<BR /><b> Sie sind in Bozen Dorf aufgewachsen; Marien- oder Kofler- Kindergarten?</b><BR />Palla: Weder noch. Ganz oben in der Runkelsteiner-Straße gab es damals einen kleinen privaten Kindergarten – gleich nach der Kurve, bei dem kleinen Tor. <BR /><BR /><b>Wissen Sie noch, wie die Kindergärtnerin hieß?</b><BR />Palla: Ja, das war „Tante Trude“, eigentlich Trude Dinkhauser. Ich erinnere mich noch ganz genau an den großen Garten, in dem wir Kinder frei spielen konnten – und natürlich an den Dackel Niki. Das waren sehr schöne Momente.<BR /><BR /><b>Dann besuchten Sie die Goethe-Schule.</b><BR />Palla: Genau. Meine Grundschullehrerin war Gertrud Rottensteiner. Erst war ich bei ihr, später auch mein fünf Jahre jüngerer Bruder Johannes. Danach kam die Mittelschule im Konservatorium, damals eine Außenstelle der Aufschnaiter Schule, und schließlich der Wechsel ans Wissenschaftliche Lyzeum.<BR /><BR /><b>Wo haben Sie mit Ihren Freundinnen die Nachmittage verbracht, wo haben Sie sich herumgetrieben in der Stadt?</b><BR />Palla: Ehrlich gesagt: So viel „Herumtreiben“ gab es bei mir gar nicht. Meine Nachmittage gehörten größtenteils dem Konservatorium und dem Musikunterricht. Das war eine intensive Zeit, eine echte Doppelbelastung, bei der wenig Raum für Leerlauf blieb. Aber ich habe das nie als Verzicht empfunden. Im Gegenteil – ich hatte das Gefühl, genau das Richtige zu tun. Und am Wochenende waren wir natürlich draußen unterwegs. Was mich geprägt hat, war sicher die Haltung meiner Eltern: Leistung war bei uns selbstverständlich. Uns wurde früh mitgegeben, dass jeder Verantwortung trägt – für sich selbst, aber auch für die Gesellschaft.<BR /><BR /><b>Sie sind auch Pianistin?</b><BR />Palla: (lächelt) Das klingt ein bisschen zu groß. Ich habe acht Jahre lang Klavier gespielt am Konservatorium, ja – aber ich habe ziemlich früh gespürt, dass das nicht mein Beruf sein würde.<BR /><BR /><b>Wann haben Sie das letzte Mal Klavier gespielt?</b><BR />Palla: An Weihnachten. Für meine Familie. Das sind sehr schöne private Momente, bei denen das Klavier nicht fehlen darf.<BR /><BR /><b>Welche Erinnerungen haben Sie ans Konservatorium?</b><BR />Palla: Vor allem an meine Lehrerin Vea Carpi. Sie war wirklich eine außergewöhnliche Persönlichkeit – fast schon ein Mythos. Sie hat während des Unterrichts geraucht, was heute kaum vorstellbar ist, und gleichzeitig war sie eine brillante Pianistin. In meiner Klasse gab es nur noch einen weiteren deutschsprachigen Schüler, und für sie waren wir immer „Hänsel und Gretel“. Das hat sich irgendwie eingebrannt – ich muss heute noch darüber schmunzeln.<BR /><BR /><b>Dann kam das Studium. Warum in Wien?</b><BR />Palla: Das war eine Herzensentscheidung. In der vierten Klasse Oberschule gab es damals die sogenannte Wien-Woche – und ich habe mich da sofort in diese Stadt verliebt. Als ich damals aus Wien zurückkam, war für mich klar: Ich möchte dort leben und studieren.<BR /><b>Dort wohnen Sie auch heute noch mit Ihrer Familie.