<b>„Die Toblacher Gespräche stehen heuer unter dem Motto „Vertrauen zurückgewinnen: Medien und Gesellschaft auf dem Weg aus der Desinformationsfalle“. Steckt der Journalismus in einer Krise?</b><BR />Uwe Krüger: Ich würde sagen, er steckt in einer Dauerkrise. Und zwar gleich in einer doppelten. Einerseits gibt es etwa seit dem Jahr 2000 eine Finanzierungskrise durch Einbrüche beim Werbeaufkommen und bei den Nutzern durch die Internet-Konkurrenz. Andererseits gibt es einen Vertrauensverlust in die etablierten Medien, in Deutschland beobachten wir dies etwa seit 2014, kurz vor der Annexion der Krim durch Russland.<BR /><BR /><b>Das zweite Datum klingt nicht nach einem Zufall ...</b><BR />Krüger: Alternative Medien waren anfangs eher auf ein linkes Klientel ausgerichtet: Anti-Atomkraft, Umwelt- oder Friedensbewegung ... Doch seit einem guten Jahrzehnt haben vor allen Dingen rechtspopulistische Alternativmedien Zulauf, sie nehmen sowohl an der Anzahl als auch in ihrer Wirkmacht zu und haben die Alternativmedien-Idee gekapert. Wie viel seriöse Nachrichten und wie viele unseriöse auf den Alternativmedien verbreitet werden, ist schwer zu quantifizieren. Aber eines lässt sich sicher sagen: Einige Alternativmedien versuchen immer stärker, eine gewisse Propaganda zu verbreiten. Im Fall von Russland – etwa auf „Russia Today“ – auch staatliche. Dort wurde zum Beispiel während der Corona-Pandemie stark die Linie der Verharmlosung gefahren, mit der der Kreml westliche Gesellschaften spalten wollte. <BR /><BR /><b>Reicht der allgemeine Siegeszug des Internets als einfache Erklärung der Medienkrise? Oder steckt auch eigenes Verschulden/Versagen dahinter?</b><BR />Krüger: Sagen wir so: Von alternativen Medien werden besonders die Leute angezogen, die dem „System“ und den politischen Eliten misstrauen. In westlichen Gesellschaften scheinen sich Bevölkerung und Eliten zunehmend zu entfremden. Etablierte Medien orientieren sich aber zu einem großen Teil am politischen Diskurs und an den Entscheidungen der Politik. Auch weil Ressourcen fehlen und solche Berichte mit wenig Aufwand zu machen sind. Aber so spült man sich stets den Elitendiskurs ins Medium und sieht sich dem Vorwurf ausgesetzt, dass andere Perspektiven nicht stattfinden. <BR /><BR /><b>Das Journalismus-Misstrauen ist eigentlich ein Politikmisstrauen?</b><BR />Krüger: Die Nutzer wollen, dass Medien zeigen, „was wirklich los ist“. Die etablierten Medien zeigen aber in der Regel die Themenagenda und die Meinungsspanne im Elitenmilieu. Ab und zu gibt es einen Ausreißer, doch der erfordert viel Eigenrecherche. Und wie die Inhalte der Medien eng an den Elitendiskurs gekoppelt sind, so ist dies auch das Misstrauen der Bürger. Die Medien sind gewissermaßen mitgefangen. Man darf aber von den etablierten Medien auch nicht zu viel erwarten, auch hier ist alles eine Frage der Ressourcen.<BR /><BR /><b>Neben dem Problem der Ressourcen – Geld und Personal – bleibt aber auch ein anderes Dilemma: Wie geht man mit extremen Ansichten um?</b> Nehmen wir ein hierzulande unverfängliches Beispiel: In Amerika gibt es eine beachtliche Community, die überzeugt ist, die Erde ist eine Scheibe, und die sich auf eigenen Plattformen „informiert“, weil sie ihre Positionen in den etablierten Medien nicht wiederfindet. <BR /><BR />Krüger: Meinungsfreiheit und -vielfalt ist wichtig. Aber für seriösen Journalismus gibt es eine rote Linie: Korrekte Fakten müssen Grundlage der Berichterstattung und der Diskussion sein. Also am Beispiel Klimawandel: Meinungsvielfalt für den Umgang mit der Krise Ja, Leugnen des Klimawandels Nein. In Deutschland wurde darüber lange diskutiert: Sind Talkrunden mit Klimaleugnern einfach nur ausgewogen oder ist das eine falsche Ausgewogenheit? Schlussendlich hat sich richtigerweise der Grundsatz durchgesetzt, die Faktengrundlage nicht infrage zu stellen – und Klimaleugner wurden ignoriert.<BR /><BR /><b>Andererseits befeuert aber genau das die Kritik?</b><BR />Krüger: In der Tat nimmt die Zahl derer zu, die bei Umfragen angeben, sie fühlten sich in ihrer Meinungsfreiheit eingeschränkt. Das ist für mich ein Alarmsignal für die Demokratie. Zumal das verbreitete Gefühl der Leute, „man darf nichts mehr sagen“, besonders gerne von rechten Akteuren aufgegriffen wird. Gerade von dieser Seite, schauen wir etwa in die USA, wird die „free speech“ propagiert, also der Grundsatz, dass man alles sagen darf. Letztendlich sind es dann aber eben diese Personen, die, wenn sie an der Macht sind, zur Zensur greifen. <BR /><BR /><b>Welchen Ausweg gibt es aus diesem Dilemma?