<b>STOL: Wenn Sie an die junge Generation in Südtirol denken – wie schätzen Sie deren die Stimmung ein? Überwiegen Zuversicht oder Zweifel an der Zukunft?</b><BR />Alexander von Walther: Ich glaube, leider überwiegen die Zweifel. Natürlich gehört eine gewisse Unsicherheit zum Jungsein dazu – ein ganzes Meer an Möglichkeiten liegt vor einem, da muss man erstmal seinen eigenen Kurs finden. Darüber hinaus gibt es allerdings in Bezug auf den Standort Südtirol problematische Fakten, die sich nicht verleugnen lassen: Die Lebenshaltungskosten sind enorm hoch, die Quadratmeterpreise explodieren, und im Vergleich dazu sind die Löhne – gerade im Vergleich zu Nachbarregionen, wo viele Südtiroler Studenten leben – deutlich zu niedrig. Junge Menschen stellt das vor große Herausforderungen.<BR /><BR /><b>STOL: Viele junge Südtirolerinnen und Südtiroler zieht es fürs Studium ins Ausland. Wie viele bleiben dort auch nach ihrem Abschluss?</b><BR />von Walther: Es gibt dazu mehrere Studien, etwa von der Handelskammer, von Südstern oder vom Unternehmerverband. Letzterer hat erhoben, dass zwischen 2011 und 2023 rund 14.000 Südtirolerinnen und Südtiroler das Land verlassen haben, ohne zurückzukehren. Das ist eine enorme Zahl. Natürlich gibt es viele, die nach der Matura zum Studieren weggehen und nach Berufserfahrungen im Ausland wieder zurückkommen. Aber das Grundproblem bleibt: Viele können sich eine Rückkehr oft schlicht nicht leisten. Wer nichts erbt oder nicht auf finanzielle Unterstützung vom Elternhaus zählen kann, tut sich oft schwer, wieder Fuß zu fassen. Wir sagen seit Jahren: Eine Rückkehr darf keine Frage des Bankkontos sein. Was zusätzlich problematisch ist: Südtirol kämpft ohnehin mit einer alternden Gesellschaft – und zieht zusätzlich viele ältere Menschen als Alterssitz an, aus Deutschland, Italien, aber auch ausgewanderte Südtirolerinnen und Südtiroler. Das treibt die Immobilienpreise weiter in die Höhe. Zudem fehlt irgendwann auch das soziale und kulturelle Umfeld, das ein Ort braucht, um für junge Leute interessant zu sein.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1237215_image" /></div> <BR /><b><BR />STOL: Abgesehen von den hohen Kosten und geringen Löhnen – warum zieht es junge Menschen ins Ausland?</b><BR />von Walther: Das hat viel mit den Strukturen hierzulande zu tun. Wir haben zwar eine florierende Wirtschaft, aber die Unternehmen sind meist kleinstrukturiert. Viele junge Menschen wollen jedoch Großstadterfahrung oder in großen Konzernen arbeiten. Im Austausch mit Politikern und Arbeitgebern hört man dann: „Ja, eine Großstadt sind wir halt nicht. Ein zweites Mailand können wir nie werden.“ Das stimmt – aber man sollte sich nicht damit zufriedengeben. Man könnte zum Beispiel gezielt die Start-up-Szene fördern. Das schafft Dynamik, zieht junge, kreative Menschen an und verändert die Mentalität. <BR /><b><BR />STOL: Und was spricht trotzdem für eine Rückkehr?</b><BR />von Walther: Das sind natürlich die Klassiker: Heimat, Familie, Natur, Vereinstätigkeit. Südtirol hat ein starkes Ehrenamt, das viele Menschen hier tief verwurzelt. Dazu kommt die tolle Landschaft und die vielfältigen Freizeitaktivitäten, die Mehrsprachigkeit, die Brückenfunktion im europäischen Kontext – das sind starke Argumente für Südtirol.<BR /><BR /><b>STOL: Südtirol gilt als Land mit hoher Lebensqualität. Werden strukturell Probleme davon überdeckt?</b><BR />von Walther: Ja, das passiert oft. Ich finde, es fehlt manchmal der Mut, auch unangenehme Themen offen anzusprechen. Natürlich kann man sagen: Wir haben eine hohe Lebensqualität, gute Kinderbetreuung, ein starkes Ehrenamt. Aber gleichzeitig muss man sagen dürfen: Wir haben ein massives Problem mit Overtourism. Mich stört, dass man, sobald man sich kritisch äußert, schnell als Nestbeschmutzer gilt. Dabei geht es nicht darum, das Land schlechtzureden, sondern ehrlich über Vor- und Nachteile zu sprechen. Wir brauchen den Mut, Probleme zu benennen, nur dann können wir auch Visionen für die Zukunft entwickeln.