„In Südtirol kenne ich niemanden, der mit einer Prothese klettert, deshalb gehe ich eben mit Menschen ohne Behinderung klettern“, erzählt David Kammerer (31) freiheraus. <BR /><BR />Will man es genau nehmen, dann geht er eher mit überaus durchtrainierten Athleten klettern, wie sonst soll man denn auch Routen mit Schwierigkeitsgraden von 8 a oder 8 a + bewältigen. Um diesen Schwierigkeitsgrad bewegte sich die Route seiner Kategorie im Weltcupfinale von Salt Lake City. <BR /><BR />Dabei kann er nur ein Bein aktiv benutzen. Der in Stefansdorf bei Bruneck wohnhafte Pusterer ist der erste Paraclimber Südtirols, der sowohl an nationalen wie auch internationalen Wettkämpfen teilnimmt. Obwohl er erst vor 5 Jahren ernsthaft das Klettern für sich entdeckt hat, ist er längst mit allen Sinnen in die Kletterszene eingetaucht – sei es in die „normale“ wie auch in die spezifische Parakletterszene. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1029894_image" /></div> <BR /><BR />Paraklettern bzw. Paraclimbing ist der Oberbegriff für Klettern für Menschen mit Einschränkungen oder Behinderungen unterschiedlichster Art – die Bandbreite reicht von Lähmungen und Sehschwächen bis hin zu Amputationen. Seit 2011 gibt es regelmäßig Weltmeisterschaften, der Paraclimbing-Weltcup geht heuer bereits in seine 12. Saison. In den Lead-Wettkämpfen gibt es je nach Behinderung 10 unterschiedliche Kategorien für Männer und Frauen. Für David Kammerer ist der Sieg in Salt Lake City vor einem US-Amerikaner und einem Japaner nicht nur ein sportlicher Meilenstein in einer noch jungen Karriere, vielmehr ist es auch eine persönliche Genugtuung. Nach wie vor werde man als Mensch mit einer körperlichen Behinderung nicht ganz für voll genommen, immer wieder komme es vor, dass man bemitleidet oder unterschätzt wird. <BR /><BR />Vor allem die Schulzeit war für David Kammerer nicht immer leicht, blöde Kommentare oder mitleidige Blicke haben Spuren hinterlassen. Dabei hatte er schon genug Sorgen mit seiner Behinderung, einer angeborenen Fehlbildung des rechten Oberschenkels. Es handelt sich um eine seltene Erkrankung (im Fachjargon PFFD: Proximale Femorale Fokale Defizienz), die von einer leichten Verkürzung bis hin zum vollständigen Fehlen des Oberschenkelknochens reichen kann. <BR /><BR /><b>Sich nicht unterkriegen lassen</b><BR /><BR />Bei David Kammerer ist der rechte Oberschenkel um 35 Zentimeter kürzer als der linke, wobei auch die Hüfte beeinträchtigt ist. „In der 3. Mittelschule musste ich mich einer ziemlich schwierigen OP unterziehen, dabei wurde mir 3-mal die Hüfte und 2-mal der Oberschenkel gebrochen“, blickt er zurück. Ein derartiges Los prägt natürlich, aber es hilft nichts: Jeder ist mit seinem Körper geboren und kann nur versuchen, das Beste daraus zu machen. Und genau das hat David Kammerer getan. Ganz gewiss habe es schwierige Phasen in seinem Leben gegeben, aber er verstand sich den bestärkenden und positiven Dingen zuzuwenden. Einerseits war das sein ausgeprägter Bewegungsdrang, denn bevor er das Klettern für sich entdeckte, hat er sich schon gerne in Sportarten wie Radfahren oder Skifahren ausgepowert. Andererseits hat er von seinen Eltern, beide Lehrer, sozusagen das „Lehrergen“ mit in die Wiege gelegt bekommen. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1029897_image" /></div> <BR /><BR />Im Brotberuf ist David Kammerer als Achtsamkeits- und Meditationscoach für Kinder und Jugendliche tätig. Darüber hinaus gibt er Fortbildungen und Kurse zu diesem Thema. Die entsprechende Ausbildung hat er vor 6 Jahren gemacht, heute betreut er mehrere Schulklassen auf dem Burger Hof in Prags, einem Gemeinschaftsprojekt von mehreren Sozial- und Bildungseinrichtungen. „Ich versuche in meinen Kursen aufzuzeigen, was mit klarem Geist und starkem Willen alles möglich ist“, sagt der 31-Jährige. Für ihn selbst sind Meditieren und Achtsamkeitstraining Teil eines strukturierten Programms, genauso wie Massagen, Dehnungsübungen und Physiotherapieeinheiten. <BR /><BR /><b>Inklusive Klettergruppen in Südtirol</b><BR /><BR />Und dann ist da noch ein soeben angestoßenes Projekt, auf das David Kammerer besonders stolz sein darf: seine inklusive Klettergruppe in Bruneck. Insgesamt sind 9 Teilnehmer mit unterschiedlichen Behinderungen dabei, dabei sei es möglich, individuell auf die Stärken und Schwächen einzugehen. Möglich ist dies auch durch unterschiedliche Routensetzung in der Halle, David Kammerer ist selbst Routenbauer, schraubt somit eigenhändig die Griffe und Tritte in die Wand. Er sagt: „Klettern macht es möglich, komplexe Bewegungsabläufe simpel zu gestalten. Dadurch werden die Synapsen im Hirn angeregt und miteinander vernetzt und so zeigen sich auch recht bald erstaunliche Erfolge. Das beschränkt sich aber nicht nur auf die körperliche Ebene, denn gerade diese Erfolge fördern das Selbstvertrauen und stärken die Persönlichkeit.“ <BR />Klettern sei wie Puzzlespielen, meint David Kammerer: Ein Teil fügt sich in das nächste und schließlich ergibt sich ein vollständiges Gesamtbild. Die inklusive Kletterszene hat sich in Südtirol gerade erst formiert, Vorreiterin ist die Kletterinstruktorin und Integrationskindergärtnerin Claudia Larcher, die 2021 in Meran die erste Gruppe gegründet und dazu auch David Kammerer inspiriert hat. <BR /><BR />Einen Trainer hatte der Pusterer hingegen nie, er hat sich das Klettern durch Improvisieren und Beobachten einfach selbst beigebracht. Zunächst begleitete er einen Kollegen zum Bouldern in die Brunecker Kletterhalle, die Kombination aus Geschicklichkeit, Kraft und Fokus gefiel ihm, recht bald packte ihn der Wettkampfeifer. Und so hat man sich in der Brunecker Kletterhalle längst an das ungewöhnliche Bild gewöhnt, wenn er sich mithilfe seiner Prothese im Stile eines Geckos die Wand hochhangelt. „Ziehen oder Schieben kann ich damit nicht, nur auf dem Punkt abstützen“, erklärt er. Was andere mit 4 Extremitäten machen, muss er eben mit deren 3 bewältigen. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1029900_image" /></div> <BR /><BR />Seit einem halben Jahr wird der Pusterer Parakletterer von Trainerin Katrin Mair begleitet, seitdem folgt er einem klar definierten Plan. An 5 bis 6 Tagen in der Woche wird in der Halle trainiert, um alles unter einen Hut zu bekommen klingelt der Wecker öfter mal bereits um 5 Uhr morgens. Vom Sport und den Unterrichtstätigkeiten einmal abgesehen, fordert natürlich auch seine Familie Zeit und Aufmerksamkeit ein – David ist Vater von zwei Buben im Alter von 6 und 3 Jahren. „Ja, meine Frau hat mir schon gesagt, dass ich es mit meinem Pensum hin und wieder übertreibe“, räumt er ein und verweist auf die nächsten Etappen im Weltcup (Ende Juni in Innsbruck, Ende September in Arco) sowie auf die Europameisterschaft Ende August in der Schweiz. <BR /><BR /><b>Aussicht auf Olympia 2028</b><BR /><BR />Und dann ist da noch die Aussicht auf eine Teilnahme bei den Paralympics 2028 in Los Angeles. Zusammen mit Surfen wird dem Klettern sehr gute Chancen eingeräumt, erstmals in den Reigen der Paralympischen Disziplinen aufgenommen zu werden. Eine Teilnahme wäre für David Kammerer dann allemal in Reichweite. Es wäre ein Lebenstraum für einen Topathleten, der momentan erst auf die Unterstützung eines Sponsors namens Boulderball aus dem Sarntal bauen kann. Wenigstens werden die Reisekosten vom AVS und dem italienischen Kletterverband FASI übernommen. <BR />Doch ganz egal, was er in Zukunft noch zu bewegen imstande ist – der Pusterer Ausnahmekletterer verkörpert mit seiner Haltung bereits jetzt die tatsächlichen Grundgedanken des Olympischen Geistes. Alles was noch kommt, ist Zugabe.<BR />