</b><BR />Palla: Ja, ich bin nach mehreren Stationen vor ein paar Jahren mit meiner Familie nach Wien zurückgekehrt. Ich wohne jetzt wieder im dritten Bezirk, in der Nähe des Rochusmarkts. Und ganz in der Nähe von dem Ort, an dem ich schon während des Studiums mit meiner Cousine Katrin gewohnt habe. Wien ist mittlerweile für mich und meine Familie ein Zuhause geworden.<BR /><BR /><b>Ihr Mann ist nicht Wiener.</b><BR />Palla: Nein, er kommt aus Bayern, aus Oberammergau – einem Ort mit einer ganz eigenen Tradition durch die Passionsspiele.<BR /><BR /><b> Sie haben sich über den Beruf kennengelernt?</b><BR />Palla: Ja, wir haben beide bei E.ON gearbeitet. <BR /><BR /><b>Sie haben nach dem Studium in interessanten Städten erste Erfahrungen gesammelt.</b><BR />Palla: Ja, das war eine sehr prägende Zeit. Newcastle, Tokio, München, Mailand – jede dieser Stationen hat mich auf ihre Weise geformt. <BR /><BR /><b>Kurz vor Mailand sind Sie erstmals Mutter geworden.</b><BR />Palla: Genau. Ich bin mit meinem kleinen Sohn Paul von München nach Mailand gezogen, um dort E.ON beim Aufbau der neuen Zentrale in Mailand zu unterstützen. Paul war erst ein paar Monate alt. Mein Mann war zu der Zeit an einem anderen Ort für E.ON im Einsatz. Das war nicht so einfach. Als unser zweites Kind unterwegs war und sich für meinen Mann eine Karrierechance in Wien ergab, war das der Wendepunkt. Wir wollten einen Ort finden, an dem wir als Familie zur Ruhe kommen. Das war Wien.<BR /><BR /><b>Sie haben sich in Wien nach einem Job umschauen müssen?</b><BR />Palla: Ja. Und eigentlich war mein Plan klar: Ich wollte in der Energiewirtschaft bleiben. Aber dann habe ich zufällig Christian Kern getroffen, der damals frisch gebackener ÖBB-Chef und auf der Suche nach einem neuen ÖBB Führungsteam war. Ich war zuerst skeptisch, Eisenbahn? Das war nicht das, was ich mir vorgestellt hatte. Aber das Gespräch mit Christian Kern war wirklich inspirierend und plötzlich war da echtes Interesse. Am Ende war klar: Ich möchte das machen. So bin ich zur Eisenbahn gekommen.<BR /><BR /><b>Wir sprechen schon von Christian Kern, dem späteren Bundeskanzler?</b><BR />Palla: Ja. Das war damals noch vor seiner Zeit als Bundeskanzler. Es hat mich sehr beeindruckt, mit welchem Willen und mit welcher Kraft er die ÖBB reformieren wollte. Da wollte ich dabei sein.<BR /><BR /><b>2016 wurde Kern Bundeskanzler und verließ die ÖBB. Haben Sie heute noch Kontakt?</b><BR />Palla: Ja, wir sehen uns immer wieder mal. Die Gespräche mit ihm sind jedes Mal sehr spannend – ein Austausch, von dem ich immer viel mitnehme.<BR /><BR /><b>Sie sind bis 2019 bei der ÖBB geblieben, bevor Sie zur Deutschen Bahn wechselten. Das ging aber nicht von Ihnen aus?</b><BR />Palla: Nein, ich wurde von der Deutschen Bahn angesprochen. Und ich habe mich ehrlich gesagt ziemlich lange nicht zurückgemeldet. Mein Mann hat dann irgendwann gesagt: „Jetzt ruf doch mal zurück.“ Und das war gut so. Denn dann nahmen die Dinge sehr schnell ihren Lauf. Ein paar Monate später bin ich zur Deutschen Bahn gewechselt.<BR /><BR /><b>Warum haben Sie sich so lange nicht gemeldet?