Donnerstag, 18. März 2021

Der Schock von Bergamo sitzt noch immer tief

Im März 2020 war die Stadt Bergamo das Epizentrum der Corona-Krise in Europa. Schockierende Bilder von Lastwagen voller Särge gingen um die Welt. Ein Jahr danach am ersten Gedenktag für die Opfer kämpft Italien gegen die dritte Welle – und hat noch viel Arbeit vor sich.

Mit Militär-Lkws mussten die Särge aus Bergamo im März 2020 in die Nachbarregionen transportiert werden, wo sie eingeäschert wurden. - Foto: © APA/afp / MIGUEL MEDINA
Vor einem Jahr rollten Militärlastwagen mit Särgen von Corona-Toten durch die norditalienische Stadt Bergamo. Am heutigen Donnerstag begehen Menschen in ganz Italien den ersten nationalen Gedenktag für die Opfer der Pandemie, die das Land 2020 bei der ersten Virus-Welle härter traf als viele andere in Europa.

Wie berichtet, rufen unter dem Motto „Innehalten.Gedenken.Ermutigen.“ auch mehrere Südtiroler Organisationen und Institutionen die Bevölkerung dazu auf, als Gemeinschaft jener Menschen zu gedenken, die mit oder an Covid-19 gestorben sind.

Gedenkwald für die Opfer der Pandemie

Wie damals steht Bergamo auch heute im Zentrum. Ministerpräsident Mario Draghi will aus Rom anreisen, um in der Stadt mit ihren rund 120.000 Einwohnern gegen Mittag einen Gedenkwald für die Pandemie-Toten symbolisch zu eröffnen.

„Wir wollten ein Denkmal entwickeln, das etwas Lebendes ist. Dabei sind wir auf Bäume gekommen. Die neuen Bäume sind Zeichen, dass wir diejenigen nicht vergessen, die tot sind“, berichtet Marco Boschini, einer der Väter des Projektes, das in einem Park in der Nähe des großen Krankenhauses „Papa Giovanni XXIII“ entsteht. Boschini ist Koordinator des Kommunalverbandes Comuni Virtuosi, der den Plan für den Gedenkwald seit letzten Sommer vorangetrieben hatte.

„Mehr als 6000 Menschen sind in der ersten Welle der Pandemie in der Provinz Bergamo gestorben. In der Stadt alleine waren es rund 750 Tote“, sagt Boschini. Für sie sollen die rund 750 neuen Bäume und Sträucher angepflanzt werden. Einige Dutzend seien schon gesetzt worden. Am heutigen Donnerstag soll ein Baum, der aus Biccari im süditalienischen Apulien gespendet wurde, symbolträchtig gefeiert werden.

Bergamo: Epizentrum der ersten Welle

Im März 2020 waren in der Stadt derart viele, meist alte Patienten mit dem damals noch neuen Virus Sars-CoV-2 gestorben, dass der Platz in Leichenhallen und Krematorien nicht mehr reichte. Das Militär schickte Lastwagen, um die Toten in andere Gebiete zu transportieren. Die Bilder dieser Kolonnen gingen als Symbol des Schreckens um die Welt. Das Gebiet um Bergamo war das europäische Epizentrum der Krise.



Anfangs habe man noch gedacht, das Virus tobe in anderen Teilen der Welt, berichtete Bürgermeister Giorgio Gori. „Aber da war es hier schon angekommen und ist mit unheimlicher Gewalt explodiert.“



Schwerpunkt war der Norden des Landes, besonders die Lombardei.
In Italien mit seinen 60 Millionen Menschen hatte am 10. März ein erster strenger Lockdown begonnen. Trotzdem zählte das Land Ende März einen damaligen Höchststand von fast 1000 Toten in 24 Stunden. Erst im Mai wurden die Sperren schrittweise gelockert.

Auf einen eher entspannten Sommer folgte das Wiedererstarken des Virus im Herbst. Jetzt sprechen Experten in Italien ähnlich wie in Deutschland von der dritten Welle. Bisher starben offiziell weit über 100.000 Menschen mit dem Virus. Bergamo, die Lombardei und viele andere Regionen sind wieder Rote Zonen mit den strengsten Beschränkungen. Da die Menschen ihre Wohnungen dort möglichst wenig verlassen sollen, müssen sie die Gedenkveranstaltungen mit Draghi im Internet und Fernsehen verfolgen.

„Bewusstsein, dass sich Gesundheitssystem ändern muss“

Mitten in der Pandemie war Anfang 2021 die Regierung von Giuseppe Conte in Rom im Streit über Corona-Finanzhilfen gestürzt. Ex-Zentralbankchef Draghi kam mit dem Auftrag an die Macht, mit einem Viel-Parteien-Kabinett das Blatt endlich zu wenden – und die Impfkampagne gegen den Erreger zu beschleunigen. Denn nicht wenige Experten geben der Politik Italiens mit Blick auf das Gesundheitswesen in der Krise nur mäßige Noten.



„Am italienischen Gesundheitssystem hat sich etwas Wesentliches geändert. Nämlich das Bewusstsein, dass es sich ändern muss“, urteilt Stephan Ortner, Direktor des Eurac Research Zentrums in Bozen, das auch zu Corona forscht.

Grundsätzlich sei man stolz, dass Italien jedem Bürger die Versorgung garantiert. „Aber dass es mehr Ärzte außerhalb der Krankenhäuser geben muss, dass es massive Investitionen in Infrastrukturen und Mitarbeiter braucht“, das sei klar geworden. Weniger Bürokratie und mehr Digitalisierung seien nötig, erklärt Ortner.



Der Italien-Experte des Teneo-Instituts, Wolfango Piccoli, spricht ebenfalls davon, dass ein Jahr nach dem Desaster von Bergamo wichtige Veränderungen – ob bei politischen Prozessen oder im Umgang mit Virus-Daten – bestenfalls „work in progress“ sei, noch in Arbeit.

dpa/stol