Donnerstag, 10. Juni 2021

Der Junge, der in den Brunnen fiel: Alfredinos trauriges Schicksal

Was am Abend des 10. Juni 1981 in Vermicino nahe Rom und in den darauffolgenden Tagen geschah, erschütterte Italien bis ins Mark: Das traurige Schicksal von Alfredino Rampi, der in einen Brunnen fiel und ihn nicht mehr lebend verließ.

Vor 40 Jahren fiel der 6-jährige Alfredino Rampi in einen tiefen, engen Brunnen. Nach 3 Tagen ergebnisloser Rettungsversuche wurde der Junge schließlich für tot erklärt.
Vor 40 Jahren fiel der 6-jährige Alfredino Rampi in einen tiefen, engen Brunnen. Nach 3 Tagen ergebnisloser Rettungsversuche wurde der Junge schließlich für tot erklärt. - Foto: © Wikipedia
Familie Rampi, Vater Ferdinando, Mutter Francesca, die Söhne Alfredo (6) und Riccardo (2) sowie Großmutter Veja, war im Juni 1981 nach Vermicino gereist, um gemeinsam zu urlauben und zu entspannen.

Am Nachmittag des 10. Juni ging der Vater gemeinsam mit Freunden und Alfredo spazieren. Auf dem Nachhauseweg gegen 19.20 Uhr fragte der Bub, Alfredino genannt, ob er alleine durch die Felder nach Hause laufen dürfe. Der Vater erlaubte es. Doch als er gegen 20 Uhr zu Hause ankam, war von Alfredo keine Spur zu finden.



Die Ahnung der Großmutter bringt die Retter auf die richtige Spur

Gegen 21.30 Uhr alarmierten die Eltern nach vergeblicher Suche schließlich die Rettungskräfte, die innerhalb von 10 Minuten einsatzbereit waren. Die Großmutter des Buben befürchtete, ihr Enkel könnte in einen 80 Meter tiefen artesischen Brunnen gefallen sein, der erst vor Kurzem ausgehoben worden war.

Dieser war zum Zeitpunkt der Suche mit einem Wellblech und mit Steinen abgedeckt und schien verlassen. Der Einsatzleiter forderte dennoch, den Brunnen öffnen zu lassen. Er steckte seinen Kopf in die Öffnung und hörte, weit entfernt, die leisen Rufe von Alfredo.

Wie sich später herausstellte, hatte der Besitzer des Brunnens diesen erst gegen 21 Uhr abgedeckt, nicht ahnend, dass ein kleiner Junge hineingefallen war. Er wurde später wegen fahrlässiger Tötung und der Nicht-Einhaltung von Sicherheitsvorschriften festgenommen.

Auf der Suche nach einer Rettungsmöglichkeit

Lange Zeit war nicht klar, wie man den Jungen aus dem schmalen Brunnen retten könnte: Ersten Schätzungen zufolge war der Bub in einer Tiefe von etwa 36 Metern stecken geblieben. Die Öffnung des Brunnens war lediglich 30 Zentimeter breit, die Seitenwände verliefen in unregelmäßigem Abstand in die Tiefe.

Weil es zunächst unmöglich schien, jemanden hinabzuseilen, versuchte man, eine Holzlatte mit Seilen in die Tiefe zu lassen, an der sich der Junge festhalten sollte. Eine schlechte Idee: Die Holzlatte blieb in einer Tiefe von etwa 24 Metern stecken, die Seile rissen, und der Weg in die Tiefe schien nun völlig blockiert.



Mittlerweile war es Nacht geworden und die ersten Kamerateams rückten an. Techniker der Rai seilten ein Mikrofon in die Tiefe, um mit Alfredino kommunizieren zu können. Zu diesem Zeitpunkt, es war etwa 1 Uhr nachts, war der Junge noch in guter Verfassung. Er sprach mit den Rettungskräften und seinen Eltern.

Bohrungen eines 2. Brunnens gestalten sich als schwierig

Erste Versuche, die schmalsten der Einsatzkräfte abzuseilen, scheiterten, da sie nicht tief genug in den Brunnen kamen: Sie erreichten nicht einmal die stecken gebliebene Holzlatte, um diese zu entfernen. Es wurden Pläne geschmiedet, einen 2. Tunnel parallel zum Brunnen zu graben, und den Buben anschließend durch einen Verbindungstunnel zu retten.