</b><BR />Palla: Weil ich zufrieden war. Weil wir als Familie angekommen waren. Weil alles stabil war. Mittlerweile war auch mein drittes Kind geboren. Wir waren glücklich. Es gab keinen Grund, etwas zu verändern. Aber dann kam die Chance, noch einmal einen größeren Schritt zu machen. Mehr Verantwortung, mehr Wirkung im größten Mobilitätsunternehmen Europas... <BR /><BR /><b>Ihr neuer Arbeitsplatz war dann Frankfurt. Die Familie blieb allerdings in Wien?</b><BR />Palla: Ja, und das war am Anfang wirklich herausfordernd. Dieses ständige Pendeln, Woche für Woche – das verlangt einem schon viel ab. Aber mein Mann hat mich unglaublich unterstützt. Ohne ihn wäre das so nicht möglich gewesen. Heute ist es Teil unseres Lebens geworden.<BR /><BR /><b>Von 2019 bis 2022 sind Sie Finanzvorständin für den Fernverkehr, ab Juni 2022 werden Sie Vorständin der Deutschen Bahn und zugleich Vorstandsvorsitzende des DB-Regionalverkehrs. Und dann machen Sie den Triebfahrzeugführerschein – Sie werden Lokomotivführerin. Ist das kompliziert?</b><BR />Palla: Ja, der Weg zum Lokführerschein ist anspruchsvoll. Zuerst muss man psychologische Tests und eine Eignungsprüfung ablegen. Da geht es insbesondere um Konzentration, Merkfähigkeit und Reaktionsfähigkeit. Erst wenn man das bestanden hat, beginnt die eigentliche Ausbildung. Auf der Schiene zu fahren, ist schon ein bisschen komplizierter als im Auto auf der Straße.<BR /><BR /><b>Wie lange brauchten Sie für den Führerschein?</b><BR />Palla: Normalerweise dauert das 9 bis 12 Monate. Ich konnte es etwas beschleunigen, weil ich intensiv mit einem Privatlehrer gearbeitet habe. Das hat den Prozess sehr beschleunigt.<BR /><BR /><b>Es gibt dann laufend Prüfungen, damit man den Schein behalten kann?</b><BR />Palla: Ja, man muss regelmäßig fahren – 100 Stunden im Jahr. Das schaffe ich heute leider nicht mehr. Aber die Erfahrung bleibt.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1307388_image" /></div> <BR /><BR /><b> Sie haben aber viel gelernt?</b><BR />Palla: Enorm viel. Vor allem, was Verantwortung wirklich bedeutet. Als Lokführer trägt man jeden Tag Verantwortung für viele Menschen. Das verändert den Blick auf vieles. Man versteht plötzlich ganz anders, was Sicherheit im Alltag heißt.<BR /><BR /><b>Finden Sie noch die Zeit, um mit den Mitarbeitenden zu reden oder geht das nicht mehr?</b><BR />Palla: Doch, genau das ist mir besonders wichtig. Ich suche bewusst diese Gespräche. Wenn man den Kontakt zur Basis verliert, verliert man das Verständnis für das, was wirklich zählt und das Unternehmen ausmacht. Es geht darum, zuzuhören, zu verstehen, präsent zu sein. Am Ende sind es die Menschen vor Ort, die den Unterschied machen.<BR /><BR /><b>Klingt überzeugend ...</b><BR />Palla: Es ist mehr als das – es ist entscheidend. Die Bahn funktioniert nur mit engagierten Menschen. Unsere Aufgabe im Management ist es, die Bedingungen so zu gestalten, dass sie ihren Job gut machen können. Meine Ausbildung hilft mir, diese Perspektive wirklich zu verstehen – nicht nur theoretisch, sondern konkret.<BR /><BR /><b>Merken Sie, dass der Erwerb des Lokführerscheins für diese Bemühungen hilfreich ist?</b><BR />Palla: Ja. Das wird von den Mitarbeitern wahrgenommen und schafft eine ganz andere Verbindung und vor allem Vertrauen.