</b><BR />Krüger: Nochmal: Die Faktengrundlage muss stimmen. Die Verbreitung von Fake News in irgendeiner Form – und sei es unter dem Deckmantel der Ausgewogenheit –, ist keine Lösung. Auch wenn sich etwa am Beispiel Sachsen in Studien zeigt, dass gerade mit Corona die Misstrauenskrise sich verschärft hat, war es richtig, Corona-Skeptikern z. B. bei Talkshows keine Plattform zu geben. Aber: Es stimmt auch, dass die etablierten Medien zu lange Maßnahmen und Erlasse nicht kritisch hinterfragt haben. Hier hat die alternative Szene investigativ recherchiert, Dokumentenfreigaben eingeklagt und die Abhängigkeit des Robert Koch-Institutes vom bundesdeutschen Gesundheitsministerium thematisiert. Die etablierten Medien haben hier Vertrauen verloren, weil sie bestimmte Fragen nicht gestellt haben. <BR /><BR /><b>Aber wie sieht es mit der Verantwortung aus, die Medien gerade in Krisenzeiten haben? Nachrichten bleiben ja nicht folgenlos ...</b><BR />Krüger: Die ethische Verantwortung ist keinesfalls banal. Denken wir an eine Finanzkrise: Führt die Berichterstattung dazu, dass alle zur Bank rennen, um ihr Geld abzuheben, dann verschärft das die Krise. Trotzdem – und ohne die Verantwortungsethik in Abrede zu stellen – Journalisten haben eine andere Rolle als Politiker. Sie sollten nicht nur deren Sprachrohr sein und Maßnahmen verkünden. Gehen wir zurück zur Corona-Pandemie: Zu Beginn war es in der Tat essenziell, dass die Maßnahmen zügig und effizient umgesetzt und eingehalten wurden. Doch spätestens, als es in Wissenschaftskreisen zu einem Dissens gekommen ist, etwa ob z. B. Schulschließungen wirklich helfen, hätten die Medien kritischer werden müssen. Themen wie häusliche Gewalt oder eben die Nachteile für Kinder wurden zu wenig angesprochen, kritische Meinungen waren unterrepräsentiert, weil die Medien der Agenda des Gesundheitsministeriums gefolgt sind. Hier liegt eine Ursache des Misstrauens.<BR /><BR /><b>Gibt es aktuell ein ähnliches Beispiel?</b><BR />Krüger: In der Tat: Laut aktuellen Umfragen misstrauen viele Menschen der Berichterstattung etablierter Medien zu den Vorgängen im Gazastreifen. Sie vermuten eine Schlagseite zugunsten Israels. Und auch hier zeigt sich, dass viele etablierte Medien erst dann angefangen haben, Israel- kritisch zu berichten, als die Bundesregierung über einen Stopp von Waffenlieferungen sprach und den Ton gegenüber Israels verschärfte. <BR /><BR /><b>Der Weg aus der Krise führt also über ...?</b><BR />Krüger: ... mehr Unabhängigkeit von den Diskussionen der Politik. Ehrlicherweise muss man aber sagen, dass die etablierten Medien strukturell dafür gar nicht ausgestattet sind. Dafür müsste man mehr Geld reinpumpen, damit Journalisten eine eigenständigere Beobachtung der Welt leisten können. <BR /><BR /><b>Die Medienkrise mit ihren sinkenden Einnahmen führt aber zu weniger Geld ...</b><BR />Krüger: Das Marktversagen müsste durch andere Mechanismen aufgefangen werden. In Deutschland sind zuletzt zum Beispiel stiftungsfinanzierte Medien entstanden. Aber jede Unabhängigkeit hat ihre Grenzen...<BR /><BR /><b>Alternative Fakten, antiwestliche Propaganda in den sozialen Medien, immer mehr rechtsradikale Plattformen – sehen Sie in der Medienkrise auch eine Gefahr für die Demokratie?</b><BR />Krüger: Ich habe das Gefühl, die Demokratie ist gerade sehr stark in Gefahr. Das liegt aber nicht nur am Medienmisstrauen, es ist ein Teil eines Puzzles, eines Erosionsprozesses. Viele Social-Media-Plattformen setzen bewusst auf Polarisierung, um Nutzer in ihrer „Bubble“ zu halten und Aufmerksamkeit zu binden. Jetzt kommt noch die KI, die künstliche Intelligenz, dazu – und darin steckt auch eine Gefahr für gut recherchierten Journalismus.<BR /><BR /><b>Klingt nicht ermutigend. Gibt es keine Lösung?</b><BR />Krüger: An der Universität Leipzig starten wir gerade ein Projekt namens „Bürger machen Journalismus“. Unser Ansatz ist, medienkritische Bürger in kleinen Gruppen von fünf Leuten mit einem Journalisten zusammenzubringen. Drei Monate bekommen sie dann Zeit, ein Thema ihrer Wahl zu recherchieren und einen journalistischen Beitrag zu veröffentlichen. Wir erhoffen uns, dass das Gefühl der Selbstwirksamkeit, der persönliche Kontakt zu einem Journalisten und das Erlernen des Handwerks sich positiv auswirkt. Zudem kommen so auch neue Aspekte aus der Lebenswirklichkeit der Bürger an die Öffentlichkeit.