Warum es trotzdem nicht gelungen ist, die Grieser Identität zu verwässern, welche Alleinstellungsmerkmale Gries hat und wie Bozen von der Übernahme profitiert hat - das erklärt der Historiker Hannes Obermair in einem Interview.<BR /><BR /><BR /> Obermair zeigte beim Vortrag am Mittwochabend anhand von Lichtbildern auf, wie sich Gries ab dem 19. Jahrhundert – auch als „von betuchten Gästen besuchter Kurort“ – entwickelt und trotz der Zwangseinverleibung unter dem faschistischen Regime vor 100 Jahren behauptet und gewisse Eigenheiten beibehalten hat. <BR /><BR /><BR />Es ging den Faschisten damals auch darum, ein „Groß-Bozen“ aus dem Boden zu stampfen – beispielsweise mit dem Bau des sogenannten Siegesdenkmals, der „Prachtstraßen“ wie der Freiheitsstraße oder der Italienallee. Dafür musste allerdings ein Teil des ländlichen Umfeldes diesseits der Talfer enteignet werden. Dem Grieser Gemeinderat blieb nach der Veröffentlichung der beschlossenen Zwangseingemeindung in der „Gazzetta Ufficiale“ (Amtsblatt) nichts anderes übrig, als diese Verordnung „zähneknirschend“ zu ratifizieren. <BR /><BR /><BR />Wir haben anlässlich des Vortrags im Kulturheim Gries mit Hannes Obermair gesprochen.<BR /><BR /><b>Herr Obermair, rückblickend betrachtet, welche Auswirkungen – positiver wie negativer Art – hatte die Eingemeindung der damaligen Marktgemeinde Gries in die Stadt Bozen?</b><BR /><BR /><BR />Hannes Obermair: Die Eingemeindung bedeutete für die Stadt Bozen so etwas wie einen Lottogewinn. Sie wurde zu einer „vollwertigen“ Stadt, konnte sich westlich der Talfer entsprechend ausdehnen. Gries hingegen stemmte sich dagegen. Der Großteil der dort Ansässigen wollte nichts davon wissen. Man fürchtete einen Macht- und Entscheidungsverlust, was ja auch zutraf. <BR /><BR /><BR /><b>Wie haben damals die Grieserinnen und Grieser reagiert, als sie von der Zwangseinverleibung in die Stadt Bozen in Kenntnis gesetzt wurden?</b><BR /><BR /><BR />Obermair: Sie haben mit Entsetzen reagiert, obwohl den meisten vielleicht doch bewusst war, dass es nichts bringen würde, sich dagegen aufzulehnen. Die von oben getroffene Entscheidung wurde ihnen aufs Auge gedrückt. Sie war alternativlos. Es bestand ein Gefühl der Ohnmacht, der Entmündigung. <BR /><BR /><BR /><b>Trotz der vorgenommenen Einverleibung vor 100 Jahren haben in Gries gewisse Eigenheiten „überlebt“, Gries hat seinen ländlichen Charakter bewahrt. Worauf führen Sie das zurück?</b><BR /><BR /><BR />Obermair: Der Fremdbestimmung durch das faschistische Regime wollte man nicht klein beigeben. Die Menschen lebten seit Jahrhunderten hier auf den Höfen, so konnten sie sich auch über Generationen hinweg entwickeln, aber auch viel bewahren. Denken wir an den Grieser Platz, den es seit dem 15. Jahrhundert gibt und der zu den größten und bedeutendsten im Lande zählt. Er war und ist immer noch ein Treffpunkt der Grieser, auf dem man zu Gesprächen zusammenkommt, Meinungen austauscht. Auch viele Bräuche und Traditionen werden von den Grieser Vereinen hochgehalten und gepflegt. <BR /><BR /><BR /><b>Was macht aber das in Gries gebliebene Sonderbewusstsein aus – und wie zeigt es sich heute noch?</b><BR /><BR /><BR />Obermair: Hier möchte ich einen Ausspruch zitieren, nämlich: „Gries ist nicht Bozen“, der besagt, dass sich die Grieser schon abgrenzen würden. Wenn man die Talferbrücke überquert, geht man ja „in die Stadt“, das wird einfach anders wahrgenommen. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass Gries Alleinstellungsmerkmale hat. Neben dem erwähnten Grieser Platz ist es beispielsweise auch das mächtige Kloster Muri-Gries. Das alles trägt zum eigenen Bewusstsein bei. <BR /><BR /><BR /><b>Wagen Sie einen Blick in die Zukunft? Wie wird sich Gries in den nächsten 10, 20 Jahren entwickeln?</b><BR /><BR />Obermair: Gries hat trotz oder gerade der Eingemeindung wegen gute Zeiten erlebt. Die Lebensqualität ist entsprechend hoch und dürfte es weiterhin bleiben. Da sehe ich keine größeren Schwierigkeiten in der Zukunft. Einzig die kulturellen Einrichtungen sind noch ausbaufähig. <BR /><BR />Interview: Karl Psenner