Nando Broglio, ein 36-jähriger Feuerwehrmann, sprach während der Rettungsversuche über ein Megafon mit dem Jungen, mehr als 24 Stunden lang.


Indessen waren auch die Sanitäter eingetroffen, die Sauerstoff in den Brunnen pumpten, um den Jungen vor dem Erstickungstod zu bewahren, mit einer Sonde wird er noternährt.

Die Grabungen verliefen schwieriger als erhofft: Der Boden war steinig und hart. Den ganzen nächsten Tag wurde gebohrt, doch auch gegen 18 Uhr hatte man erst eine Tiefe von rund 21 Metern erreicht.

Nach 2 Tagen antwortet Alfredino nicht mehr

Im Laufe des Tages begann der Junge, nach Wasser zu fragen, seine Stimme wurde müde, immer wieder schlief er ein. Am Brunneneingang hatten sich mittlerweile rund 10.000 Schaulustige versammelt, die Fernseh-Sender übertrugen seit Stunden live - sie hofften, eine geglückte Rettung zeigen zu können. Auch der damalige Staatspräsident Sandro Pertini reiste nach Vermicino, um sich ein Bild von der Lage zu machen.



Erst am 12. Juni erreichten die Bohrungen eine Tiefe von etwa 32 Metern - neue Schätzungen hatten ergeben, dass der Junge in dieser Tiefe stecken geblieben war. Umgehend begannen die horizontalen Bohrungen in Richtung Brunnen, zunächst mit einem Bohrer, der jedoch bald den Geist aufgab, anschließend händisch.

Mittlerweile hatte Alfredino aufgehört, auf die Fragen der Retter zu antworten, auch sein Herzschlag - der Junge litt an einem Herzleiden - wurde immer langsamer.

Freiwilliger lässt sich mit dem Kopf voraus abseilen

Als die beiden Tunnel endlich verbunden waren, meldete sich ein Freiwilliger, Angelo Licheri, ein kleiner, schmächtiger Arbeiter, um sich abseilen zu lassen. Es gelang ihm, den Jungen zu erreichen, und versuchte, ihm ein ein vorgefertigtes Geschirr anzulegen.

3 Mal scheiterte das Vorhaben, und auch mit den Händen schaffte es Licheri nicht, den Jungen herauszuziehen. Im Gegenteil: Der Versuch endete darin, dass der Junge noch tiefer in den Brunnen rutschte. Nach 45 Minuten kopfüber im Brunnen (normalerweise sind 25 Minuten das empfohlene Maximum) musste Licheri erneut an die Oberfläche - ohne Alfredino.



Immer mehr Freiwillige meldeten sich, darunter auch der 16-jährige Pietro Molino aus Neapel. Der drahtige Junge war gerade dabei, sich das Geschirr anzulegen, als ein Amtsträger ihn zurückpfiff: Molino war noch minderjährig und seine Eltern nicht anwesend, um die Erlaubnis zu erteilen.

Leichnam erst Wochen später geborgen

Gegen 5 Uhr morgens am 13. Juni seilte sich Donato Caruso ab. Auch er erreichte den Jungen, doch auch seine Rettungsversuche, unter anderem mit Handschellen, scheiterten. Er musste unverrichteter Dinge an die Oberfläche zurückkehren - mit der Nachricht, dass der 6-jährige Alfredino vermutlich tot sei.

Nachdem Alfredino für tot erklärt worden war, wurde sein Körper mit Flüssigstickstoff schockgefroren, um ihn zu erhalten. Anschließend begannen erneut die Bergungsarbeiten, diesmal mit weniger Eile.

Ein neuer Tunnel wurde gegraben, tiefer und breiter als der erste, und am 11. Juli, 28 Tage nach dem Tod des Buben, konnte der Leichnam von Alfredino geborgen werden.

Beim Begräbnis am 17. Juli in trugen jene den Sarg des Buben, die versucht hatten, ihn im Tunnel zu erreichen, darunter auch Angelo Licheri und Donato Caruso.

Mutter Francesca gründete nach dem Tod ihres ältesten Sohnes das „Centro Alfredo Rampi“, ein Wohltätigkeitsverein, der sich unter anderem der Aufklärung zum richtigen Verhalten in Risiko- und Krisensituationen widmet.

2015 starb tragischerweise auch der zweite Sohn der Rampi-Familie: Riccardo erlag im Alter von 36 Jahren einem Herzinfarkt.

liz