„Das Morden im Zeichen der Scharia hat schon begonnen und es wird lange dauern“, schreibt unsere Kolumnistin.<BR /><BR /><BR /><BR />Jung ist sie, diese zarte, aparte Frau, die da entspannt und lächelnd auf der Mauer sitzt. Ein Bild aus glücklicheren Tagen muss das sein, das die Dolomiten zeigen – enge Jeans, modische Jacke, ein lässig über die Haare gezogenes Kopftuch und die Stadt im Hintergrund... Traumhafte Kulisse für ein perfektes Urlaubsfoto, das man sich eingerahmt aufs Kaminsims stellt. <BR /><BR />Doch Zarifa Ghafari ist keine Touristin! Zarifa Ghafari ist Afghanin. 2018, mit gerade einmal 26, ist sie die jüngste Bürgermeisterin des Landes. WAS für ein Schlag ins Gesicht der Taliban, die sie aus dem Rathaus werfen wollen, damals schon. Mehrere Mordanschläge und den Verlust des Vaters später, der im November ermordet wird, sind die Radikalislamisten an der Macht und Zarifa Ghafari ist todgeweiht – wie so viele andere, die sich engagiert und gekämpft haben – für Bildung, Gleichberechtigung, Meinungsäußerung, Frieden und Religionsfreiheit, kurzum – für all jene demokratischen Grund- und Menschenrechte, die wir Privilegierten aus der westlichen Welt für so selbstverständlich nehmen, obwohl sie es nicht sind! <BR /><BR />„Ich konnte nicht flüchten, jetzt warte ich, bis sie mich und meine Familie umbringen“, sagt sie in einem Interview, als spräche sie über jemand anderen. Das Morden im Zeichen der Scharia hat schon begonnen und es wird lange dauern! Am Ende wird das Land, das an Demokratie und Wandel geglaubt hat, wieder in der Steinzeit versinken, wo Frauen weniger wert sind als Tiere und Folter, Versklavung, Steinigung und Verstümmelung an der Tagesordnung stehen. <BR /><BR />Die Bilder vom Flughafen in Kabul, diese unfassbaren Bilder von Hunderten Menschen, denen das blanke Entsetzen ins Gesicht geschrieben ist, Menschen, die dem startenden Flugzeug nachhetzen, die sich an Tragflächen klammern, in Fahrwerksschächte kletterten und als schwarze Punkte vom Himmel fallen. Der Tag, an dem es Menschen regnete.<BR /><BR /> Die Afghanen werden ihn nie vergessen! Und sie werden auch nie vergessen, dass sie im Stich gelassen wurden von Demokratien, an deren Werte sie glaubten. Ihre Erinnerung, sie wird uns einholen – im Terror und im Strom der Flüchtenden, die irgendwann vor unseren Toren stehen... <BR /><BR /><BR /><BR />ZUR PERSON<BR /><BR />In einer wöchentlichen Kolumne schreibt Irina Lino auf s+ über aktuelle Themen verschiedenster Art. Irina Lino ist 1967 in Klagenfurt geboren und seit 1987 Kulturjournalistin. Zahlreiche Beiträge in Büchern und Katalogen zu Kulturthemen; seit 2009 Kultur-Ressortleiterin der „Kronen Zeitung“ Kärnten sowie Kolumnistin. + von Irina Lino