Im heutigen 2. Teil: Das Ende der ersten und der Beginn der zweiten Taiwankrise.<BR /><BR />Präsident <b>Dwight D. Eisenhower</b> wollte keinen Atomkrieg. Zur Entschärfung der Krise legte er im April 1955 intern einen Alternativplan vor:<BR /><BR />Abzug der 58.000 Truppen aus Quemoy und 15.000 aus Matsu (<i>„viel zu viele Soldaten für so kleine Inseln“</i>). Es dürfe da kein zweites Dien Bien Phu geben (wo Frankreich im Mai 1954 eine katastrophale Niederlage gegen die vietnamesischen Kommunisten erlitten hatte).<BR /><BR />Die Inseln sollten „Außenposten“ und keine „Festungen“ sein. Als Gegenleistung bot Eisenhower Chiang zur Verteidigung Taiwans die Stationierung von einer Division US-Marines und zusätzlicher Einheiten der Air Force an – und die Blockade von Chinas Küste auf einer Länge von 800 Kilometern, bis Peking öffentlich auf den Einsatz von Gewalt gegen Taiwan verzichte.<BR /><BR />Chiang lehnte den Vorschlag ab. Er misstraute den Amerikanern, die ihre Zusagen nicht einhalten würden, wie er seinem Tagebuch anvertraute; die Amerikaner seien naiv und Ignoranten. Er wollte auch keine weiteren US-Marines auf der Insel, sondern eine Verpflichtung der Amerikaner, Quemoy und Matsu zu verteidigen. Eisenhower war mehr als enttäuscht und konnte nur feststellen, man habe nach wie vor ein Problem. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1154286_image" /></div> <BR /><BR />Also blieb die Drohung mit der Atombombe. Die überraschende Lösung kam am 23. April. Auf der ersten asiatisch-afrikanischen Konferenz in Bandung kündigte <b>Tschou En-lai</b> (im Bild oben) das Ende des Bombardements von Quemoy und Matsu an (ab dem 1. Mai) und schlug Gespräche zwischen den USA und seinem Land auf Botschafterebene vor. Tschou: <i>„Das chinesische Volk will keinen Krieg mit den USA.“ </i>Washington akzeptierte; eine Woche später endete das Bombardement.<BR /><BR />Der amerikanische Außenminister <b>John Foster Dulles</b> ( war überzeugt, dass die entschlossene Haltung der USA China zu dieser Wendung gezwungen habe. Was waren <b>Maos</b> Motive gewesen? Hatte er die Entschlossenheit der USA testen wollen? Falls ja, hatte er zumindest erreicht, dass die USA Gespräche in Warschau auf Augenhöhe akzeptierten – die allerdings schon bald in einer Sackgasse endeten. <BR /><BR />Grund dafür waren die unterschiedlichen Vorstellungen der beiden Seiten: Es ging um die Stellung Chinas in der UNO und um den Status Taiwans. Würden Washington und Peking in wichtigen Fragen eine Einigung erzielen, dann, so deutete der Vertreter Chinas an, werde die Volksrepublik die Versicherung abgeben, eine Vereinigung mit Taiwan nur mit friedlichen Mitteln durchzuführen. Dulles bestand auf einer offiziellen Gewaltverzichtserklärung, was China ablehnte. Im Gegenzug lehnte Dulles den Vorschlag gegenseitiger Journalistenbesuche ab. 1957 beendete China die Gespräche.<h3> Aufrüstung Taiwans</h3><BR />Entgegen Eisenhowers Vorstellungen baute <b>Chiang Kai-shek</b> Quemoy und Matzu zu Festungen aus und stationierte dort ein Drittel seiner Armee: 100.000 Mann. Washington gefiel das zwar nicht, wurde aber dadurch in Zugzwang gebracht, öffentlich die Bereitschaft zur Verteidigung dieser Inseln zu demonstrieren und gleichzeitig zu verhindern – was einige in Washington auch vermuteten –, dass Chiang durch einen möglichen Angriff der Kommunisten die USA in einen Krieg gegen China verwickeln wollte. