Freitag, 26. März 2021

Generation Corona: „Die Jugend braucht eine Stimme“

Corona, Lockdown, Schulschließungen und Social Distancing – Kinder und Jugendliche haben in der Corona-Pandemie einen besonders schweren Stand, sagt Psychiatrie-Primar Dr. Andreas Conca im „Dolomiten“-Interview. Das Tagblatt und STOL rufen die Jugendlichen auf, ihre Erfahrungen niederzuschreiben und einzuschicken.

Fernunterricht und Social Distancing: Wie ergeht es Südtirols Jugend in der Corona-Pandemie? Schickt uns eure Erfahrungen.
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Fernunterricht und Social Distancing: Wie ergeht es Südtirols Jugend in der Corona-Pandemie? Schickt uns eure Erfahrungen. - Foto: © shutterstock
Laut der vor Kurzem veröffentlichten Kremser Studie zeigt jeder vierte Jugendliche Auffälligkeiten.

Eine „Generation Corona“ sieht Psychiatrie-Primar Dr. Andreas Conca zwar (noch) nicht. Dennoch gelte es, bei Kindern und Jugendlichen ganz genau hinzuschauen. „Ein ,Weiter wie bisher‘ kann es nach Corona nicht geben“, ist Dr. Conca überzeugt.

Interview: Michael Eschgfäller

Dr. Conca, man spricht bereits von der „Generation Corona“. Können Sie dem etwas abgewinnen?
Dr. Andreas Conca: Ich sehe das nicht so. Vor allem weil wir noch nicht wissen, wie sich die Pandemie langfristig auswirkt. Das wird sich erst in 7 bis 10 Jahren zeigen. Was wir aber jetzt schon wissen, ist, dass Schulschließungen und Social Distancing bei den Kindern und Jugendlichen Stress auslösen. Das ist, wie Benzin ins Feuer zu schütten.

Was macht die Pandemie mit den Kindern und Jugendlichen?
Dr. Conca: Das ist je nach Altersstufe völlig unterschiedlich. Die 6- bis 11-Jährigen etwa entwickeln in diesem Alter Selbständigkeit und Kompetenzen. Wenn das nicht gelingt, weil es die Situation eben nicht zulässt, kann es schon zu mangelndem Selbstwert, zu Versagensängsten führen. Die wahren Geschröpften sind aber die Jugendlichen. Sie müssen daheim bei ihren Eltern bleiben, mit denen sie sich ja eigentlich gar nicht abgeben wollen. Auch die Schule ist als Ort des Kontaktes mit Gleichaltrigen weggebrochen. Und wenn sie sich dann einmal irgendwo treffen, dann sind sie unter dem Brennglas als Gesetzesbrecher. Hier bräuchte es unbedingt Entscheidungen auf politischer Ebene für eine offenere Freizeitgestaltung. Hier stecken wir aber erst in den Kinderschuhen.

Wo fehlt es am meisten?
Dr. Conca: Am meisten fehlt mir, dass die Jugend keine Stimme hat, dass ihr kein Raum gegeben wird. Die Jugendlichen brauchen Räume, in denen sie über ihre Themen reden können, ohne dass wir Alte dabei sind.

Dafür gäbe es ja eine ganze Reihe digitaler Möglichkeiten.
Dr. Conca: Die können das aber auch nicht ersetzen. Die Jugend ist eine Zeit, in der sich der Körper neu ausrichtet. Und in den sozialen Netzwerken lässt es sich z.B. halt nicht so gut flirten wie an der Bushaltestelle. Dasselbe gilt für die Kinder. Auch sie wollen Dinge begreifen, im wahrsten Sinn des Wortes. Digital kann ich zwar hören und sehen, aber eben nicht riechen, schmecken, fühlen. Kinder wollen das Reale spüren.

Sind alle Kinder und Jugendlichen von den Folgen von Corona gleichermaßen betroffen?
Dr. Conca: Laut der erst vor Kurzem erschienenen Kremser Studie zeigt etwa jeder 4. Jugendliche Auffälligkeiten. Diese reichen von Schlaf-, Angst- und Essstörungen bis hin zu Depressionen und Suchtverhalten.

Also Störungen, die diesen Jugendlichen auch nach Corona bleiben?
Dr. Conca: Nein. In den meisten Fällen handelt es sich dabei um den Ausdruck für ein großes Unbehagen. Nicht alles, was sich jetzt bei Kindern und Jugendlichen äußert, ist auch krankhaft. Einige werden aber sicher auch nach Ende der Pandemie Hilfe brauchen.

Welches waren hierzulande seit Beginn der Pandemie die jüngsten Patienten, die psychologische bzw. psychiatrische Hilfe gebraucht haben?
Dr. Conca: In der ersten Welle waren es vor allem Kinder zwischen dem 6. und 11. Lebensjahr. In der zweiten Welle sind es vorwiegend Jugendliche ab 12. Sie haben die Schließung der Schulen im Frühjahr noch als Abenteuer erlebt. Inzwischen ist dieses Abenteuer aber in eine trostlose Wüste übergegangen. Dieser Zustand ist für die Jugendlichen sehr schwierig.

Und wie sehen Sie für Südtirols Kinder und Jugendliche die Zeit nach Corona?
Dr. Conca: Für einen Großteil von ihnen gut. Für einen Teil allerdings sehe ich schwarz. Vor allem für jene, die aus Familien kommen, die große sozioökonomische Probleme haben. Die sozioökonomische Situation einer Familie trägt nämlich auch wesentlich zum Wohlbefinden der Kinder bei. Wir müssen da sehr aufmerksam sein, vor allem in Kindergärten und Schulen, aber auch die Eltern selbst.

Was ist in den Fällen, für die Sie schwarz sehen, zu erwarten?
Dr. Conca: Die Palette reicht von Bildungslücken über Schulabbrecher bis hin zu Mängeln im physiomotorischen Bereich. Aus diesem Grund werden da alle gefragt sein, neben den Institutionen auch Jugendorganisationen, Sport- und Kulturvereine. Ein Weiter wie vor der Pandemie kann und wird es nicht geben. Sind von Natur aus 7 bis 10 Prozent von Beeinträchtigungen betroffen, wird das jetzt durch Corona noch verstärkt. Ich rechne mit einer Erhöhung auf bis zu 15 Prozent. Und da gilt es ganz genau hinzuschauen.

Macht mit! Der Jugend das Wort

„Dolomiten“ und STOL möchten der Jugend eine Stimme geben. Schickt uns an die Adresse [email protected] eine E-Mail, versehen mit eurem Namen, Alter und Wohnort, in der ihr kurz (maximal 20 Zeilen) über eure Erfahrungen in Fernunterricht, im Lockdown und auf Distanz zu euren Freunden berichtet. Eure Erzählungen werden mit Name und Wohnort im Tagblatt „Dolomiten“ und auf STOL veröffentlicht.

dol/stol