam mussten sie ihn über 30 Minuten lang ausgraben und von den Schneemassen befreien. Erst nach etwa einer Stunde traf die Pistenrettung mit Notarzthubschraubern ein.<BR /><BR /><embed id="dtext86-73210865_quote" /><BR /><BR />Ein Ast hatte ihm das Gesicht aufgeschlitzt, das linke Schienbein war gebrochen, durch den Druck der Schneemassen kollabierte zudem sein rechter Lungenflügel. Eine Woche lang lag Andy M. nach der Bergung auf der Intensivstation – einen Monat war er insgesamt im Spital. Doch all das stand in keinem Verhältnis zu dem möglichen Ausgang, dem er nur um Haaresbreite entkommen war.<BR /><BR />Was an diesem Tag passiert ist, führt Andy M. nicht auf einen einzelnen Fehler zurück. Oft sei es eine Verkettung von Entscheidungen – bei der Planung, im Verhalten der Gruppe und in der Einschätzung des eigenen Risikos. Der Unfall machte für ihn deutlich, wie rasch sich Situationen im freien Gelände verändern können. Auch bei sorgfältiger Planung, niedriger Lawinengefahr und günstigen Bedingungen bleibe ein Restrisiko.<BR /><BR /><embed id="dtext86-73210866_listbox" />