Donnerstag, 22. Oktober 2020

Die 2. Corona-Welle rollt: „Nächste Woche am Limit“

Die 2. Corona-Welle rollt unerbittlich über Südtirol: Allein in den vergangenen 10 Tagen verzeichneten alle Bezirke einen 11- bis 48-prozentigen Anstieg der Infektionsfälle . Um dem Virus Einhalt zu gebieten, könne man nur mehr „großflächig vorgehen“, ist Biostatistiker Markus Falk überzeugt.

Biostatistiker Markus Falk mit düsteren Prognosen.
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Biostatistiker Markus Falk mit düsteren Prognosen.
Der Brunecker Biostatistiker zeigt sich besorgt über das Infektionsgeschehen in Südtirol: „Bei durchschnittlich 180 bis 200 Infektionen am Tag sind wir nächste Woche schon am Limit.“ Den sprunghaften Anstieg an Neuinfektionen könne er sich nur mit einer „enormen Zunahme an Kontakthäufigkeit“ erklären: „Diese ist in den vergangenen Wochen wohl durch das Urlaubsende, die gestarteten Meisterschaften, die privaten Feste und die in großer Zahl nachgeholten Feierlichkeiten in die Höhe getrieben worden.“

Die Prognose, die er Anfang Oktober in den „Dolomiten“ angestellt hatte, hätte sich eindeutig verschlechtert. Damals hieß es, dass bei einem konstanten, aber langsamen Anstieg bis Weihnachten durchschnittlich 100 Fälle pro Tag auftreten würden. „Wir haben nun aber eine solche Beschleunigung hingelegt, dass wir in 2 Wochen das geschafft haben, wofür wir 2 Monate gebraucht hätten“, zeigt sich Falk erstaunt.

Die Reproduktionsrate Rt liege in Südtirol derzeit bei 1,3 – Anfang Oktober hingegen bei 1,1. „Das ist so, als ob der Zinssatz von 10 auf 30 Prozent wächst – das heißt, man kann den Kredit nicht mehr abbezahlen“, veranschaulicht der Wissenschaftler die alarmierenden Daten. Zum Vergleich: Im Trentino beträgt die Reproduktionsrate ungefähr 1,2, im Bundesland Tirol 1,25.

„Die nächsten 2 Wochen sind entscheidend“, meint Falk. „Es ist nicht notwendig, alles zuzusperren – aber nur, wenn es jeder versteht.“ Man könne aber nicht zuwarten, bis alle den Ernst der Lage erkannt haben: „Dann ist der Zug schon abgefahren“, weiß der Biostatistiker. Für lokale Maßnahmen, etwa dort, wo man viele Fälle oder einen auffallenden Anstieg derselben verzeichnet, sei man zu spät dran: „Aktuell sind bereits sehr viele Gemeinden betroffen. Wenn man das Virus stoppen will, muss man großflächig vorgehen“, lautet Falks Rat. Das Ampelsystem in Österreich habe gezeigt, dass Regeln auf Bezirksebene nur Chaos stiften.

Das oberste Gebot laute demnach: Kontakte reduzieren und die täglichen Fallzahlen innerhalb der nächsten 2 Wochen auf unter 100 reduzieren. „Optimal unter 50, das ist für mich die Zielzahl“, meint Falk, denn mit solchen Daten könne man sich wie im Sommer – unter Einhaltung der Schutzmaßnahmen – einigermaßen normal bewegen.

Südtirol befindet sich laut Falk bereits in einer „ernsten Situation“, es bleibe nicht mehr viel Zeit, um zu überlegen, sondern man müsse eine „ganz klare Botschaft rauslassen: Die Leute müssen ihre Kontakte reduzieren.“ Die Landesregierung habe Falk zufolge schnell reagiert, „aber das reicht vielleicht nicht. Meine größte Hoffnung ist, dass meine Rechnungen falsch sind – aber sie waren im Frühjahr auch nicht falsch.“

mic

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