Donnerstag, 19. April 2018

Der stille Mord an Südtiroler Kindern

10 Kinder und Jugendliche mit geistiger Behinderung aus Südtirol sind in den 1940er Jahren in der Heil- und Pflegeanstalt von Kaufbeuren getötet worden: entweder mit Luminal-Spritzen (beziehungsweise Pillen) oder bei grauenvollen Tuberkulose-Impfversuchen. Zuvor waren die Kinder als arbeits- und bildungsunfähig eingestuft worden, sie galten als „lebensunwert“. Professor Michael von Cranach referiert darüber am Samstag, den 21. April in Meran.

Kinder mit geistige Behinderung galten in den 40er Jahren als „lebensunwert“.
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Kinder mit geistige Behinderung galten in den 40er Jahren als „lebensunwert“. - Foto: © shutterstock

„Dolomiten“: Wie kam es in der NS-Zeit zur Ermordung von Kindern mit Behinderung?

Prof. Michael von Cranach: Zuerst die Vorgeschichte: Ungefähr 300.000 Menschen mit einer psychischen Erkrankung wurden in Deutschland von 1939 bis 1945 von Ärzten ermordet – im Auftrag des Staates. Von 1939 bis 1941 wurden Patienten aus Krankenhäusern und Behinderteneinrichtungen in 6 extra dafür eingerichtete Tötungsanstalten verlegt und vergast. Ab Sommer 1941 bis Ende des Krieges wurden dann in den Anstalten selbst die Patienten getötet: Man nennt dies auch die Zeit der dezentralen Euthanasie. Es gab verschiedene Formen: Erwachsene hat man verhungern lassen mit einer besonderen Diät, die ausgearbeitet wurde, oder man tötete sie mit Spritzen.

„D“: In einigen Anstalten gab es auch Kinderabteilungen...

Cranach: In 30 Anstalten in Deutschland gab es extra Kinderabteilungen: Dort wurden die Kinder zunächst aufgenommen und untersucht. Je nach Untersuchungsergebnis wurden die Kinder dann mit Luminaltabletten oder -spritzen getötet.

„D“: Wie kamen die Südtiroler Kinder ins Deutsche Reich?

Cranach: In Südtirol wurde die Bevölkerung damals befragt, ob sie im Land bleiben oder für Deutschland optieren wollte. Wenn jemand für das Deutsche Reich optierte und psychisch kranke Angehörige hatte, die entweder in Behinderteneinrichtungen in Südtirol, in der Anstalt in Pergine, oder zuhause lebten, dann wurden diese kranken oder behinderten Angehörigen ebenfalls nach Deutschland geschickt – das galt auch für Kinder und Jugendliche. Und nun komme ich zu Kaufbeuren: Ich war dort Direktor von 1980 bis 2006 und habe mich von Anfang an mit der Geschichte beschäftigt und geforscht – das tue ich immer noch. Eines Tages – ich glaube es war 1986 – bekam ich ein Paket: Angehörige eines Arztes, der in Kaufbeuren tätig war, und der gestorben war, hatten Briefe gefunden in seinem Nachlass, von denen sie meinten, diese könnten mich interessieren. Es handelte sich um Briefe zwischen dem damaligen Anstaltsleiter in der Nazi-Zeit, Dr. Valentin Faltlhauser und einem Arzt.

„D“: Was stand in den Briefen?

Cranach: Aus diesen Briefen ging hervor, dass in Kaufbeuren Menschenversuche mit Kindern durchgeführt wurden. An Kindern hatte man Tuberkulose-Impfungen erprobt. Ich habe dann die Krankengeschichten herausgesucht und herausgefunden, dass von diesen Kindern 5 aus Südtirol waren. Ich habe dann weitergeforscht: In Kaufbeuren sind am 27. August 1942 10 Südtiroler Kinder eingeliefert worden. Im Rahmen der Option waren ihre Angehörigen nach Deutschland gekommen. Und diese Kinder waren zuvor alle in einer Einrichtung bei Innsbruck, im St. Josefs-Heim bei Mils, aufgenommen worden. Die meisten dieser Kinder lebten, bevor sie in Mils aufgenommen wurden, bei ihren Eltern und nicht in Heimen. Diese Kinder wurden dann nach Kaufbeuren überwiesen. Es gibt bereits mehrere Veröffentlichungen darüber. In den 1990er Jahren haben wir die Krankengeschichten dieser Kinder wieder nach Bozen gebracht: Diese Geschichten liegen nun im Krankenhausarchiv in Bozen. Darüber werde ich in Meran erzählen.

„D“: Hatten diese Kinder alle eine Behinderung?

Cranach: Diese Kinder hatten alle eine mehr oder weniger starke geistige Behinderung. Sie waren liebe Kinder, konnten etwas lesen und nicht alle waren schwerstbehindert. Alle 10 Kinder sind in Kaufbeuren Opfer der Euthanasie geworden. 5 dieser Kinder hat man bei Tuberkuloseversuchen mit einbezogen. Einige sind dabei grauenvoll gestorben. Diese Impfung bedeutete, dass man lebende Tuberkulosebazillen einfach unter die Haut injiziert hat. Fürchterliche Abszesse entwickelten sich daraufhin.

„D“: Und die anderen 5 Kinder?