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1154289_image" /></div> <BR /><BR />Washington lieferte Taiwan seit Mitte 1955 Raketen für den Luftkampf gegen Maos MiGs in der Taiwanstraße, 16 cm Haubitzen für die zwei Inseln und stationierte 1957 Matador cruise missiles auf Taiwan. Die hatten eine Reichweite von etwa 1000 Kilometern und konnten konventionell und auch nuklear bestückt werden. <h3>Mao und der Atomkrieg</h3>Für <b>Mao</b> war damit offensichtlich der Zeitpunkt gekommen, um die Bündnistreue Moskaus zu testen. Im Oktober 1957 gab es den sowjetischen Sputnik-Erfolg, dem die Amerikaner nichts entgegensetzen konnten. Die sowjetischen Interkontinentalraketen änderten offensichtlich die strategische Gesamtlage. Auf der Moskauer Konferenz der kommunistischen Parteien im November 1957 formulierte Mao es so: <i>„Der Ostwind hat den Westwind besiegt.“</i><BR /><BR />Die USA nannte er da einen <i>„Papiertiger“</i> und widersprach Sowjetführer <b>Chruschtschow</b>. Niemand, hatte der gesagt, könne einen Atomkrieg gewinnen. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1154292_image" /></div> <BR /><BR />Mao sah das anders. Ein Atomkrieg sei nicht das Ende der Welt, denn die Hälfte der Bevölkerung werde überleben. Wobei aus anderen Bemerkungen erkennbar war, dass er davon ausging, dass ein großer Teil der Chinesen überleben würde. Trotz dieser für Chruschtschow eher beunruhigenden Äußerungen akzeptierte er Maos Bitte nach Lieferung nuklearer Technologie, verbunden mit der Zusage, keinesfalls die USA zu provozieren.<h3> August 1958: Beginn der zweiten Taiwankrise</h3>Das tat Mao dann doch. Völlig überraschend wurden nämlich Quemoy und Matzu ab dem 23. August unter massives Artilleriefeuer genommen, Versorgungsboote blockiert und ihre <i>„Befreiung“</i> angekündigt. Unmittelbar nach Beginn der Aktion erklärte Eisenhower die Unterstützung Taiwans durch die USA und ordnete entsprechende militärische Maßnahmen an. <BR /><BR />Es wurde eine Demonstration der Stärke: sechs Flugzeugträger, 40 Zerstörer, drei schwere Kreuzer und 20 andere Kriegsschiffe wurden in die Region beordert. Das Strategic Air Command versetzte seine B-47 Bomber auf Guam in Alarmbereitschaft. Die US Air Force stattete die Chiang-Airforce mit den modernsten Sidewinder-Abwehrraketen aus. Chinesische Versorgungsschiffe für die Inseln wurden von amerikanischen Kriegsschiffen eskortiert. Man tue alles nur <i>„aus einem einzigen Grund“</i>, so Eisenhower am 25. August im Kabinett, <i>„um die Moral der Taiwan-Regierung aufrechtzuerhalten“. </i><BR /><BR />Am 28. August forderte „Radio Peking“ Quemoy zur Kapitulation auf und kündigte die „<i>Befreiung“</i> der übrigen Inseln an. Wenn das geschehe, so Eisenhower am 29. August, werde er den Einsatz von taktischen Atomwaffen zur Zerstörung der kommunistischen Flugplätze erteilen. Die Joint Chiefs of Staff waren schon weiter und nannten die Ziele für einen solchen Einsatz: die Städte Schanghai, Guangzhou, Nanking und Kanton. Am 4. September forderte Dulles diesen Einsatz. Eisenhower widersprach. <BR /><BR />Darauf Dulles: <i>„Ich dachte, wir seien uns im Klaren und einig über das Risiko und die politischen und psychologischen Gefahren beim Einsatz dieser Waffen gewesen, als wir unsere Streitkräfte damit ausstatteten. Wir haben unsere Verteidigung auf den Einsatz von Atomwaffen ausgerichtet, wenn es darauf ankommt. Wenn wir sie dann nicht mit Blick auf die negative Weltmeinung einsetzen, müssen wir unsere Strategie überdenken.“</i><BR /><BR />Falls Atomwaffen eingesetzt würden, befürchtete Eisenhower, dass die Chinesen mit sowjetischen Atomwaffen gegen Formosa vorgehen würden (Chruschtschow hatte mit dem Einsatz gedroht). Angesichts dieser Sachlage verweigerte er die Zustimmung zum Atomwaffeneinsatz.<BR /><BR />Am 6. September deutete Tschou überraschend Gesprächsbereitschaft an. Dulles war misstrauisch und reagierte, gemeinsam mit den JCS, mit einer Verschärfung der Lage. <b>Nathan Twining</b>, der Vorsitzende der JCS, wollte dem Kommandanten der 7. US-Flotte völlige Handlungsfreiheit beim Einsatz von Atomwaffen gegen das chinesische Festland erteilen. Eisenhower lehnte ab: <i>„Ein solcher Angriff kann nur nach meiner Zustimmung erfolgen.