<b>Herr Sartori, für viele Südtiroler sind Sie ein Held, da Sie konsequent ausländische Kriminelle abschieben. Einige glauben aber, dass Ihre Abschiebungen nichts bringen ...</b><BR />Paolo Sartori: Held ist übertrieben, das bin ich nicht. Die Abschiebungen funktionieren aber sehr wohl, da kriminelle Ausländer Südtirol damit verlassen. Bei solchen mit ausländischen Papieren kann die Abschiebung sofort ausgeführt werden. Wenn ein Krimineller keinen Ausweis hat, wird es schwieriger. Er wird in ein Abschiebezentrum gebracht, wo er bis zu eineinhalb Jahren festgehalten werden kann. In dieser Zeit kümmern sich die Behörden dann um die nötigen Papiere für die Abschiebung. Fast alle Staaten nehmen sie an – Probleme gibt es nur mit Staaten im Krieg. <BR /><BR /><b>Wollen Sie damit sagen, dass alle Ihre Abschiebebefehle ausgeführt werden?</b><BR />Sartori: Ich kann das nicht sagen, es gibt immer Ausnahmen. In der vergangenen Zeit wurden die Abschiebebefehle aber viel konsequenter durchgeführt. Das auch dank staatlicher Rahmenbedingungen, die geändert wurden.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1018836_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><b>Hadern Sie manchmal mit der Entscheidung, jemanden abzuschieben und drücken dann ein Auge zu?</b><BR />Sartori: Nein, ich drücke nie ein Auge zu. Nicht einmal wenn ich schlafe (lacht). Die Regeln sind einzuhalten, da bin ich streng. Das gilt natürlich auch für italienische Staatsbürger, nicht nur für ausländische. Und wissen Sie was? Die ersten, die mir danken, wenn ich Kriminelle abschiebe, sind Einwanderer. Die kriminellen Ausländer zerstören nämlich den Ruf der hart arbeitenden Einwanderer in unserem Land. Nicht selten bekomme ich Briefe, in denen sie mir danken. <BR /><BR /><b>Kürzlich haben Sie gesagt, dass die Gewalt in Südtirol zunimmt. Von welcher Form von Gewalt sprechen Sie?</b><BR />Sartori: Leider handelt es sich dabei um Gewalt im Bekanntenkreis. Oft ist es häusliche Gewalt. In den vergangenen 12 Monaten hatten wir 188 „Codice-rosso“-Einsätze, also solche, wo Frauen misshandelt werden. Mit anderen Gewalttaten zusammen hatten wir im Durchschnitt 4 Einsätze pro Tag. Die Fälle von Gewalt auf offener Straße sind hingegen gering. <BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-64330071_quote" /><BR /><BR /><BR /><BR /><b>Wieso, glauben Sie, hat die häusliche Gewalt in den vergangenen Jahren zugenommen?</b><BR />Sartori: Diese Fragen müssen Soziologen beantworten. Einige sagen, dass der Lockdown während der Corona-Pandemie die Leute erbost hat. Vor allem auf Jugendliche hat sich die Pandemie stark ausgewirkt.<BR /><BR /><b>Hat Südtirol ein Problem mit Jugendgewalt?</b><BR />Sartori: Die Fälle von Aggressivität bei Jugendlichen haben zugenommen. Wir versuchen deshalb, sehr viel Präventionsarbeit zu leisten. Die Polizei sollte nur dann eingreifen, wenn alles andere gescheitert ist.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1018839_image" /></div> <BR /><BR /><b>Südtirol hat nicht nur ein Gewaltproblem, sondern auch ein Drogenproblem. Der Kokain-Wert im Abwasser von Bozen zum Beispiel ist sehr hoch.</b><BR />Sartori: Das stimmt nicht. Die Situation ist ähnlich wie in anderen Regionen Italiens. Vielleicht wird hierzulande mehr Alkohol konsumiert. Aber der Kokain-Wert scheint deshalb hoch, weil er anderswo vielleicht gar nicht gemessen wird. Der Konsum sollte in Südtirol nicht höher sein als im restlichen Italien. Wir versuchen aber trotzdem, dagegen vorzugehen. <BR /><BR /><b>Wie?</b><BR />Sartori: Mit zahlreichen Kontrollen. Hier ist aber auch die Arbeit der Bürgermeister, vor allem der kleinen Dörfer, essenziell. In ihrer Rolle sind sie auch für die Sicherheit verantwortlich und müssen dem Quästor Bericht erstatten. Die Bürgermeister wissen alles im Dorf. Sie kennen jede Familie und wissen, wo es zu Gewalt kommt oder wo es andere Probleme gibt. Diese sollten sie melden, damit man eingreifen und helfen kann. Ihre Zusammenarbeit ist für uns sehr wichtig. <BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-64330077_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Am 1. April wurde in Deutschland Cannabis legalisiert. Wird Südtirol nun von Marihuana überflutet werden?</b><BR />Sartori: Natürlich wird es einzelne Konsumenten geben, die nach Deutschland fahren, um Cannabis zu kaufen. Ich glaube aber nicht, dass ein größerer organisierter Handel lukrativ sein wird, da die in Deutschland erlaubte Menge von 25 Gramm einfach zu klein ist. <BR /><BR /><b>Was passiert mit Leuten, die ihr Gras in Deutschland kaufen, es in der Hosentasche vergessen und in Italien ertappt werden?</b><BR />Sartori: Es könnte sich um illegalen Drogenimport handeln. <BR /><BR /><b>Was passiert dann?</b><BR />Sartori: Man könnte festgenommen werden – es kommt aber auf die Menge an. Auch wenn jemand bereits vorbestraft ist, würde er sofort festgenommen werden. Es wird von Fall zu Fall entschieden. Man könnte auch im Gefängnis landen. Auch wenn 25 Gramm Cannabis noch zum Eigenbedarf gezählt werden, hat es wahrscheinlich unangenehme Konsequenzen, wenn man damit erwischt wird.<BR /><BR /><b>Wenn Sie in einigen Jahren auf Ihre Arbeit zurückblicken: Was sollte sich in Südtirol geändert haben?</b><BR />Sartori: Ich möchte, dass unsere Arbeit wertgeschätzt wird. Die Leute sollen wissen, dass die Polizei nicht ein Repressions-Organ des Staates ist, sondern dass wir im Dienste der Bevölkerung sind und den Schwachen nahe sind.<h3> Zur Person</h3>Quästor Paolo Sartori (62) hat Trentiner Wurzeln und ist in Mantua geboren. Nach seinem Studium in Rom gewann er einen Wettbewerb und wurde Polizeikommissar. Danach ging es Schlag auf Schlag und er machte eine steile Karriere. 1992 wurde er zum Chef der Polizeistreifen in Trient ernannt. Nur 7 Jahre später wurde er wieder befördert und kam zu Interpol, wo er zuerst nach Rom und dann nach Bukarest (Rumänien) versetzt wurde. Seine Aufgabe bestand darin, den Kampf gegen das organisierte Verbrechen im Balkan zu koordinieren. 2007 wurde er wieder befördert und war für das Innenministerium in Bukarest tätig. 3 spannende Jahre erlebte er zwischen 2010 und 2013, wo er unter Personenschutz in Mittelamerika tätig war, um den internationalen Drogenhandel zu bekämpfen. Nach weiteren Beförderungen wurde er zuerst Quästor in Mantua, dann in Vincenza und nun in Bozen.