<BR /><BR /><b>Depression wird als Volkskrankheit bezeichnet. Wie stark ist sie in Südtirol verbreitet?</b><BR />Dr. Roger Pycha: Man nimmt an, dass etwa 25.000 Menschen in Südtirol an einer Depression leiden. Das sind etwa 5 Prozent der Bevölkerung. Genauere Zahlen sind schwierig, weil nicht jeder Betroffene professionelle Hilfe in Anspruch nimmt. Eindeutig nehmen Depressionen aber zu. Die Covid-Krise hat eine Vermehrung von bis zu 30 Prozent bewirkt, der Rückgang auf das Niveau davor hat nie stattgefunden.<BR /><BR /><embed id="dtext86-66753329_quote" /><BR /><BR /><b>Was sind erste Warnzeichen, die auf eine Depression hinweisen?</b><BR />Dr. Pycha: Schlafstörungen, die über Monate andauern, sind ein Weckruf. Eine dauerhafte gedrückte Stimmung, die mindestens 14 Tage anhält, ist ein weiteres Symptom einer Depression. Man verliert die Lebensfreude und Interessen. All das, was einem früher Spaß gemacht hat, bedeutet einem nichts mehr – wie Freundschaften, Hobbys, Sexualität oder Musik.<BR /><BR /><b>Können auch körperliche Symptome auftreten? </b><BR />Dr. Pycha: Sie sind sehr häufig und deshalb wird eine Depression oft nicht erkannt. Die Betroffenen leiden unter Kopfschmerzen, Rückenschmerzen oder Magen-Darm-Beschwerden. Laut einer Studie beklagen 70 Prozent der depressiven Menschen, die sich an ihren Hausarzt wenden, rein körperliche Symptome. <BR /><BR /><embed id="dtext86-66753393_quote" /><BR /><BR /><b>Was sind die Ursachen einer Depression?</b><BR />Dr. Pycha: Jeder kann an einer Depression erkranken. Wir wissen bisher sehr wenig über unsere Gene. Es gibt eine genetische Veranlagung, aber auch Erlebnisse in früher Kindheit können eine Depression in späterem Leben begünstigen. Erlebnisse im ersten und zweiten Lebensjahr – an die wir uns aber nicht erinnern – entscheiden darüber, welchen Zugang wir zur Welt entwickeln. Er kann optimistisch sein, aber auch ängstlich. Dazu kommen die lebensgeschichtlichen Ereignisse. Welche Erfahrungen habe ich im Laufe meines Lebens gemacht? Und befinde ich mich derzeit in einer Belastungssituation wie Trennung, Verlust oder schwerer Konflikt? All das sind Faktoren einer Depression.<BR /><BR /><embed id="dtext86-66753397_quote" /><BR /><BR /><b>„D“: Wir leben in einer Leistungsgesellschaft. Immer schneller lautet die Devise. Ist der Zeitgeist auch ein Auslösungsfaktor?</b><BR />Dr. Pycha: Absolut. Die Wahrscheinlichkeit, an einer Depression zu erkranken, ist bei Großstädtern höher. Die Metropolen tun uns schlecht, eine grüne und blaue Umgebung tut uns gut. Wir haben gute Voraussetzungen mit unseren vielen Sonnentagen, den Bergen, der Natur. Das bestätigt auch eine Studie: Im italienweiten Vergleich schneidet Südtirol am besten ab. Hier weisen nur 3,1 Prozent der Befragten depressive Symptome auf. <BR /><BR /><embed id="dtext86-66753411_quote" /><BR /><BR /><b> Medikamente und Psychotherapie gehören zu den gängigsten Behandlungsmethoden. Gibt es neuere Therapien?</b><BR />Dr. Pycha: Wir führen derzeit Versuche mit der Gleichstromhaube durch. Man trägt sie mindestens 20 Tage lang, sie soll die Symptome mittelgradiger Depression lindern. <BR /><BR /><b> Wie hoch sind die Heilungschancen?</b><BR />Dr. Pycha: Mehr als 85 Prozent aller Betroffenen werden geheilt. Allerdings ist es keine Kurzerkrankung. Sie dauert mindestens Monate, manchmal auch Jahre oder Jahrzehnte. <BR /><BR /><embed id="dtext86-66753415_quote" /><BR /><BR /><b>Sind auch Kinder und Jugendliche von der Erkrankung betroffen?</b><BR />Dr. Pycha: Ab dem 3. Lebensjahr können Menschen depressive Verstimmungen bekommen. Das ist aber sehr selten. Häufiger erkranken Jugendliche, weil sie mit vielen Veränderungen konfrontiert sind. <BR /><BR /><b>Wie kann man einer Depression vorbeugen?</b><BR />Dr. Pycha: Bewegung (mindestens 30 Minuten täglich) und frühes Aufstehen schützen vor einer Depression. <h3> Buchtipp</h3> :<BR /><div class="img-embed"><embed id="1078701_image" /></div> <h3> Aktion:</h3>An den 4 großen Krankenhäusern Südtirols liegen heute den ganzen Tag über im Eingangsbereich die Broschüren „Depression - was tun?“ zum Mitnehmen auf. Sie bieten einen verständlichen Überblick über die Erkrankung. Am Krankenhaus Brixen gibt es zusätzlich eine Beratungsecke: Von 9 bis 12 Uhr wird Richard Santifaller als Betroffener, von 14 bis 17 Uhr Psychiater Dr. Roger Pycha allen Interessierten für Gespräche zur Verfügung stehen. <h3> <b>Kinofilm:</b></h3>In den nächsten Wochen tourt der Dokumentarfilm „Lichter im Chaos - Junge Menschen, Depression und Wege zur Hoffnung“ durch Südtirols Kinos. Das Forum Prävention organisiert nach jeder Vorstellung eine Podiumsdiskussion. Der Eintritt ist frei, weitere Infos findet man unter <a href="https://www.forum-p.it/de/lichter-im-chaos-junge-menschen-depression-und-wege-zur-hoffnung--1-4501.html" target="_blank" class="external-link-new-window" title=""Lichter im Chaos"">https://shorturl.at/sU1dQ. </a>