Donnerstag, 08. April 2021

Die Jugend und Corona: „Der Druck im Fernunterricht ist wirklich enorm“

Seit Monaten sitzen Südtirols Jugendliche zu Hause. Gemeinsam mit Freunden abhängen, Fehlanzeige! Sich beim Sport oder auch live in der Schule messen, Fehlanzeige! Wie die Jugendlichen die strengen Einschränkungen und die Distanz zu Freunden im Lockdown erlebt haben, lesen Sie hier.

Keine sozialen Kontakte, ein Leben, das sich fast nur zu Hause abspielt: Südtirols Jugendliche sind frustriert.
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Keine sozialen Kontakte, ein Leben, das sich fast nur zu Hause abspielt: Südtirols Jugendliche sind frustriert. - Foto: © shutterstock
In einer gemeinsamen Aktion des Tagblatts „Dolomiten“ und STOL wurden die Jugendlichen nämlich aufgerufen, zu berichten, wie es ihnen im Lockdown und im Fernunterricht ergangen ist und noch immer ergeht.


Hannah (19)
Ich bin letztes Jahr im Lockdown 18 geworden und dieses Jahr auch wieder im Lockdown 19. Ich habe somit 2 Jahre nicht meinen Geburtstag feiern können. Ich hatte 2 Jahre kein Leben mehr. Geschweige denn vom Fernunterricht, bei dem ich gar nichts gelernt habe, da es einfach schwierig ist, sich mehrere Stunden am Tag vor einem Bildschirm zu setzen und sich zu konzentrieren. Meiner Meinung nach sollten wir all die anderen Probleme bzw. Schäden, die durch Corona entstehen und schon entstanden sind, beseitigen und uns nicht mehr nur auf das Virus konzentrieren, welches nicht einmal so schlimm ist wie andere Probleme wie Suizide, Depressionen usw.





Ein 16-Jähriger aus dem Sarntal
Aufstehen, frühstücken, 4 ½ Stunden vor dem Bildschirm sitzen, Mittag essen, Hausaufgaben erledigen, Abend essen, fernsehen, schlafen gehen. Der ganz normale Fernunterrichtswahnsinn eben. Aktivitäten, wie Freunde treffen, Sport treiben oder einfach mal entspannen gehören nicht dazu. Einerseits, weil es die Corona-Beschränkungen oft nicht erlauben, andererseits, weil die Zeit dazu fehlt. Die Schule ist omnipräsent und für sie sollte man immer erreichbar sein. Einfach abschalten ist nicht, permanenter Stress hingegen schon.

Der Druck im Fernunterricht ist wirklich enorm, im Vergleich zum „normalen“ Unterricht: Hauptsächlich wegen der wenigen Noten, was es schwieriger macht, eine schlechtere Bewertung aufzuholen. Zudem haben sich viele Schüler zusammengeschlossen, erledigen Hausaufgaben zusammen und sagen sich bei Prüfungen die Antworten ein, was es für Schüler, die wie ich versuchen, allein klarzukommen, schwieriger macht, dieselbe Leistung zu erbringen wie sie. Natürlich, es ist mein eigener Anspruch, alles selbst zu machen und gute Leistungen zu erbringen, aber ich finde auch, dass die meisten Lehrer keine Konsequenzen ziehen, wenn die halbe Klasse denselben Fehler in derselben Aufgabe gemacht hat und selbst erarbeitete Lösungen selten mehr schätzen als Abgeschriebenes. Ich habe das Gefühl, dass vielen von ihnen ziemlich egal ist, was wir Schüler machen, frei nach dem Motto „Ihr lernt für euch, nicht für mich“.

Etwas zu lernen und wirklich zu verstehen ist im Fernunterricht schwieriger geworden: Zum einen, weil die Videokonferenzen sehr lang und zum anderen, weil die Unterrichtsstunden oft nur der Monolog der Lehrpersonen sind. Konzentrationsschwierigkeiten sind da vorprogrammiert, nicht zuletzt, wegen der vielen Ablenkungen, die zu Hause lauern. Ein Zimmer ist also nur so gut für effizientes Lernen geeignet, wie eine Videokonferenz den Unterricht in Präsenz ersetzen kann, nämlich gar nicht.

Deshalb mein Appell an alle Entscheidungsträger: Wenn ihr keine „Generation Corona“ wollt, dann öffnet die Schulen, denn hier geht es nicht um die persönlichen Vorlieben eines jeden Einzelnen, sondern um die Zukunft unseres Landes!


Sophie (16) aus Bruneck
Die Zeit seit März 2020 ist für mich persönlich sehr schwierig zu überstehen. Am Anfang war es ja sehr bequem, nicht immer in die Schule zu müssen, jetzt jedoch denke ich, und auch viele andere Jugendliche, dass es sehr schön wäre, wieder ein ganz normales Leben wie vor Corona zu haben. Wenn man den ganzen Tag zuhause ist und keinen persönlichen Kontakt mit Freunden oder anderen Jugendlichen hat, ist es oft sehr schwierig, sich in dieser Zeit zu motivieren. Uns wird immer mehr unsere schönste Zeit vom Leben genommen, und dies finde ich sehr schade, weil man es nicht mehr nachholen kann.