<BR /><BR /><b>Der Brennerbasistunnel sollte in etwa fünf Jahren in Betrieb gehen, aber die nördlichen Zulaufstrecken in Bayern wird es dann noch nicht geben?</b><BR />Palla: Bei den Zulaufstrecken auf deutschem Staatsgebiet warten wir aktuell auf die Entscheidung des deutschen Bundestags. Es ist aber nicht realistisch, dass sie bis zur Inbetriebnahme des Brennerbasistunnels Anfang der 30er-Jahre fertig sein werden.<BR /><BR /><b>Angeblich soll der „Frecciarossa“ bald in Deutschland fahren. Italien steht im Schienenverkehr nicht schlecht da …</b><BR />Palla: Italien hat einen klaren Vorteil durch eigene Hochgeschwindigkeitsstrecken. Das macht vieles einfacher und vor allem den Zugverkehr zuverlässiger.<BR /><BR /><b>In Deutschland ist dies nicht so?</b><BR />Palla: Nein, wir haben ein sehr komplexes Mischsystem. Alles läuft über dieselben Strecken, die ICEs, der Regionalverkehr und der Güterverkehr. Das macht es anfälliger und erklärt viele Probleme. Der langsamere Zug muss dem schnelleren auf derselben Strecke Platz machen. Das ist nicht immer einfach und geht häufig gegen die Pünktlichkeit.<BR /><BR /><b> Baut man also neue Hochgeschwindigkeitsstrecken?</b><BR />Palla: Wir machen natürlich Strecken für den Hochgeschwindigkeitsverkehr tauglich. Viele sind es bereits. Aber der Mischverkehr in Deutschland wird trotzdem bleiben. Dieses System kann man nicht mehr ändern. Wir haben diese Rahmenbedingungen, aber ich möchte schon sagen ...<BR /><BR /><b>… dass die Deutsche Bahn besser ist als ihr Ruf.</b><BR />Palla: Davon bin ich überzeugt. Es wird viel kritisiert – oft zu Recht. Aber die positiven Dinge gehen häufig unter. Auch deshalb, weil die Medien viel lieber schreiben, was nicht gut läuft. Wenn der Zug aus München fünf Minuten früher in Berlin einfährt, wird das gar nicht zur Kenntnis genommen. Wenn er 15 Minuten zu spät kommt, gibt es eine große Empörung. 2025 hatten wir einen neuen Rekord an Fahrgästen, fast zwei Milliarden Menschen waren mit uns unterwegs. Auch das ist ein Zeichen, dass die Menschen am Ende doch ganz gerne mit uns reisen.<BR /><BR /><b>Wie steht’s um die Pünktlichkeit der Deutschen Bahn?</b><BR />Palla: Wir sind mit der Pünktlichkeit natürlich noch lange nicht zufrieden und arbeiten jeden Tag hart daran, besser zu werden. Immerhin kommen aber mehr als 80% der Fernzüge mit einer Verspätung von maximal 15 Minuten ins Ziel. Wenn man eine lange Strecke mit dem Auto zurücklegt wie zum Beispiel von Berlin nach München, ist ein Puffer von 15 Minuten auch normal. Jeder rechnet das bei der Planung ein und wahrscheinlich sogar noch mehr. Damit liegen wir im Vergleich auch gar nicht so schlecht. <BR /><BR /><b>Wie oft kommen Sie privat noch nach Bozen?</b><BR />Palla: So oft ich kann. Es ist ein Stück Heimat, das man niemals verliert. Gerade zu Weihnachten ist es für mich selbstverständlich, hier zu sein. Die ganze Familie freut sich jedes Jahr sehr darauf.<BR /><BR /><b>Wandern Sie in Südtirol oder gehen Sie Ski fahren?</b><BR />Palla: Beides, wann immer es möglich ist. Zu Weihnachten habe ich mit meiner Familie die Sellaronda gemacht – das war ein ganz besonderer Moment. Und auch im Februar ein paar Tage auf Skiern zu stehen, gibt mir unglaublich viel zurück.