Nach Angaben der Staatsanwaltschaft von Pavia befand sich der tatverdächtige Andrea Sempio am 13. August 2007 um 10.18 Uhr nicht auf dem Parkplatz von Vigevano, sondern in der Via Pascoli 8 Garlasco in der Villa der Familie Poggi, wo er Chiara nach einer sexuellen Zurückweisung angegriffen und getötet haben soll. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1338297_image" /></div> <BR /><BR />Wie berichtet, wollte Andrea Sempio mit dem Parkticket von Vigevano beweisen, dass er sich am Tag des Mordes an Chiara Poggi im August 2007, nicht in Garlasco, sondern in der Stadt Vigevano aufhielt. Dieses Ticket war 2008 ein zentraler Punkt bei der Einstellung des Verfahrens gegen ihn. Sempio hatte damals erklärt, das Ticket sei erst Tage nach der Tat von seinen Eltern gefunden und der Polizei übergeben worden. Doch neue Ermittlungen zeigten Unregelmäßigkeiten bei der Übergabe. <a href="https://www.stol.it/artikel/chronik/fall-garlasco-zweifel-am-alibi-von-andrea-sempio" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">(Hier mehr dazu)</a><BR /><BR />Doch zurück zur Frage, wie Andrea Sempio am Tattag in die Villa Poggi gelangt sein soll... Nach den Rekonstruktionen der Staatsanwaltschaft soll das einzige Auto, das der Familie zur Verfügung stand, zu diesem Zeitpunkt von Andreas Mutter genutzt worden sein. Sie sei zunächst nach Gambolò gefahren und anschließend weiter nach Vigevano, wo sie um 10.18 Uhr das bereits erwähnte und viel diskutierte Parkticket gezogen habe.<h3> Die Notiz von Vater Giuseppe</h3>Doch wie kam Andrea Sempio dann zur Villa Poggi? Darauf geben die Ermittler bislang keine eindeutige Antwort. Sie nennen jedoch einen handschriftlichen Zettel seines Vaters Giuseppe als relevant, der bei den Ermittlungen im Haus der Familie Sempio sichergestellt und beschlagnahmt wurde. Darauf steht:<BR /><BR />„Um 8 Uhr sah Franchioli (Anm. d. Red. Pietro Emilio Franchioli war ein wichtiger Zeuge im Fall Garlasco, verstorben 2020) ein schwarzes Fahrrad (Bermani). Sah schwarzes Fahrrad bis 9.40–9.50 Uhr. Mein Sohn war zu Fuß, hat kein schwarzes Fahrrad, hat ein weißes Damenfahrrad.“<BR /><BR />Über 19 Jahre lang galt jenes schwarze Damenfahrrad, das neben Franchioli auch die sogenannte Superzeugin Franca Bermani vor der Villa Poggi gesehen haben will, als das mögliche Fortbewegungsmittel des Täters. Nach der bisherigen Annahme soll der Mörder damit zum Haus gekommen und anschließend auch wieder geflüchtet sein.<BR /><BR />Doch Andrea Sempio hatte nach den Aussagen von Freunden und Familienangehörigen kein schwarzes Fahrrad zur Verfügung. Er besaß lediglich ein weißes Fahrrad – genau so, wie es auch sein Vater Giuseppe auf dem handschriftlichen Zettel vermerkt hatte. Nach Einschätzung der Ermittler soll Sempio zu Fuß unterwegs gewesen sein; auch dieser Hinweis findet sich auf der Notiz des Vaters.<BR /><BR />Doch bleibt eine entscheidende Frage offen: Stammt diese Notiz tatsächlich vom Tag der Tat? Oder hatte sie möglicherweise einen ganz anderen Zweck? Denkbar ist auch, dass Giuseppe Sempio damit lediglich festhalten wollte, dass sein Sohn kein schwarzes Fahrrad besaß – und damit ein Argument liefern wollte, warum Andrea nicht der Täter gewesen sein könne.<h3> Villa Poggi vom Haus der Sempios zu Fuß in etwa 17 Minuten zu erreichen</h3>Die Familie Sempio lebte damals in der Via Rossini Nummer 2, nur etwa 1,5 Kilometer von der Villa der Poggi entfernt. Zu Fuß beträgt die Strecke rund 17 Minuten. Der Weg, den die Staatsanwaltschaft aufführt, hätte geradeaus über zwei Kreisverkehre geführt, anschließend nach links in die Via Lucchina, dann wieder nach links in die Via Pavia und schließlich nach rechts in die Via Pascoli 8, wo die Familie Poggi wohnte. (auf der Karte unten entspricht dieser Weg von links nach rechts entlang der gepunkteten Linie)<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1338228_image" /></div> <BR /><BR />Doch hätte Andrea Sempio an jenem Montagmorgen im August unbemerkt zu Fuß zur Villa Poggi gelangen können? Und vor allem: Wäre es ihm auch möglich gewesen, den Tatort anschließend wieder zu verlassen, ohne gesehen zu werden? Diese Fragen stehen weiterhin im Mittelpunkt der Rekonstruktion der Ermittler.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1338300_image" /></div> <BR />Der nächstgelegene Zufluchtsort wäre das Haus seiner Großmutter väterlichseits gewesen. Sie wohnte nur 550 Meter von der Villa Poggi entfernt – und dort tauchte Andrea Sempio an diesem Tag tatsächlich gegen 11 Uhr auf.<BR /><BR />Die Großmutter hatte jedoch nichts Außergewöhnliches bemerkt. In ihrer damaligen Aussage erklärte sie:<BR /><BR />„Mein Enkel Andrea war zwischen 11 und 12 Uhr bei mir. Ob er zu Fuß oder mit dem Auto kam, weiß ich nicht. Die Straße, in der ich wohne, ist schmal, deshalb stellt er das Auto immer entlang der Via Pavia ab.“<h3> Wie hätte Sempio sich der Tatwaffe entledigt?</h3>Falls Andrea Sempio tatsächlich zu Fuß vom Tatort geflüchtet wäre, stellt sich eine weitere Frage: Hätte er in der kurzen Zeit die mutmaßliche Tatwaffe – vermutlich einen Hammer, der in Tücher eingewickelt gewesen sein soll – beseitigen können? Und warum wurden weder die Waffe noch die Tücher jemals gefunden?<BR /><BR />Hinzu kommt: Als die Großmutter ihren Enkel zum Mittagessen einlud, bemerkte sie keinerlei Blutspuren an seiner Kleidung oder an ihm selbst.<BR /><BR />Um 11.25 Uhr und 50 Sekunden ging an diesem Tag ein Anruf vom Festnetzanschluss der Familie Sempio auf Andreas Handy ein. Am Telefon war seine Mutter. Andrea erklärte ihr, dass er sich bei der Großmutter befinde und bald nach Hause komme.<BR /><BR />Doch wie kehrte er zurück? Mit dem Auto, wie sich seine Eltern erinnern wollen? Oder zu Fuß, wie es die Staatsanwaltschaft annimmt? Diese Frage ist bis heute ungeklärt.<BR /><BR />Fest steht hingegen: Ein schwarzes Fahrrad wurde vor der Villa der Familie Poggi von zwei Zeugen gesehen. Wem gehörte es? Falls es nicht dem Täter gehörte, warum hat sich dessen Besitzer in den vergangenen 19 Jahren nie gemeldet? Oder hatte das Fahrrad womöglich überhaupt nichts mit dem Mordfall zu tun? Diese Fragen beschäftigen die Ermittler weiter brennend.<BR /><BR /><i>Wir halten Sie über die Ermittlungen auf dem Laufenden.</i>