Max (18) aus Sand in Taufers
Der Fernunterricht hat für mich recht gut funktioniert, allerdings ist das Vermitteln des Lernstoffes über Fernunterrichtsstunden nicht leicht, man versteht den Stoff zwar, ist aber nicht recht sicher in der Anwendung. Das Problem, welches sich jetzt jedoch für mich und viele andere Schüler auftut, ist, dass durch die Wiedereröffnung der Oberschulen der Druck an Prüfungen wieder sehr stark ansteigen wird. Bei nur mehr 2 verbleibenden Monaten vom Schuljahr, wobei wegen des 75-Prozent-Unterrichts nochmals mehrere Wochen wegfallen, kommen viele Lehrpersonen in ,Notenstress„.

Wie es bisher meiner Erfahrung nach stattfand, werden die Zahlen an Prüfungen so stark ansteigen, dass ein Schüler, der sich mit dem Lernstoff eher schwer tut, unter der schieren Masse an Testterminen brechen und durchfallen wird. Auch wenn es oft so rüberkommt, ist für einen Prüfungstermin in solchen Zeiten nicht viel Spielraum, und die Lehrpersonen lassen meist keine größeren Verhandlungen zu. Meiner Meinung nach ist das Wiedereröffnen der Oberschulen ein Fehler, wofür jene büßen müssen, die sonst schon genügend Druck durch Schule und schwierigen Lernstoff erfahren. Schule sollte Wissen und das Lernen von Wissen lehren, und keine Person würde je von sich behaupten, dass sie den Stoff für mehrere Prüfungen besser lernen konnte da die Woche mit 5 Prüfungen bestückt war.


Samuel (18) aus Lüsen
Für uns alle war das Schuljahr heuer sehr anders, und natürlich hat durch den häufigen Fernunterricht die Klassengemeinschaft gelitten, da man sich nicht mehr so oft sah wie gewohnt. Das ist sehr schade, da es unser letztes gemeinsames Jahr zusammen wäre, bevor sich unsere Wege trennen. Natürlich haben bei uns auch Themen wie der traditionelle Maturaball eine große Rolle in der Klasse gespielt. Dass der dann nicht stattfinden durfte, war für mich die größte Enttäuschung, da man ja schon früh mit der Planung anfängt und sich schon lange darauf freut. Auch den Fernunterricht habe ich persönlich mehr als Nachteil empfunden, da es nicht immer sehr einfach ist, dem Unterricht online zu folgen. Zudem ist es sehr anstrengend, lange Zeit vor dem Computer zu sitzen – vor allem am Anfang. Mittlerweile ist man aber mit der Technik vertraut. Ebenfalls online vorbereiten und informieren heißt es für die Zeit nach der Matura, denn Universitätsbesuche oder Berufsmessen sind ja nicht mehr möglich. Berufsberatung oder die Südtiroler Hochschülerschaft bieten aber gute Online-Angebote.


Anna (19) aus Bruneck
Anfangs war der Lockdown etwas Spannendes bzw. etwas Neues. Man konnte auch mal nichts machen, was man vorher nicht gewohnt war. Man konnte chillen und musste nicht in die Schule. Jetzt, wo es schon über ein Jahr so geht, dreht man fast durch: Man steht auf, um auf die Arbeit oder zum Laptop zu gehen, um danach wieder heim zu gehen. Man isst etwas und geht schlafen. Und das jeden Tag. Dann kommt der Freitag und man erinnert sich, wie man ,früher„ ausgegangen ist, um zu feiern, um neue Leute kennenzulernen und einfach mal abzuschalten. Jetzt kann ich mich nicht mehr mal aufs Wochenende freuen, da ich da eh nur zu Hause sitze und am Sonntagabend eine Bildschirmzeit auf dem Handy von ca. 7 Stunden habe. Man kann keine Freunde treffen, man hat keine genauen Informationen, ob man den Freund/in besuchen darf und von Hobbys wie z.B. dem Tanzen gar keine Rede. Sie haben uns Jugendlichen alles genommen, was einem Spaß und glücklich macht. Aber wir haben ja an allem Schuld ;-)


Victoria (21) aus Villnöss
Am Anfang fand man das ,Nichts-Tun„ im Lockdown noch sehr toll und genoss die viele freie Zeit ohne Verpflichtungen. Doch im Laufe der Zeit ist jeder Tag gleich, und es fehlt die Beschäftigung und die Aufgaben bei der Arbeit. Jeder Tag hat denselben Ablauf, und man beschäftigt sich viel mit dem negativen Thema Corona. Auch der Kontakt zu den Freunden und das abendliche Ausgehen in die Diskothek fehlen mir sehr. Ich hoffe sehr, dass bald eine Lösung gefunden und auch mehr an die Jugendlichen gedacht wird. Denn vergangene Zeit kann man nicht mehr nachholen und gewisse Erlebnisse kommen auch nicht nochmals vor.

Hier weitere Erfahrungen und Meinungen der Jugend.

Macht mit! Der Jugend das Wort

„Dolomiten“ und STOL möchten der Jugend eine Stimme geben. Schickt uns an die Adresse [email protected] eine E-Mail, versehen mit eurem Namen, Alter und Wohnort, in der ihr kurz (maximal 20 Zeilen) über eure Erfahrungen in Fernunterricht, im Lockdown und auf Distanz zu euren Freunden berichtet. Eure Erzählungen werden mit Name und Wohnort im Tagblatt „Dolomiten“ und auf STOL veröffentlicht.

dolo/stol