“</i> Am 11. September ruderte Twining zurück: Die Inseln könnten nicht verteidigt werden und seien für der Verteidigung Taiwans <i>„wahrscheinlich auch nicht wichtig“.</i><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1154295_image" /></div> <BR /><BR />Am selben Tag, 11. September, ging es im Oval Office um ein grundsätzliches Problem. Eisenhowers neuer Special Assistant for National Security Affairs, <b>Gordon Gray,</b> der ehemalige Präsident der University of North Carolina, fragte den Präsidenten, wie lange man Chiang noch in dem Glauben lassen könne, dass die USA ihn bei der Rückeroberung Chinas militärisch unterstützen würden, denn <i>„ich glaube, das ist keine vernünftige Möglichkeit.“</i> Eisenhowers Antwort ist interessant. Chiang hoffe, so der Präsident, <i>„dass das kommunistische System von innen heraus zerfällt und er bei dem dann entstehenden Chaos das Land mithilfe der Amerikaner übernehmen kann.“</i> Eisenhower hielt das für möglich, <i>„und solange es diese Möglichkeit gibt, ist es wichtig, Chiangs Moral und die seiner Landsleute aufrechtzuerhalten.“</i><BR /><BR />Ebenfalls am 11. September – Quemoy und Matsu wurden weiter mit Trommelfeuer belegt und blockiert – sprach Eisenhower im Fernsehen zur Nation. Er verwies auf die Verpflichtung der USA im bilaterale Verteidigungsabkommen und der <i>„Formosa Resolution“</i> und betonte dann:<BR /><BR />„Angesichts einer bewaffneten Aggression wird es keinen Rückzug geben. Es wird kein Appeasement geben. Und ich glaube, es wird auch keinen Krieg geben.“<BR /><BR />Am 28. September begannen in Warschau auf Botschafterebene wieder Gespräche zwischen China und den USA. Dulles berichtete, sie liefen erfolglos. Er wollte das Problem nach wie vor militärisch lösen, musste sich aber von Eisenhower sagen lassen, dass zwei Drittel der Weltbevölkerung und die Hälfte der Amerikaner gegen einen solchen Kurs seien; und keiner der NATO-Verbündeten bereit sei, die USA bei der Verteidigung der beiden Inseln zu unterstützen. Das wiederum führte bei Dulles zu der Bemerkung, das sei ein bedauerliches Scheitern der NATO; er fürchte um den Bestand der NATO und der SEATO (der Südostasiatischen Verteidigungsorganisation, die es seit September 1954 gab).<BR /><BR />Verteidigungsminister <b>Neil McElroy</b> schlug einen anderen Weg aus dem Dilemma vor: die Ermordung Chiangs. Eisenhower lehnte das allerdings ab und schlug stattdessen vor, Chiang einige Landungsboote und damit das Gefühl zu geben, er könne aufs Festland zurückkehren, während er gleichzeitig die Masse seiner Soldaten von den Inseln abziehen müsse. Als Dulles Chiang diesen Vorschlag überbrachte, lehnte der zwar ab, erklärte aber öffentlich, dass bei der Wiederherstellung der Freiheit auf dem Festland möglicherweise keine Gewalt erforderlich sei. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1154298_image" /></div> <BR /><BR />Als Reaktion kündigten die Kommunisten ein Bombardement der Inseln an ungeraden Tagen an, was Eisenhower zu der Bemerkung veranlasste, ob das jetzt eine komischen Oper sei (<i>„Gilbert and Sullivan war“</i>).<h3> Zur Person</h3>Rolf Steininger, von 1984 bis 2010 Leiter des Instituts für Zeitge- schichte der Universität Innsbruck<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1154301_image" /></div> <BR /><BR />Neuerscheinung: Rolf Steininger, „Die USA und China. Von der Empress of China 1784 bis zur Gegenwart“, Studienverlag Innsbruck 2025, 367 Seiten. Auf diesen Seiten wird der Inhalt des Buches in den nächsten Tagen in 6 Teilen vorgestellt. Teil I ist am 3.4.2025 erschienen.<BR /><BR />Bestellen: www.athesiabuch.it