Freitag, 15. Mai 2015

„Die Jungvögel werden plateauweise weggekarrt“

Frühlingszeit ist Erntezeit - zumindest für Nesträuber. Sie haben es auf Singdrosseln abgesehen - meist keine Woche alt. In den hiesigen Apfelwiesen werden sie fündig. Viele Küken überleben das Martyrium nicht. Südtirol Online hat nachgefragt, was es mit diesem tierquälerischen Geschäft auf sich hat.

Die Jungvögel sind als herangezogene Sänger äußerst wertvoll.
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Die Jungvögel sind als herangezogene Sänger äußerst wertvoll.

Nun haben Nesträuber wieder Hochsaison. Einige der dreisten Tierdiebe gehen den Ordnungshütern dabei sogar ins Netz (STOL hat berichtet). Doch weshalb haben sie es auf die Küken abgesehen, was passiert mit den geraubten Vögeln und was kann jeder dagegen tun? STOL hat im Vogelschutzzentrum in Dorf Tirol nachgefragt. Denn dort werden jene Tiere aufgepäppelt, die ihrem Schicksal im Süden knapp entgangen sind.

Südtirol Online: Sie sind wieder unterwegs. Wann haben Nesträuber Hochsaison?

Florian Gamper vom Vogelschutzzentrum in  Dorf Tirol: Nach der Apfelblüte. Das heißt, wenn die Bäume wieder grün werden und die Drosseln mit dem Brüten beginnen. Das geht jetzt bis zum Juni.

Die Nesträuber beginnen dann im Unterland und arbeiten sich sukzessive talaufwärts – von Salurn bis Kortsch im Vinschgau.

STOL: Wie gehen die Nesträuber vor?

Gamper:  Mittlerweile sind die Nesträuber perfekt ausgerüstet. und gehen nicht mehr dilettantisch vor, wie früher.  Dabei werden Fischerangeln mit Spiegeln versehen, dass die Räuber nur noch durch die Baumreihen zu gehen brauchen und in die Nester somit Einblick erhalten.

So ein Nest befindet sich auf gut Zweidrittel der Höhe eines Baumes.

Teilweise wird tagsüber nur Ausschau gehalten und die Bäume werden mit Bändern markiert. Dann wird nachts ausgerückt, denn die Nesträuber wollen sich auch nicht mehr dabei erwischen lassen.

STOL: Handelt es sich richtiggehend um Banden?

Gamper:  Meist sind mehrere Leute unterwegs. Einer steht Schmiere und zwei-drei gehen die Wiesen ab. Da sie mittlerweile nachts unterwegs sind, ist es schwierig, sie zu erwischen. Alles hat so vor zehn Jahren begonnen, da sind sie tagsüber durch die Reihen gezogen. Heutzutage sind sie vorsichtiger geworden.

 

Die Vögel sind meist keine Woche alt. Foto: D

 

STOL:  Auf welche Vögel haben es Nesträuber abgesehen?

Gamper:  Aus sind sie auf Singdrosseln. Doch sie nehmen die ganzen Drosselarten mit. Diese werden dann im Halbdunkeln aufgezogen. Sobald sie dann Licht zu Gesicht bekommen, legen sie mit ihrem Gesang los.

STOL: Was tun die Nesträuber mit ihrer lebenden Beute?

Gamper: Im Herbst werden die Tiere in kleine, künstlich angelegte Wäldchen gebracht. In Volieren hockend locken sie dann mit ihrem Gesang die Zugvögel an. Denn es geht in der ganzen Sache um diese Vögel, die in manchen Gegenden um Bergamo als Delikatesse gelten. Diese werden dann mit Netzen gefangen oder geschossen, gerupft und gegessen. Es ist zwar Tradition, aber ein riesen Blödsinn.

Für einen guten Sänger wird gut und gerne 500 bis 1000 Euro bezahlt.

STOL: Was hat es mit dem Blenden auf sich?

Gamper:  Teilweise werden die Jungvögel geblendet, sprich ihnen werden die Augenlieder zugenäht, damit sie in Dunkelheit heranwachsen. Im Herbst kommen die Fäden dann weg, damit das Tier zu singen beginnt.

STOL: Wie viele der geraubten Jungvögel überleben überhaupt die Fahrt nach Süden?

Gamper:  Gute Frage, denn es geht eher grob zur Sache. Man braucht ein spezielles Insektenfutter, Honigmaden, eine Wärmelampe. Die Küken kühlen sehr schnell aus.

Jene, die durchkommen, kommen halt durch. Dazu werden die Vögel auch plateauweise weggekarrt. Es ist eine Riesensauerei.

 

Manchmal gelingt den Ordnungshütern ein Schlag gegen die organisierten Nesträuber. Foto: Polizei

 

STOL: Welche Konsequenzen hat die Tat?

Die Strafen sind mittlerweile ziemlich saftig. Und wenn die Vögel im Auto aufgefunden werden, wird das Auto mit beschlagnahmt, weil es sich um ein Hilfsmittel für die Straftat handelt. Und trotz allem gibt es immer noch Nesträuber.

STOL: Was geschieht mit den Jungvögeln, wenn sie dem Schicksal als Sänger entgehen und zu Ihnen ins Vogelschutzzentrum kommen?

Gamper: Sie sind klein, nackt, an die fünf Tage alt und werden unter Wärmelampen herangezogen. Wir haben eine Mitarbeiterin, die von früh bis spät nur die Drosseln füttert. Derzeit haben wir an die zwanzig Stück, manchmal waren es auch schon über 100.

80 bis 90 Prozent der Tiere bringen wir auf diese Weise durch. Dann lassen wir sie fliegen. Der Nonsens ist, ab Juli sind die Drosseln auch bei uns bejagbar.

STOL: Was kann die Allgemeinheit gegen Nesträuber ausrichten?

Gamper: Wenn die Leute etwas Auffälliges beobachten, dann sollen sie die Ordnungshüter verständigen. Etwa wenn Autos herumstehen und Menschen durch die Wiesen streunen. Wenn man sie anspricht und zur Rede stellt, verschwinden die meisten. Doch es soll auch schon zu ernsthaften Handgreiflichkeiten gekommen sein, dass es besser ist, die Polizei zu rufen.

Wenn die Nesträuber merken, dass es immer mehr Widerstand gibt, hört es vielleicht irgendwann auf – und auch die Tradition des Vögelessens im Süden.

Interview: Petra Kerschbaumer

stol