<b>Wie wirkt sich die Gletscherschmelze auf die Vegetation bzw. Landwirtschaft aus?</b><BR />Katharina Ramskogler: Durch die Gletscherschmelze werden immer neue Flächen für die Besiedelung mit Pflanzen freigegeben. Im Zeitraum von 1986 bis 2019 konnten wir im Martelltal eine deutliche Zunahme der von Pflanzen bedeckten Flächen beobachten. Bei unseren Messungen haben wir aber auch bereits heute schon Trockenstress in einigen Flächen im Hochgebirge feststellen können, was tatsächlich auch zu einer Abnahme der Vegetation geführt hat. Hierbei spielt jedoch auch die Geologie eine wichtige Rolle. Bei längeren Dürreperioden ist auf landwirtschaftlich genutzten Flächen eine Bewässerung notwendig. Gletscher liefern gerade in diesen Zeitperioden zusätzliches Wasser, das dafür verwendet werden kann. Fehlt dieses Wasser, kann es auch bei uns zu Engpässen kommen.<BR /><BR /><b>Können Sie nachvollziehen, dass es Menschen gibt, die den menschengemachten Klimawandel in Zweifel ziehen? Nach dem Motto: Das hat es immer schon gegeben?</b><BR />Ramskogler: Es ist für mich schwer nachvollziehbar, dass es Menschen gibt, die den menschengemachten Klimawandel in Zweifel ziehen. Natürlich hat sich das Klima immer verändert, jedoch nicht in so kurzer Zeit und in diesem Ausmaß. Das ist der große Unterschied zu den natürlichen Klimaschwankungen. Die Lebewesen, ob Pflanzen oder Tiere, können sich nur schwer anpassen. Einige Arten werden daher stark an Lebensraum gewinnen, während andere (gerade Kälte liebende Arten) ihn verlieren werden. Auf jeden Fall werden viele gezwungen sein, sich in sehr kurzer Zeit einen passenden Lebensraum zu suchen. Manche werden es schaffen, andere werden scheitern. Es ist wichtig, zu beachten, dass viele Pflanzen in den nächsten 30 bis 50 Jahren gezwungen sein werden, ihren ursprünglichen Standort zu verlassen und sich neu anzusiedeln. Manche werden von den Neuankömmlingen verdrängt werden, während andere sich mit ihnen arrangieren oder sogar mit ihnen vermischen werden. Dies ist auch ein Ergebnis des Klimawandels. Je schneller und gravierender dieser abläuft, desto stärker werden diese Wanderbewegungen sein. Dieses Phänomen wird auch bei Tieren und uns Menschen auftreten.<BR /><BR /><b>Was sind die Auswirkungen der Gletscherschmelze auf Skigebiete wie Sulden?</b><BR /> Gabriele Chiogna: Dr. Giacomo Bertoldi von der EURAC ist der Experte für dieses Thema. Die Verwaltung von Skigebieten ist äußerst komplex, da nicht nur die Gletscher, sondern auch Faktoren wie Schnee, Energie, Wasser und Klima berücksichtigt werden müssen. Die steigende Temperatur und ihre Auswirkungen auf den Schneefall spielen dabei eine wichtige Rolle. Es bedarf weiterer Forschungsstudien, um die spezifischen lokalen Gegebenheiten in unsere Modelle einzubeziehen. Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass die Skisaison generell stark vom Klimawandel beeinflusst und künftig höchstwahrscheinlich kürzer ausfallen wird. <BR /><BR /><b>Gibt es aufgrund der Schmelze künftig die Gefahr, dass die Trinkwasserversorgung nicht mehr gesichert sein könnte?</b><BR /> Chiogna: Auch in diesem Fall kann man keine pauschale Antwort geben. Wenn die Trinkwasserversorgung auf porösen Grundwasserleitern basiert, haben wir resilientere Systeme. Wenn wir es jedoch mit Karstquellen zu tun haben, ist die Variabilität in der Schüttung viel stärker. Auch in diesem Fall ist es wichtig, wie wir die Wasserressourcen managen, da die Auswirkungen von Dürreperioden größer sind.<BR /><BR /><b>Ab wann müssen die Südtiroler mit gravierenden Folgen des Wandels rechnen, etwa dass das Wasser effektiv knapp werden könnte?</b><BR /> Chiogna: Wir sollten das Problem nicht nur lokal betrachten, sondern für das gesamte Einzugsgebiet der Etsch. Wasserknappheit sowie Hochwasserereignisse verdeutlichen die Verknüpfung des Systems, wie bereits in den Ereignissen der vergangenen Jahre ersichtlich wurde. Der Klimawandel wird nicht unbedingt zu einer Reduzierung der Niederschlagsmengen in den Alpen führen, sondern zu einer andersartigen Verteilung im Raum und in der Zeit, mit stärkeren Ereignissen, die jedoch kürzer anhalten. Dies erfordert eine Kooperation aller beteiligten Akteure und Provinzen, um die Wasserressourcen besser zu managen und die Auswirkungen von Extremereignissen zu minimieren.