Giacomo Tissi ist schon lange unter Tage tätig. Er ist der Baustellenleiter der Firma „P.A.C Spa“, die auf Infrastrukturbauten spezialisiert ist und sich in einer Bietergemeinschaft mit der „Carron Bau Srl“ den Zuschlag für die Bauarbeiten an der Umfahrung in Kiens gesichert hat. Tissi koordiniert 30 bis 40 Arbeiter und Techniker, die jeden Tag auf der Baustelle am Werk sind. <BR /><BR />Viele der Mineure – so heißen die auf den Tunnelbau spezialisierten Arbeiter – sind alte Hasen in ihrem Job. „Sie arbeiten seit 30 Jahren und mehr im Tunnelbau“, erzählt Tissi. Sie wissen also, was sie tun. Ohne sie würde es nicht gehen. Denn der Beruf der Mineure hat Nachwuchssorgen. Unter Tage arbeiten muss man mögen. Und fern der Heimat. Die meisten der Arbeiter in Kiens kommen aus der Lombardei, wo die Firma P.A.C. ihren Sitz hat, einige aus dem Friaul.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1012521_image" /></div> Tissi hat es diesmal gut getroffen, „so angenehm habe ich es selten“, sagt er. Daheim ist er im Bellunesischen, deshalb kann er nach Hause fahren, wann immer es sich ausgeht. „In einer Stunde bin ich dort, das ist wirklicher Luxus“, sagt er und erinnert sich an viele Stunden Fahrt durch so manche Sonntagnacht von daheim zu Baustellen irgendwo in Italien. <BR /><BR /><b>Das zweite Zuhause im Containerzimmer</b><BR /><BR />Die meiste Zeit wohnt er, so wie seine Kollegen, in den Containerunterkünften im Westen von Kiens. „Wir haben Einzelzimmer, Klimaanlage und Fernseher“, erzählt Tissi. 50 Arbeiter haben dort Platz, für die Verpflegung gibt es Konventionen mit Gaststätten im Ort. Während der Bauarbeiten, die gut eineinhalb Jahre dauern werden, ist mehr oder weniger die Stammmannschaft im Einsatz. „Wer anfängt, hier zu arbeiten, macht in der Regel auch fertig.“<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1012524_image" /></div> <BR />Begonnen haben die Grabungsarbeiten am Umfahrungstunnel Anfang Dezember des vergangenen Jahres. Der Spatenstich zum Start der Arbeiten war bereits im November 2021 erfolgt. Danach mussten zunächst zahlreiche Leitungen (Gas, Wasser, Strom) aus der Baufläche entfernt und versetzt werden. Auch galt es, die Baustelle so einzurichten, dass der Verkehr auf der Staatsstraße möglichst wenig beeinträchtigt wird. Zu diesem Zweck wurde im Westen eine temporäre Unterführung angelegt, welche die Baustelleneinrichtungsfläche im Westen mit der Tunnelbaustelle verbindet. Zudem musste am westlichen Eingang des Dorfes eine denkmalgeschützte Kapelle gesichert und versetzt werden, die künftig an der Tunneleinfahrt stehen wird.<BR /><BR /><b>Ein Fünftel des Haupttunnels ist gegraben</b><BR /><BR />Seit 4 Monaten erfolgt nun der Tunnelaushub. Etwa ein Fünftel des Haupttunnels ist geschafft. Im Gegensatz zum Brennerbasistunnel, der großteils durch Felsgestein getrieben wird und von der Tunnelbohrmaschine ausgebrochen wird, ist der Vortrieb im Lockergestein sehr viel komplexer und auch teurer, erklärt Florian Knollseisen, der Direktor des Amtes für Straßenbau Nord/Ost. „Man kann nicht einfach ein Loch in den Berg graben, weil sofort alles zusammenbröckeln würde.