Wenn in Bozen, Meran, Brixen und Bruneck am Dienstag Info-Stände gegen die Depression aufgestellt werden, ist das mehr als eine symbolische Geste. Hinter dem Aktionstag steckt ein jahrelanges Netz aus Prävention, Selbsthilfe und Aufklärung – und der Erfolg lässt sich messen: Laut der staatlichen Gesundheitsbefragung PASSI leiden in Südtirol nur 3,6 Prozent der Bevölkerung unter depressiven Symptomen, eine der niedrigsten Raten in Italien. Zum Vergleich: In Molise sind es 12,4 Prozent.<BR /><BR />Noch auffälliger ist die Bereitschaft zur Hilfe: Drei von vier Erkrankten in Südtirol suchten sich Unterstützung – in Italien liegt der Schnitt bei 65 Prozent, in Molise gar nur bei 42 Prozent. Die Daten beziehen sich auf die Krisenjahre 2022 und 2023. Offenbar hat die Autonome Provinz den Corona-Schock besser verdaut als viele andere Regionen.<h3>Zwei Jahrzehnte Aufklärung</h3>Südtirol begeht den Europäischen Tag der Depression seit 2004. Damals war das Thema in Italien noch ein Tabu, inzwischen gilt Südtirol als Vorzeigemodell, so der Sanitätsbetrieb. Neben den Info-Ständen an den Krankenhäusern liegen Broschüren wie „Depression – was tun?“ aus. Finanziert wurden sie von Südtirols Rotariern. Der Apothekerverband verteilt sie zusätzlich landesweit.<BR /><BR />In Brixen richtet die Klinik eine „Beratungsecke Depression“ ein: Am Vormittag spricht ein Betroffener, am Nachmittag beantwortet Psychiatrie-Primar Roger Pycha Fragen.<h3> Volkskrankheit mit Milliardenkosten</h3>Depression gilt laut WHO als die Erkrankung, die weltweit die meisten gesunden Lebensjahre raubt – und ganze Volkswirtschaften belastet. Allein in hochentwickelten Ländern verschlinge sie rund ein Prozent des Bruttosozialprodukts.<BR /><BR />In Europa sind im Schnitt fünf Prozent der Erwachsenen jederzeit betroffen, Frauen doppelt so häufig wie Männer. In Großstädten liegt die Rate bei zehn Prozent. Ursachen sind vielfältig: genetische Faktoren, frühe Traumata – und die Zumutungen der Leistungsgesellschaft.<BR /><BR />Die Symptome reichen von Antriebslosigkeit und innerer Leere bis zu körperlichen Beschwerden wie Schmerzen, Schwindel oder Haarausfall. Behandelt wird mit einer Kombination aus Psychotherapie, Medikamenten und Selbsthilfegruppen.<h3> Südtirols Netz im Ernstfall</h3>Im Notfall stehen Hausärzte, psychiatrische Dienste und die Notaufnahmen der vier Krankenhäuser bereit. Unter der Nummer 112 erreicht man rund um die Uhr den psychiatrischen Bereitschaftsdienst. Zusätzlich bietet das psychologische Krisentelefon (800 101 800) Hilfe.<BR /><BR />Auch die Zivilgesellschaft spielt eine tragende Rolle: Die Caritas-Telefonseelsorge, „Telefono amico“ oder das Jugendtelefon „Young and direct“ bieten Gespräche an. Betroffenen- und Angehörigengruppen organisiert die Vereinigung „Lichtung/Girasole“ sowie der Verein „Ariadne“.<BR /><BR />„Das zeigt, dass jahrzehntelange Aufklärung wirkt“, sagt Psychiatrie-Primar Roger Pycha, der die Aktionstage mitorganisiert.