Freitag, 26. März 2021

Der stumme Hilfeschrei

Eine Videokampagne aus Kanada geht derzeit viral: Sie zeigt, wie eine Frau mittels stummen Handzeichen signalisiert, Opfer von häuslicher Gewalt zu sein. Wird diese Art des Hilferufs auch hierzulande eingesetzt und funktioniert er wirklich? STOL hat mit Ulrike Oberhammer, der Präsidentin des Landesbeirats für Chancengleichheit gesprochen.

Auch in Südtirol kommt es immer wieder zu Fällen von häuslicher Gewalt. - Foto: © pexels
2 Freundinnen unterhalten sich entspannt im Videochat, es geht ums Backen, als plötzlich der Partner einer der beiden den Raum betritt. Die Betroffene spricht zwar locker weiter, ihr Blick wird aber starr und angsterfüllt. Unauffällig hebt sie die Hand, biegt den Daumen zur Handfläche, lässt die anderen 4 Finger ausgestreckt und formt sie anschließend zu einer Faust. Die Freundin erkennt das Zeichen – es ist ein stiller Hilferuf für Opfer häuslicher Gewalt.

Das Video ist Teil einer Anfang März lancierten Kampagne der kanadischen Stiftung für Frauen (Canadian Women's Foundation) und generiert zur Zeit in den sozialen Medien mehrere Millionen Aufrufe. Das vorgestellte Handzeichen soll vor allem jenen helfen, die im Lockdown mit ihrem Peiniger festsitzen.


STOL hat bei Ulrike Oberhammer nachgefragt, was sie von der Kampagne hält, ob es auch in Südtirol ähnliche Kampagnen gibt und wohin sich Opfer häuslicher Gewalt in Südtirol wenden können.

Interview: Elisabeth Turker

Frau Oberhammer, haben Sie das Video gesehen?

Ulrike Oberhammer, Präsidentin des Landesbeirats für Chancengleichheit: Ja, auch uns wurde das Video von mehreren Stellen zugeschickt. Man muss das Video aber mit Vorsicht genießen. So wurden wir darauf hingewiesen, dass die Geste mit den ausgestreckten Fingern auch auf die Säulen des Islam auszulegen ist. Man muss bei solchen Sachen immer den geographischen und religiösen Kontext mitbedenken. In Kanada mag die Geste funktionieren, aber anderswo könnte sie falsch verstanden werden. Deshalb haben wir das Video auch nicht weitergeteilt.

Gibt es hierzulande ähnliche Gesten?

Oberhammer: In Europa gab es 2015 die so genannte „Black-Dot-Campaign“, bei der Opfer häuslicher Gewalt mit einem aufgemalten schwarzen Punkt auf der Handfläche um Hilfe riefen. Aber auch dieses Zeichen hat sich nicht permanent durchgesetzt, weil es nicht leicht zu interpretieren ist: Ist der Punkt gewollt oder zufällig auf der Hand? Handelt es sich wirklich um ein Opfer oder nicht? Es gibt noch nicht das eine universelle Handzeichen oder die eine Gestik, die international anerkannt ist. Aber man muss auch sagen, dass die Menschen schon viel sensibler und aufmerksamer geworden sind: Auch in Südtirol ist uns aufgefallen, dass man mittlerweile weniger oft wegsieht als zuvor.

Vielerorts gibt es Kampagnen, um Opfern von Gewalt zu helfen. Wie sieht es in Südtirol aus?

Im vergangenen März hatten wir eine Plakataktion gestartet: Wir haben an Orten, die vor allem von Frauen aufgesucht werden, Plakate mit den Notrufnummern für Opfer häuslicher Gewalt verteilt. Im Lockdown wurde es schwieriger, aber wir haben sie zum Beispiel an Müllcontainern angebracht oder in Lebensmittelgeschäften und Apotheken verteilt. Sehr effizient ist auch die Aktion, Sticker mit den wichtigsten Informationen im Inneren der Frauentoilette anzubringen – denn dort können sie wirklich nur von Frauen gesehen werden.



Vor Corona hatten wir noch weitere Sachen in Planung, die bislang jedoch nicht umgesetzt werden konnten. So wollen wir, wie in anderen Ländern bereits üblich, die Angestellten der Gastronomie schulen, auf Hilferufe und Zeichen zu achten und ihnen beibringen, korrekt zu reagieren. Sie sollen unter anderem lernen, wie man mit einem potentiellen Opfer Kontakt aufnehmen kann. So wird beispielsweise eine Frau, die mit ihrem gewalttätigen Mann unterwegs ist, kaum offen um Hilfe bitten oder zugeben, Hilfe zu brauchen, aus Angst vor möglichen Konsequenzen. Deshalb muss dieses Projekt gut vorbereitet und durchdacht werden.

Gibt es denn Mittel und Wege für Frauen, unauffällig um Hilfe zu rufen?

Oberhammer: Wie gesagt, es gibt noch keine einheitliche Linie, überall gibt es andere Signale. Auch ist es nicht einfach, einen Kommunikationsweg zu finden, mit dem man nur Frauen erreicht. Dieses Problem gibt es auch mit dem kanadischen Video oder der „Black-Dot-Kampagne“: Die eigentlich „geheimen“ Zeichen werden überall verbreitet, auch Männer sehen sie. Wer weiß, was passieren würde, wenn ein gewalttätiger Mann den stummen Hilferuf seiner Frau sieht, bevor ihr geholfen werden kann.

Eine Art der Hilfestellung, die tatsächlich funktioniert, sind Apps, wie etwa die Gitschn-App, die wir 2014 lanciert haben. Sie enthält neben Tipps auch Notrufnummern und einen SOS-Knopf. Es gibt auch unscheinbare Apps, die es erlauben, Gespräche, Mails oder Nachrichten extern abzuspeichern, bevor sie vielleicht vom Partner am eigenen Handy gelöscht werden.

Was raten Sie Opfern von häuslicher Gewalt, wohin sollen sie sich wenden?

Oberhammer: Das Wichtigste ist, zu allererst ins Krankenhaus zu gehen und die Verletzungen sofort dokumentieren und von einem Arzt oder einer Ärztin offiziell bestätigen zu lassen. Denn sonst hat man 3 Wochen später, wenn die blauen Flecken verschwunden sind, im Gerichtsverfahren nichts mehr in der Hand, es steht Aussage gegen Aussage. Außerdem sollte sich jedes Opfer häuslicher Gewalt an die Frauenhäuser wenden, sie klären auf und helfen weiter. Viele Frauen haben vor allem aus finanziellen Gründen Angst davor, etwas zu unternehmen. Sie haben Angst vor den Gerichtskosten oder davor, plötzlich ohne finanzielle Unterstützung und mit Kindern auf der Straße zu stehen.



Hier möchte ich ganz klar betonen: In Südtirol gibt es für solche Fälle finanzielle Unterstützung, auch für anfallende Gerichtskosten oder Anwälte. Niemand sollte aus Geldgründen in einer Gewaltbeziehung bleiben. Ebenso wichtig ist es für Freunde und Bekannte, die Augen offen zu halten und die Betroffenen wachzurütteln. Langjährige Opfer häuslicher Gewalt können oft nicht mehr zwischen richtig und falsch entscheiden und erachten es als fast schon normal so behandelt zu werden, sie haben vergessen wie ein „gewaltfreies“ Leben ist und dass die Schuld nicht bei ihnen liegt. Diese Frauen müssen das Gefühl bekommen: Es gibt einen Weg aus dieser Situation, jemand ist für mich da.

Frauen, wehrt euch. Hier gibt es Hilfe




liz

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