Ein seltener Einzelfall? Keineswegs. Das zeigt die „DEM-Care Südtirol“-Studie auf, die das Institut für Allgemeinmedizin und Public Health zusammen mit der Alzheimer-Vereinigung ASAA mit 180 ehemaligen Hauptpflegepersonen durchgeführt hat. „Die Pflegeverläufe waren häufig lang und intensiv: Mehr als drei Viertel hatten mindestens zwei Jahre gepflegt. Fast ein Drittel berichtete von mehr als zwölf Stunden Pflege am Tag gegen Ende der Pflegezeit“, erläuterte Co-Studienleiterin Heidi Flarer, Wissenschaftlerin am Institut, bei der gestrigen Vorstellung der Studie. Die Ergebnisse der Erhebung geben zu denken.<BR /><BR />Denn demnach haben vier von zehn Befragten die Pflege-Erfahrung nur teilweise oder nicht gut verarbeitet. Jede fünfte Person berichtete von gesundheitlichen Problemen infolge der Pflege: sehr häufig Schlafstörungen, chronische Erschöpfung, depressive Symptome. Fast jede sechste Person berichtete von Einschränkungen in der Arbeit oder sozialen Kontakten, auch noch nach der Pflege. Wenn die Pflege gegen Ende besonders intensiv wurde, berichteten ehemalige Pflegende häufiger von belastenden Nachwirkungen. Auch wer die Pflege nicht freiwillig übernommen, sondern „keine Wahl“ hatte, blickt später deutlich negativer auf diese Zeit zurück. Und das trifft laut Studie auf ein Fünftel der Pflegenden zu. <BR /><BR />Abgefragt wurde auch, wie man die Zeit der Pflege erlebte. Mehr als die Hälfte der Befragten gab an, die Pflege habe das eigene Leben stark bestimmt – durch ständige Verfügbarkeit, Zeitmangel, Einsamkeit oder das Gefühl, immer zuständig zu sein: Acht von zehn waren ständig „auf Abruf“, sechs von zehn erlebten psychischen Druck wie Angst und Schuld und ebenso viele hatten zu wenig Zeit, auf sich selbst zu schauen. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1310064_image" /></div> <BR /><BR />Aus der Studie geht auch hervor, dass insbesondere die Zeit kurz nach dem Ende der Pflege sehr sensibel ist: Personen, deren Pflegezeit erst innerhalb des vergangenen Jahres zu Ende gegangen war, hatten eine höhere Wahrscheinlichkeit für belastende Symptome, Gesundheitsprobleme und funktionelle Einschränkungen. <BR /><BR />Interessant ist der Zusammenhang zwischen Belastung und Unterstützung: „Wer sich während der akuten Pflegephase gut unterstützt fühlte, konnte diese Zeit später besser verarbeiten und blickt eher positiv darauf zurück. Außerdem hatten diese Personen deutlich bessere Chancen, nach der Pflege stabil und weniger belastet zu sein“, berichtete Studienleiterin Barbara Plagg vom Institut. Leider gab in der Studie aber nur jede dritte Person an, mit der Unterstützung während der Pflege klar zufrieden gewesen zu sein. <h3> „Riskant wird Pflege, wenn sie alternativlos beginnt“</h3>„Zusammenfassend kann man sagen: Riskant wird Pflege vor allem dann, wenn sie alternativlos beginnt, auf einer Person lastet, gegen Ende hochintensiv wird, Unterstützung zu spät oder unzureichend kommt, die Pflegeeinstufung nicht passt und nach Pflegeende keine Nachsorge erfolgt“, so Plagg.<BR /><BR />Für Dr. Doris Hager-Prainsack, Präsidentin des Institutes, ergibt sich Handlungsbedarf: „Es braucht spezifische Beratungs- und Therapieangebote.“ Gleichzeitig müssten Hausärzte sensibilisiert werden, um Symptome rechtzeitig zu erkennen. Zudem müsste eine abgestimmte Nachsorge aufgebaut werden. <BR /><BR />Die anwesenden Landesräte Dr. Hubert Messner (Gesundheit) und Rosmarie Pamer (Soziales) zeigten sich beeindruckt und versprachen, Maßnahmen zu setzen. „Gerade die Verletzlichkeit der Angehörigen am Ende der Pflege muss uns zu denken geben. Die Studie ist ein Auftrag an uns“, sagte Landesrat Dr. Messner.