<BR /><BR /><b>STOL: Der Fachkräftemangel geht auch an Südtirol nicht spurlos vorbei. Es wird in Zukunft also noch viel mehr Studien-Rückkehrer brauchen. Was wird im Blick darauf unternommen?</b><BR />von Walther: Der Politik ist klar, dass es dieses Problem gibt und dass etwas getan werden muss. Es passiert also schon einiges, aber vieles bleibt punktuell. Kürzlich wurden zum Beispiel die Löhne für Praktika in der Landesverwaltung erhöht – das ist ein kleines, aber wichtiges Signal. Gute Praktikumserfahrungen können Studierende motivieren, nach dem Studium zurückzukehren. Auch die Unternehmen wissen, dass sie handeln müssen. In Gesprächen mit der Handelskammer oder dem Unternehmerverband spürt man, dass das Thema angekommen ist. Viele versuchen, Arbeitsbedingungen zu verbessern, etwa bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Gerade für junge Frauen ist das zentral: Sie wollen nicht mehr, wie frühere Generationen, jahrelang ausschließlich zu Hause bleiben. Auch junge Männer denken heute anders – sie wollen sich an der Familienarbeit beteiligen. Unsere Generation hat andere Ansprüche, und darauf müssen Betriebe reagieren.<BR /><BR /><b>STOL: Wie sieht es mit der Mitsprache junger Menschen in Politik und Gesellschaft aus? Finden sie Gehör?</b><BR />von Walther: Ich sehe dieses Thema nicht so negativ, wie es oft dargestellt wird. In meiner Erfahrung mit der HochschülerInnenschaft werden wir von der Politik ernst genommen. Die Wege in Südtirol sind kurz, man kann direkt mit Entscheidungsträgern reden – das ist ein Vorteil eines kleinen Landes. Natürlich gibt es Gruppen, die sich weniger gehört fühlen, etwa aus alternativen oder progressiveren Szenen. Das kann ich nachvollziehen. Aber insgesamt gibt es viele Möglichkeiten, sich einzubringen – in Jugendbeiräten, Jungparteien, Vereinen. Auch die Wirtschaft bemüht sich: Der Unternehmerverband etwa unterstützt junge Menschen bei Unternehmensnachfolgen.<BR /><BR /><b>STOL: Die Universität Bozen zieht viele internationale Studierende an. Gelingt es, sie hierzuhalten?</b><BR />von Walther: Die Uni Bozen arbeitet sehr eng mit Südtiroler Unternehmen zusammen, damit Studierende schon während des Studiums Praxiserfahrungen bei diesen sammeln. Dadurch soll ein Anreiz geschaffen werden, auch nach dem Abschluss zum Arbeiten in Südtirol zu bleiben. Was auffallend ist: Wir haben weniger das Problem, dass es generell zu wenige junge Menschen gibt – wie etwa in anderen Regionen in Italien – sondern, dass gerade die hochqualifizierten, mehrsprachigen Südtirolerinnen und Südtiroler nach Norden abwandern, etwa nach Innsbruck oder München. Dort sind die Löhne höher und die Karrierechancen besser. Es braucht gezielte Maßnahmen, um diese Fachkräfte zurückzuholen oder hierherzuziehen – sonst verlieren wir wertvolles Potenzial. Im Vergleich zu Regionen im Süden Italiens sind Lohn- und Jobaussichten in Südtirol hingegen positiv, weshalb von dort viele hierherkommen und dann auch bleiben. <BR /><b><BR />STOL: Wenn Sie in die Zukunft blicken – was sind die wichtigsten Punkte, damit Südtirol für junge Menschen attraktiv bleibt?</b><BR />von Walther: An erster Stelle stehen ganz klar die Löhne. Es kann nicht sein, dass man in Innsbruck – 40 Kilometer nördlich vom Brenner, wo es sich auch nicht schlecht leben lässt – deutlich mehr verdient. Dann braucht es Offenheit – Südtirol muss ein offenes Land bleiben, mit vielfältigen Chancen für junge Menschen, auch außerhalb des Tourismus. Der Tourismus ist wichtig, keine Frage, aber wir dürfen uns nicht nur auf ihn verlassen. Es braucht Platz für neue Ideen, für Innovation, für leistbaren Wohnraum. Nur so bleibt Südtirol ein Land, in dem junge Menschen nicht nur aufwachsen, sondern auch bleiben wollen.