“ <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1012527_image" /></div> <BR />Im freien Gelände, also bevor der Tunnel unter bewohntem Gebiet gegraben wird, kommt deshalb das Düsenstrahlverfahren zur Anwendung. Dabei wird der Boden von oben vermörtelt. „Mit einer Sonde wird das Erdreich unter Hochdruck mit einer zementhaltigen Bindemittelsuspension vermischt. Der Boden wird dadurch betonhart“, erklärt Thomas Steiner, der Mitglied der Bauleitung ist. Danach kann darunter – gut 20 Meter unter der Erdoberfläche – das Erdreich mit Baggern ausgebrochen werden. Etwa 2 Meter geht es auf diese Weise jeden Tag tiefer in den Berg. Unter bewohntem Gebiet ist eine Vermörtelung von oben nicht mehr möglich. Dann muss aufwendiger von innen vermörtelt werden, entsprechend verlangsamt sich der Baufortschritt auf etwa einen Meter pro Tag. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1012530_image" /></div> <BR /><b>Ein „künstlicher“ und ein „natürlicher“ Tunnel</b><BR /><BR />Gearbeitet wird in 2 Turnussen, im Tunnel auch nachts. Neben dem rund einen Kilometer langen „natürlichen Tunnel“ wird noch ein weiterer Teil im Osten untertunnelt – allerdings in offener Bauweise. „Dafür wurde ein Graben ausgehoben. Danach wird das Tunnelgewölbe offen, also über Tage, gebaut und dann der Graben zugeschüttet“, erklärt Thomas Steiner. Notwendig wurde dieser „künstliche Tunnel“ wegen der Steinschlaggefahr am nahen Felsgelände, das in Kiens als Koflloch bekannt ist. „Während der Planungen ist der Gefahrenzonenplan von Kiens in Kraft getreten, und die Stelle dort wurde wegen der Steinschlaggefahr zur roten Zone“, sagt Amtsdirektor Knollseisen. „Wir standen vor der Wahl, entweder einen Schutzwall von 10 Metern Höhe für die Straße zu bauen oder den Tunnel zu verlängern.“ Am sichersten und am landschaftsverträglichsten erschien die Tunnellösung. <BR /><BR />Somit werden von der 3 Kilometer langen Umfahrung, die im Westen von Kiens beginnt und im Osten bis zur Industriezone reicht, etwa 1300 Meter unter Tage verlaufen. Die Gesamtkosten betragen – Stand jetzt – etwa 70 Millionen Euro, die nicht aus dem Olympiafonds kommen, sondern vorwiegend aus dem Landeshaushalt mit einem Zuschuss aus Rom. Viel Geld, das investiert wird, um Kiens vom Durchzugsverkehr zu befreien. „Kiens ist ein gutes Beispiel für die absolute Notwendigkeit von Umfahrungen, indem man den Ortskern anschließend aufwerten und den öffentlichen Raum den Bürgern zurückgeben kann“, sagt Mobilitätslandesrat Daniel Alfreider.<BR /><BR />Durchschnittlich 20.000 Fahrzeuge schlängeln sich jeden Tag durch den Ort. Ohne sie wird Kiens aufatmen. Derzeit aber halten viele noch den Atem an – auch aus einem anderen Grund. Ein Tunnelbau direkt unter dem eigenen Haus – da kommen Sorgen und Ängste auf. „Alle Gebäude und der Bau selbst werden rund um die Uhr mit Messgeräten überwacht“, erklärt Bauleiter Thomas Steiner. „Während der Arbeiten sind Geräusche und auch Vibrationen wahrnehmbar, das ist normal und kein Grund zur Beunruhigung.“ Treten Schäden an Gebäuden auf, werden diese erstattet. Man sei in ständigem Austausch mit der Bevölkerung, der aber zweifelsohne viel Verständnis abverlangt werde – bis der Durchzugsverkehr unter Tage verschwindet und im Dorf endlich Ruhe einkehrt.