Cranach: Sie wurden mit Luminalspritzen oder -tabletten getötet. Das lief so ab: Diese Kinder wurden sehr gründlich untersucht – medizinisch und psychologisch. Dabei wurde ein Gutachten erstellt – dieses wurde nach Berlin geschickt. Dort gab es einen Reichsausschuss für die Kinder-Euthanasieabteilungen: Dieser hat dann entschieden, ob das Kind wieder in eine Heim-Einrichtung, oder zu den Angehörigen zurückverlegt oder getötet werden sollte. Dann kam ein Standard-Brief, darin stand: „Wir geben das Kind zur Behandlung frei.“ Das hieß, dass in den nächsten Tagen der Direktor der Stationsschwester den Auftrag gab, das Kind mit Luminal zu vergiften und zu töten.

„D“: Mit welcher Begründung? Dies sei nicht lebenswertes Leben?

Cranach: Richtig. Die Begründung war und so steht es dann in den Krankengeschichten geschrieben: „...beteiligt sich an nichts“, „...ist nicht zur Arbeit in der Anstalt zu gebrauchen“. Wörtlich stand dann auch manchmal „lebensunwert“. Die Hauptargumentation war nicht eine „rassenhygienische“, wie sie die Nazis nannten, sondern eine ökonomische: Sie stellten immer die Frage: Wird das Kind arbeitsfähig sein? Ist das Kind bildungs- und arbeitsfähig? Das war das zentrale Selektionskriterium.

„D“: Warum wurden gerade diese 10 Kinder aus Südtirol nach Kaufbeuren gebracht?

Cranach: Das wissen wir nicht. Es gibt eine Untersuchung von Prof. Hartmann Hinterhuber: Er hat festgestellt, dass insgesamt 126 Kinder aus Südtirol in Nordtiroler Heime oder Anstalten verlegt wurden. Viele von ihnen wurden dann in anderen Einrichtungen ermordet. Das waren immer Kinder mit psychischen oder geistigen Behinderungen. In Deutschland sind darüber hinaus auch taubstumme und blinde Kinder ermordet worden.

„D“: Wie hat der Arzt, der die Tuberkulose-Versuche in Kaufbeuren durchführte, sein Verhalten später begründet?

Cranach: Der Tuberkulose-Arzt wurde nach dem Krieg vor Gericht gestellt, dann aber frei gesprochen, obwohl viele der Kinder gestorben sind. Er sagte: Man habe auf diese Kinder zurückgegriffen, weil man diese Versuche nicht an wertvollen, gesunden Menschen erproben wollte.

„D“: Warum wurden gerade Südtiroler Kinder für die Versuche hergenommen?

Cranach: Es wurden eher jene Kinder genommen, die von weit her kamen und selten oder gar nicht besucht wurden.

„D“: Damit die Täter dann später nicht unangenehmen Fragen ausgesetzt waren?

Cranach: Ja.

„D“: Die Veröffentlichung der Namen dieser getöteten Kinder war dann in den vergangenen Jahrzehnten in Deutschland nicht so ohne Weiteres möglich...

Cranach: Wir hatten in Deutschland einen Riesenkonflikt mit den Archiven und mit der Rechtssprechung, die Namen zu veröffentlichen. Es gibt in Deutschland schon sehr viele Gedenkbücher über die Holocaustopfer, über die Homosexuellen: Überall werden die Namen genannt. Bei den psychisch Kranken hingegen gab es eine Regelung in den Archivgesetzen, die es uns nicht zuließ, die Namen zu nennen. Deshalb haben wir die Namen bei den Veröffentlichungen immer schwärzen müssen. So steht in den Veröffentlichungen zum Beispiel Agnes F. Wir fanden das aber ungerecht. In einer Arbeitsgruppe haben wir uns dafür stark gemacht, das zu ändern. Die Begründung gegen die Veröffentlichung war: Die jetzigen Nachfahren wollen nicht, dass die Namen veröffentlicht werden, weil damit bekannt wird, dass in ihrer Familie ein psychisch Kranker gewesen ist. Das finde ich aber so ungerecht: Wir wollen ja diese Stigmatisierung und Diskriminierung von psychisch kranken Menschen abschaffen. Wir haben sehr gekämpft und haben im Vorjahr erreicht, dass wir die Namen der Euthanasie-Opfer voll veröffentlichen dürfen.

„D“: Der Anstaltsleiter von Kaufbeuren zur Nazizeit, Valentin Faltlhauser, wurde begnadigt...

Cranach: Das war so: Von den 4 Alliierten haben die Amerikaner zunächst sehr intensiv geforscht. Sie haben 1947 in den Nürnberger Ärzteprozessen die beiden Hauptverantwortlichen zum Tode verurteilt. Als dann die Amerikaner die Justiz in deutsche Hände gaben, verlor sich völlig das Interesse, diese Sachen zu verfolgen. Es entstand kein Neuanfang, keine Zäsur: Man sprach über diese Dinge gar nicht. Es gab dann zwar einige Prozesse gegen die Hauptverantwortlichen und die Täter – aber entweder wurden die Angeklagten frei gesprochen oder alles wurde verharmlost. Die Strafen waren lächerlich. Bei Faltlhauser lautete die Anklage zu Zeiten der Amerikaner noch auf Mord. 1949 verurteilte ihn das Gericht dann wegen Beihilfe zur Tötung zu 3 Jahren Gefängnis. Die Strafe musste er aber nicht absitzen. Auch seine Pension, die ihm als Beamter nicht zugeteilt wurde, weil er vorbestraft war, wurde ihm dann im Gnaden-Wege wieder genehmigt.

Interview: Stephan Pfeifhofer

Alle Hintergründe gibt es in der aktuellen Ausgabe des Tagblatts "Dolomiten".

stol